Mittwoch, 5. November 2014

Prostitution „so, wie sie heute besteht“.

Bild gefunden bei:
Natalie Sisson's - The Suitcase Entrepeneur
In Kommentaren, Meinungsartikeln oder politischen Texten begegnen uns immer wieder die gleichen Mythen und die gleichen Phrasen – nicht nur von ausgewiesenen Mitgliedern der Prostitutionslobby oder von bekannten, unreflektierten ClaqueurInnen sexueller Ausbeutung. Diese Mythen und Sätze finden sich leider auch in den Texten derer, denen ein Bemühen um eine Verbesserung der Situation der Frauen tatsächlich anzumerken ist. Und trotzdem – es ist Zeit, sich davon zu verabschieden. Auch wenn es schmerzhaft ist.

Eine Auswahl der Phrasen:

Das Prostitutionsgesetz wollte die Stellung der Prostituierten stärken, sie entstigmatisieren, ihnen Rechte gegenüber den Freiern einräumen und Zugang zu Sozialversicherungen ermöglichen.


Nein. Sorry. Das wollte es nicht. Das haben wir mal gedacht. Aus heutiger Perspektive betrachtet, hatte es drei Ziele:



  • Frauen dazu zu bringen, in die sozialen Sicherungssysteme einzuzahlen
  • die Millionengewinne aus Bordellbetrieb und Zuhälterei endlich so zu legalisieren, dass sie in die reguläre Wirtschaft investiert werden können
  • aus der Sexindustrie einen für den Staat zugänglichen und profitablen Geschäftszweig zu machen.

Es ist durchaus schmerzhaft, sich das einzugestehen. Denn ich glaube den Grünen, jedenfalls den meisten, den SozialdemokratInnen, jedenfalls den meisten, den Mitgliedern der LINKEN, jedenfalls den meisten, dass sie wirklich denken, es sei um die Frauen gegangen. Ich habe das damals auch geglaubt. Aber das Gesetz entstand zusammen mit Hartz IV, Änderungen im Renten- und Unterhaltsrecht – und langsam dämmert es sehr vielen von uns, was diese Gesetze gerade für Frauen bedeuten. Stichpunkte sind Armutseinstieg durch Kinder und vorprogrammierte Altersarmut. Es ist an der Zeit, dass besonders die Frauen unter den Grünen, der SPD und der LINKEN erkennen, dass sie hier über den Tisch gezogen wurden, dass ihre Bereitschaft zu helfen manipuliert und übelst ausgenutzt wurde. Dass unser Mangel an feministischen Denken dazu führte, dass wir dem Marketing und den politischen Lobby-Taktiken einer milliardenschweren Industrie nichts entgegen zu setzen hatten. Zum Schaden derer, denen wir helfen wollten.

Phrase Nr.2:
Prostitution, „so wie sie heute besteht“, ist sexistisch und gewaltbesetzt.

Nein – nicht „so wie sie heute besteht“ – anders gibt es sie nicht. Die Option auf eine völlig andere, "nicht so, wie sie heute besteht", ist nicht gegeben und kann auch nicht durch irgendwelche von jeglichen Fakten und Inhalten befreite Setzungen und Argumentationsstränge herbei geredet werden. Das Problem liegt nicht in der Darstellung der Prostitution, sondern in den ihr inhärenten Strukturen der Gewalt, der Machtverhältnisse und der Ausbeutung. Der Versuch, Sexismusdebatten und –diskurse von ihr abzulösen ist absurd bis fahrlässig, als würde die Gewalt in der Prostitution verschwinden, nur weil nicht darüber geredet wird, nur weil die hübsche, positive „Repräsentation“ der Prostitution dann so dominant wird, dass Gewalt in ihr endlich als „Ausnahme“ erkannt und angegangen werden kann. Ganz ehrlich: Das schaffen wir ja nicht mal im sonstigen Alltag von Frauen. Um es mit einem gewissen Sarkasmus zu verdeutlichen: Schaffen wir doch endlich das Patriarchat, die sexuelle Gewalt und Unterdrückung ab und ersetzen sie durch die völlige Gleichstellung von Männern und Frauen mit völliger, von allen als selbstverständlich angesehenen Gleichheit in Rechten auf sexuelle Lust, Unlust und Freiheit. Und wenn wir das auf allen Ebenen des Zusammenlebens erreicht haben, dann dürft ihr zu Belohnung noch einmal von der glücklichen Prostitution reden.  

Gleichzeitig verdeutlicht dieses etwas verzweifelte Wiederholen der Phrase „so wie sie heute besteht“, dass immer noch gehofft wird, dass jetzige Probleme im Umgang mit Prostitution einfach durch eine „andere Prostitution“ von selbst verschwinden. Hier geht es eher um Harmoniesucht in der Debatte seitens derer, die hier vermitteln wollen (was durchaus für sie spricht) als um die Situation der konkreten Frauen und anderer in der Prostitution oder um die Prostitution an sich.

Daraus kann jedoch kein praktikabler Ansatz entwickelt werden. Es ist schlicht nicht möglich ohne zu Heucheln einen „Empowerment-Diskurs in und für die Prostitution“ anzubieten und gleichzeitig die Prostitution an sich zu kritisieren.  

Es gibt sehr viele Ansätze akzeptierender Sozialarbeit (wobei ich keine einzige Frau auf der Welt damit zwangsbeglücken will!!), die durchaus die Gewalt und Problematik, die Gefährdung der GesprächspartnerInnen anerkennen und auch ansprechen. Ein Empowerment-Diskurs, der den Blick auf die Ressourcen der einzelnen Frau, des einzelnen Mannes legt, auf ihre Stärken und Chancen, sich ein sicheres Leben zu wählen – durchaus! Ein „Empowerment-Diskurs“, der die konkreten Lebensumstände der betroffenen Personen schlechterdings leugnet, ist empathiebefreit und zynisch.
Also wird gerne über Prostitution geredet – denn „Reden“ ist grundsätzlich ja gut – ohne über Prostitution zu reden. Es bleibt vage, allgemein. Denn „Reden“ über Prostitution würde auch bedeuten, endlich das schwedische Modell des Sexkaufverbots in seiner Gesamtheit darzustellen und es nicht auf diesen einzigen Punkt zu reduzieren. Es handelt sich dabei um ein durchaus komplexeres Maßnahmenpaket, bei dem gerade das „Reden“ über Prostitution einen zentralen Platz einnimmt. Dazu gehören auch Polizeischulungen, Aufklärungskampagnen, Beratungsangebote und die völlige Entkriminalisierung der Frauen, von der Deutschland – siehe Sperrbezirke – weit entfernt ist. Meiner persönlichen Meinung nach würde in der jetzigen Situation eine völlige Aufhebung dieser Bezirke Prostituierung noch weiter ansteigen lassen und damit die Probleme verschärfen. Hier könnte aber tatsächlich mal mit einer Freierbestrafung (statt der Bestrafung der Frauen oder Männer in der Prostitution!) angefangen werden. Hier herrscht merkwürdiges Schweigen. Aber hier ist Deutschland. Wir machen keine Gesetze, die Männer einschränken könnten, das gehört sich hier einfach nicht. Dann sich schon lieber die Frauen greifen, oder sie ganz ausliefern.

Natürlich wäre es möglich, tatsächlich die Rechte der Frauen dahingehend zu stärken, dass ihnen Gesetze zur Seite gestellt werden, die ihnen signalisieren, dass das Recht auf ihrer Seite und nicht auf der Seite der Freier steht. Frauen, die es geschafft haben, aus der Prostitution auszusteigen und darüber zu sprechen, fordern genau das. (1) Das Sexkaufverbot wäre so ein Gesetz, denn es signalisiert das grundlegende Unrecht in dieser Macht-Beziehung, aber das betrifft auch die Überarbeitung des §177 (Vergewaltigung) im Sinne der Europaratskonvention genauso wie eine Kondompflicht (statt extrem problematischer und in der Praxis extrem stigmatisierender Plakate), genauso wie glasklare Regelungen bezüglich Zuhälterei und Bordellbetrieb, deren Überprüfung gesichert ist. Die verschiedenen jetzigen Gesetzesentwürfe der verschiedenen Parteien sind davon sehr weit entfernt. Sie machen Verwaltungsabläufe für Bordelle etwas komplizierter, und das war's. Einige Vorschläge können eventuell junge Frauen etwas schützen oder den Markt etwas regulieren. Grundsätzlich ändern werden sie die Situation nicht. Dies gilt vor allem, da bisher so gut wie jede Form der Regulierung, die bisher in Deutschland getroffen wurde, immer die Frauen oder Männer in der Prostitution getroffen hat, der Zugriff immer über sie erfolgte, nie über die Freier, die mit ihrer Nachfrage den Markt erst schaffen und die die unmittelbare Gewalt ausüben, und nur selten die Profiteure des Geschäfts. Genau aus diesem Grund setzt das schwedische Modell bei der Nachfrage an. Der andere Weg ist der, den Deutschland und die Niederlande gegangen sind. 

Er bringt Steuern und gute Statistiken, da die Kosten und Schäden darin nicht aufgeführt werden und Ausbeutung und Gewalt so umdefiniert wurden, dass hier mit den „lediglich“ ca. 480 Fällen von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung geprahlt werden kann. Eine Zahl, an deren Reduktion intensiv gearbeitet wird – auch von Grüner Seite, auch innerhalb der SPD, einzelner der LINKEN – wenn es darum geht, die einzigen noch bestehenden Schutzbestimmungen für die Altersgruppe der 18-21 Jährigen zynischer Weise genau unter dem Deckmantel der Selbstbestimmung und der Sicherheit auszuhebeln.

Phrase Nr.3:
Das schwedische Modell führt die Prostitution nur in den Untergrund und gefährdet damit die Frauen. Es macht das Phänomen nur weniger sichtbar und schafft ein Dunkelfeld.

Ganz ehrlich: Es ist absurd, wenn ProstitutionsgegnerInnen immer wieder das angebliche schwedische "Dunkelfeld" vorgehalten wird, während hierzulande Schätzungen um sechsstellige Zahlen auseinander gehen. Wenn Evaluationen des Gesetzes, wie sie 2007 dann vorgenommen wurden (die Veröffentlichung dauerte dann noch drei Jahre), sich mit den Gefährdungen für die Frauen und ihren Gewalterfahrungen nicht einmal befassten. (2) Wenn ein Blick in Werbeangebote zur Prostitution uns täglich vorführen, was hier alles als akzeptabel, als normal, als nicht gewalttätig gilt. Gangbang-Parties mit schwangeren Teenagern zum flatrate Preis, Essen und Getränke inklusive, bei denen der Zustand der Genitalien der Frau nach mehreren Stunden dieser Veranstaltung mit abfälligen Worten beschrieben wird – und das Ganze in bejubelnden Texten, ohne dass es ein Problem gibt, denn sie „hatte einfach nur ihren Spaß“ und damit ist alles in Ordnung. (3)
Erzählt mir doch bitte noch einmal etwas vom Dunkelfeld in Schweden. Das lenkt so schön von unserem Hellfeld ab.
____________________________________
(2)  Zu den verschiedenen Publikationen der Bundestegierung:
http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=97962.html
Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes (Evaluation):
http://www.bmfsfj.de/doku/Publikationen/prostitutionsgesetz/pdf/gesamt.pdf
Auswirkungen des Gesetzes mit direkten Links zu den Kapiteln/Themen:
http://www.bmfsfj.de/doku/Publikationen/prostitutionsgesetz/03020305.html
Regulierung von Prostitutionsstätten:
http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=125706.html
http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-
Anlagen/Prostitutionsregulierung,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf
Wissenschaftliche Gutachten:
http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=93302.html
darunter:
-  Vertiefung spezifischer Fragestellungen – Ausstieg; Kriminalitätsbekämpfung:
http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung4/Pdf-Anlagen/prostitutionsgesetz-gutachten-2,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf
- Reglementierung von Prostitution, Reglementierung und Probleme:
http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung4/Pdf-Anlagen/prostitutionsgesetz-gutachten-1,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf
(3)  Hier gilt besondere Triggerwarnung. Mit entsprechenden Schlagworten sind solche „Parties“ („Prostitution, so wie sie heute besteht“?) ganz leicht zu googlen.
http://gang-bang-party.com/com/2014/02/19/teenie-tina-schwanger-gangbang-party/
http://gang-bang-party.com/com/2014/02/24/bericht-gangbang-filmparty-mit-dem-schwangeren-teenie-tina/
.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen