Donnerstag, 1. Mai 2014

Armut, Gesundheit, Prostitution: ein Themenkomplex

Trash Chaos Vessal- "Trauma"
Mary Anne Enriquez - 
Trash Chaos Vessal - "Trauma" (Flickr)
(CC BY-NC-ND 2.0)

Das Europa der erzwungenen Armut


Grenzöffnung und einheitlichem Wirtschaftsraum zum Trotz bleibt die Angleichung der unterschiedlichen Lebensstandards in Europa weitgehend aus. Tätigkeiten als ungelernte ArbeiterIn in der Zielweltregion ermöglichen ein besseres Einkommen wie Berufe als ausgebildete oder studierte ArbeiterIn in der Ursprungsregion.

Gleichzeitig werden die ärmeren Länder Europas dazu genötigt, ihre sozialen Absicherungssysteme und ihre medizinische Versorgung abzubauen, weil diese Staatsdefizite verursachen. Der Beitritt in die Europäische Union ist in vielen Randländern das Ziel aller politischen Entscheidungen, und die Reduzierung der staatlichen Ausgaben der Maßstab, nach dem ihre Zugehörigkeit für möglich oder unmöglich beurteilt wird. So ist ein Drittel der bulgarischen Bevölkerung 2011 nach dem EU-Beitritt in die Armut gestürzt. Die Gesundheitsversorgung ist unerschwinglich geworden. Ähnliches ist für die Ukraine und andere Beitrittskandidaten zu befürchten, wenn diese die Kriterien einhalten wollen, die von der EU diktiert werden.

Ausnutzung von Kompetenzen


Die deutschen Kliniken sind für die ÄrztInnen dieser Länder bessere Arbeitgeber als die landeseigenen – ruinierten – medizinischen Einrichtungen, also nutzen die reichen Länder Europas auch die Kompetenzen und indirekt die Bildungseinrichtungen der ärmeren Länder, um ihre Gesundheitsversorgung zu sichern. Das Ungleichgewicht der Volkswirtschaften wird verstärkt. Migration von Ost- nach Westeuropa wird also von den westeuropäischen Ländern entlang ihrer volkswirtschaftlichen Bedürfnissen gestaltet.

Migration in die sexuelle Ausbeutung


Westeuropäischen Männern stehen durch die wirtschaftliche Übermacht Europas Frauen aller anderen Weltregionen als sexuelle Beute zur Verfügung, um Wünsche auszuleben, die sie nicht mal wagen, ihrer europäischen einigermaßen gleichberechtigten Partnerin mitzuteilen. Diese männliche sexuelle Fantasien werden von einem bestimmten Sektor der Unterhaltungsindustrie geschaffen und treffen auf bereits vortraumatisierte Frauen, die sexuelle Unterwürfigkeit verinnerlicht haben, und nie Zugang zu einer Traumatherapie bekommen können. Der Hoffnung, in der Prostitution ihre Lebensumstände zu verbessern steht die Bereitschaft europäischer Männer, sexuelle Dienstleistungen zu kaufen gegenüber.


In der heutigen Debatte über Prostitution wird die Freiwilligkeit der Frauen als Argument benutzt, um ihnen einen Opferstatus zu verweigern. Die Traumata, die diese Frauen vor ihrem Einstieg in die Prostitution erlebt haben werden nicht wahrgenommen.

Die 2004 erschienene Studie über die Situation von Frauen in Deutschland hat gezeigt, welchens Ausmaß die Gewalt gegen Frauen in diesem Bereich einnimmt. Nach der Einschätzung der meisten Akteure (sowohl Polizei als auch Sozialarbeiterinnen in Fachberatungsstellen) hat das Prostitutionsgesetz von 2002 die Lage der Frauen noch verschlimmert. Die MenschenhändlerInnen und ZuhälterInnen haben seit der Verabschiedung dieses Gesetzes mehr Möglichkeiten, Frauen in ihre Gewalt zu bringen und sie auszubeuten, und hiermit deren Ausstieg unmöglich zu machen.

Der Umgang mit Trauma


Sexualisierte GewalttäterInnen sichern sich die Treue ihrer Opfer durch die sogenannte „Täterintrojektion“das heisst, dass ein Persönlichkeitsanteil der Opfer sich mit dem/r TäterIn solidarisiert und von ihm/r abhängig wird. So haben die meisten Prostituierten in ihrer Kindheit eine/n Verwandte/n gehabt, der /die sie eingeschüchtert, mit Vergewaltigungen und Gewalt in allen Formen gefügig und mit emotionellen Druckmitteln abhängig gemacht hat. Die Menschenhändler nutzen die Traumatisierung der Frauen und die daraus resultierende Hilfslosigkeit aus.

Viele Frauen in der Prostitution sind sich grundlegend unsicher, was „Missbrauch“ ist. Sie haben keine Möglichkeiten, ihre Gewalterfahrung in der Kindheit zu bearbeiten oder ihreTraumatisierung zu benennen. In der Prostitution erfahren sie mehr physische Gewalt als die durchschnittliche weibliche Bevölkerung. Physische Gewalt wird verübt von Zuhältern und Kunden. Praktiken, die andernorts als sexuelle Gewalt aufgefasst würden, werden hier als Sex verstanden und toleriert. Der Wunsch, solche Praktiken ausleben zu können wird von manchen Freiern in Freierforen als Grund des Prostitutionsbesuches angegeben.

Traumatherapie ist ein Randbereich der Medizin. Diese Therapien sind lang und teuer und werden von vielen Gesundheitssystemen als zu unwirksam oder zu unzuverlässig angesehen, um von ihnen bezahlt zu werden. Die Kriterien um den Bedarf einer Traumatherapie festzustellen haben nicht dieselbe Evidenz wie in anderen medizinischen Fachrichtungen, und das Ergebnis am Ende einer Therapie entbehrt auch oft eines konkret feststellbaren Messwertes. In vielen Fällen liegt die Beweislast, sowohl bei der Bedarfsermittlung wie auch bei dem Erfolg, bei der/dem PatientIn. Psychotherapeuten, die in diesem Bereich tätig sind, versuchen ihre professionelle Fachrichtung zu verteidigen, indem sie ihre Wirksamkeit gegenüber der klassischen Psychiatrie erklären. Diese aber genießt durch die immer fortschreitenden Erfolge der chemischen Forschung ein hohes Maß an Anerkennung, weil Symptome schnell und effizient durch Psychopharmaka beseitigt werden können. Es gibt natürlich hinter der Konkurrenz um die Anerkennung die damit verbundene Konkurrenz um die Kostenübernahme durch die Gesundheitssysteme.

Ethische Anforderungen an der Arbeitsteilung in Europa


Es ist nicht zu erwarten, dass Traumatherapie in den neuen EU-Ländern, deren staatliche Ausgaben gedrosselt werden, flächendeckend möglich und bezahlbar wird. Im Gegenteil. Die Frage stellt sich also, ob Medizin wie sie sich in den reicheren Ländern der Erde darstellt, auf einer ethisch vertretbaren Voraussetzung basiert, oder ob sie angesichts der demographischen Entwicklung eine Ausbeutung von ärmeren Bevölkerungsteilen Europas beinhaltet.

Migration hat viele Gesichter: Zwanghafte Wiederholung von Traumata zu Diensten einer männlichen Bevölkerung für die Ungelernten und Versorgung der reichsten Bevölkerung der Welt mit medizinischen Leistungen, -auch jenseits des Notwendigen- für diejenigen, die Medizin studiert haben sind zwei Konstellationen, die sich symetrisch ergänzen.

März 2014

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