Dieser Beitrag erschien erstmals am 4. April 2014 als Gastbeitrag im Internetblog "Die Freiheitsliebe"*
Je länger diese Prostitutionsdebatte andauert, umso mehr wundere
ich mich über so manche Argumentation. Hier ein paar besondere
Stilblüten:
• Amnesty International London veröffentlicht ein Positionspapier und reklamiert ein Recht auf sexuelle Befriedigung jenseits konventioneller Möglichkeiten (Perspektivwechsel: vorher ging es immer um das Recht sich prostituieren zu dürfen)
• Eine Bordellbetreiberin propagiert ein Menschenrecht (Männerrecht?) auf Sex
• Auf einer Konferenz zu Sorgearbeit wird Sexarbeit unter “Care-Arbeit” subsumiert, in einer Reihe mit „Gesundheit, Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung, Wohnen, Haushaltsarbeit“
Auffällig ist auch eine neoliberale Argumentation in Bezug auf
Prostitution/Sexarbeit. Diese wird deutlich in der Aufforderung
“Gefühle” und “Moral” (oder auch “Ethik”) doch bitte in der Diskussion
außen vor zu lassen und bitteschön “rational” zu diskutieren. Wie Meghan
Murphy
[1]
richtig bemerkt ist es doch eigentlich der Kapitalismus der keine
Gefühle kennt und dem Moral und Ethik bei der maximalen
Gewinnmaximierung absolut im Wege stehen. Aber Linke (und LINKE)
argumentieren in der Regel so nicht und treten ein für Arbeitsschutz und
gegen Ausbeutung, moderne Sklaverei (Leiharbeit), teilweise für ein
bedingungsloses Grundeinkommen, mitunter sogar gegen den
Lohnarbeitsfetisch (Stefan Grigat) oder gar für ein “Recht auf Faulheit”
[2] (Paul Lafargue, 1883, Schwiegersohn von Karl Marx).
In der Prostitutionsdebatte gilt es jedoch plötzlich auch in linken
Kreisen für legitim jemanden aus egoistischen Motiven auszubeuten, weil
diese Person beispielsweise in einer schwierigen ökonomischen Situation
ist – und deshalb Sex gegen Geld “freiwillig” zugestimmt hat.
Für die freiwilligen Sexarbeiterinnen, die sagen für sie handele es
sich um einen “Beruf wie jeden anderen” und eine bewusst und frei
gewählte Tätigkeit, wird mit Händen und Füßen, auch von Linken, für den
Erhalt dieses “Marktsegments” gekämpft. Komisch: Ich hab noch nie
jemanden aus den “eigenen Reihen” gehört der/die sagte: “Es gibt auch
glückliche Leiharbeiter_innen. Da können wir doch nicht grundsätzlich
dagegen sein. Wir nehmen ihnen doch ihre Lebensgrundlage” Oder: “Wir
dürfen nicht gegen Atomkraft oder Kohlestrom sein. Was wird denn dann
aus den Menschen, die dort arbeiten?” Ich habe NOCH NIE mitbekommen,
dass hier eine Forderung aufgestellt wird, die eigene Ethik und Moral
beiseite zu stellen und gefälligst mal “rational” zu argumentieren. Oder
doch mal den Betroffenen zuzuhören was die eigentlich wollen. Hat es
nicht auch mal Demos der Kohle-Kumpel zum Erhalt ihrer Arbeitsplätze
gegeben? Und haben dann Linke nicht gesagt man muss natürlich
Alternativen für sie schaffen, aber an den umweltpolitischen Zielen
selbstverständlich festhalten, weil wir nicht weiter die Erde so
gewissenlos zugrunde richten dürfen wie bisher?