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Mittwoch, 10. Dezember 2014

Tanja Rahm über Gewalt, Traumata und Dissoziation in der Prostitution

Tanja Rahm
Rede von Tanja Rahm auf dem Kongress Stop Sexkauf, 4. bis 6. Dezember 2014 in München, Rede im Workshop "Traumata und Prostitution: Erfahrungen und Forderungen".

Vor 10 Jahren wurde ich aus Frustration Therapeutin. Diese Frustration rührte aus meiner eigenen Erfahrung mit einer Psychologin, zu der ich ging nach einem zweiten sexuellen Übergriff, als ich 12 Jahre alt war. Diese Psychologin hatte keine Ahnung, was ich durchmachte. Diese Frau hatte an der Universität studiert. Sie hatte eine mindestens 7-jährige Ausbildung hinter sich. Und trotzdem hatte sie keine Ahnung, wie sie einem 12-jährigen Mädchen, welches von einem Mann in einem Hauseingang sexueller Gewalt ausgesetzt worden war, helfen konnte. Sie konnte mir fast nicht in die Augen sehen. Ich erinnere mich, dass ich da in ihrem Sofa saß, während sie sich Notizen machte. Ich fühlte mich unwohl dabei, so analysiert zu werden, um in das Schema zu passen, in welches ihre Ausbildung sie gelehrt hatte, mich hineinzupressen. Ich war nur ein paar Mal dort, denn es war eine Verschwendung des Geldes meiner Mutter. - Wenn es ihr gelungen wäre, mir zu helfen, dann hätte mein Leben anders verlaufen können.

Stattdessen wurde ich mit 16 Jahren in die Psychiatrie eingewiesen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits 3 Selbstmordversuche hinter mir. Nicht einmal die ÄrztInnen oder PsychiaterInnen waren in der Lage, mir zu helfen - alles was sie taten, war zu prüfen, ob sie mich in ihr akademisches Schema einordnen konnten.

Nach zahlreichen sexuellen Übergriffen kontaktiere ich einen Fotografen, als ich 17 Jahre alt war. Ich wurde ein Nacktmodel, bis er mich im Wald sexuell belästigte. Als ich anfing zu weinen, sagte er mir, dass ich nutzlos und weichlich sei und dass er mich nicht mehr als Model gebrauchen könne.

Das ist es, was die "Groomer" machen. Das ist jetzt nichts Neues. Aber: Was hätte diese Psychologin tun können, womit sie mich dazu bringt, mir selbst zu vertrauen? Was hätte sie tun können, um mir beizubringen, dass ich das Recht habe, nicht als Sexobjekt angesehen zu werden? Wie hätte sie mir beibringen können, meine eigenen Grenzen zu setzen?

Was wäre passiert, wenn diese Psychologin in ihrer Jacke auf mich gewartet hätte, um mir zu sagen, dass wir spazieren gehen? Was wäre passiert, wenn sie von ihren Schemata und Notizen aufgesehen hätte und mich gesehen hätte? Was wäre passiert, wenn sie sich einfach ganz normal mit mir unterhalten hätte, ohne jegliches akademisches Vokabular.

Dienstag, 9. Dezember 2014

Tanja Rahm: Wir wurden viel zu lange zum Schweigen gebracht

Tanja Rahm
Rede von Tanja Rahm auf dem Kongress Stop Sexkauf, 4. bis 6. Dezember 2014 in München, Rede im Workshop "Die Realität der Prostitution: Aussteigerinnen berichten"

In der erstem 6 Monaten in 2014 wurden 29 Menschen als Menschenhandelsopfer zur sexuellen Ausbeutung in Dänemark identifiziert. Und dennoch scheint sich niemand für die 70 nigerianischen Frauen, die die ganze Nacht in einer Kopenhagener Straße stehen, zu interessieren. Genauso wenig interessieren die osteuropäischen Frauen, die dort tagsüber stehen. Und das ist nur die eine Straße in Kopenhagen. Wir haben viele solcher Straßen in Dänemark und wir haben Innenprostitution. Ich denke, jede die heute hier ist, weiß, dass sehr viele dieser gehandelten Frauen auch in den Terminwohnungen, Häusern und Wohnwagen versteckt werden.

Es schockiert mich, dass sich niemand für diese Frauen zu interessieren scheint. Sie sind in ein fremdes Land gereist, vielleicht aus freien Stücken, vielleicht auch nicht. Sie sind da draußen auf den Straßen und werden von fremden Männern aufgegabelt, mit denen sie nicht kommunizieren können. Sie fahren in dunkle Gassen und befriedigen Männer sexuell, die es nicht interessiert, ob diese Frauen in die Prostitution gezwungen wurden oder nicht. Frauen aus der ganzen Welt haben erzählt, dass sie Käufer um Hilfe gebeten haben, aber das hat diese nicht interessiert. In Dänemark interessiert es jeden siebten Sexkäufer nicht, ob die Frau, die er kauft, gehandelt wurde - Sie sagen es interessiert sie nicht, wer das Geld bekommt. Wenn sie da ist und er zahlt, dann ist es ihr Ding, was sie mit dem Geld tut. Diese Männer haben keinerlei Empathie.

Kein Mann hat mich jemals gefragt, ob ich aus freiem Willen in der Prostitution bin. Es hat sie überhaupt nicht interessiert. Sie zeigten ihre Begeisterung, wenn sie sahen, dass ich viel jünger als 20 Jahre aussah. Sie sagten: "Du siehst aus wie 17", und dann lächelten sie. Sie lächelten ... Selbst dann, wenn sie über 70 waren, besonders, wenn sie über 70 waren.

Manchmal erinnere ich mich selbst daran, wie viel Glück ich doch habe. Ich hatte die Möglichkeit, aus der Prostitution herauszukommen. Ich hatte eine Familie, die da war, um mir zu helfen. Ich sprach die Sprache und ich wusste, wohin ich gehen konnte, um Hilfe zu bekommen. Ich weiß, dass viele dieser Frauen in die Prostitution gezwungen werden durch Druck aus ihrer Familie, weil sie gehandelt werden, aufgrund von Armut oder weil man sie anlügt, wenn sie von einem besseren Leben in Europa oder Skandinavien träumen.

Ich weiß auch, dass manche Menschen sagen, dass es besser ist, wenn sie sich prostituieren, um ihre Kinder ernähren zu können. Dass Prostitution besser ist als Armut. Ich stimme dem nicht zu - Nicht weil ich finde, dass Menschen in Armut leben sollen, denn niemand sollte das. Aber nicht einmal Armut gibt Männern das Recht Frauen zu benutzen, arme und verzweifelte Frauen.

Montag, 8. Dezember 2014

Tanja Rahm: Solange Frauen in der Prostitution leiden, werde ich sprechen

Tanja Rahm
Rede von Tanja Rahm auf dem Kongress Stop Sexkauf, 4. bis 6. Dezember 2014 in München - Freitag

In diesem Jahr wurden in Dänemark mehr als 20 Frauen ermordet, von Männern, in vielen Fällen von ihrem Partner oder Ex-Partner. Nur drei Männer wurden von Frauen ermordet. 29.000 Frauen in Dänemark sind jedes Jahr geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt. 8.000 Männer erleben Gewalt, meistens durch andere Männer. Warum glauben Männer, sie können Menschen und insbesondere Frauen so behandeln?

Ich denke die australische Soziologin Raewyn Connell kann eine Antwort auf diese Frage liefern, lasst mich sie zitieren:
"In vielen Teilen dieser Welt glauben manche Menschen, dass sie Frauen, die von ihnen abhängig sind, besitzen - die sie wegwerfen können, wenn sie wollen, oder auch töten, wenn es sein muss."
Ich kenne eine Frau aus Dänemark, die in die Prostitution gezwungen wurde. Sie musste das ganze Geld ihrem Partner geben, der ihr nur einen kleinen Teil für Essen ließ. Er drohte ihr, dass sie ihre Kinder niemals wiedersehen würde, wenn sie sich nicht prostituieren würde.

Eine andere Frau musste aus ihrem Heimatland fliehen. Sie ging nach Dänemark, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie traf eine brasilianische Frau in Dänemark, die sagte sie würde ihr helfen, aber sie stattdessen in die Prostitution zwang.

Eine andere Frau entschloss sich selbst zur Prostitution. Ihr Vater hatte sie als Kind gefoltert, vergewaltigt und ihre Vagina und ihren Anus verletzt, indem er verschiedene Dinge in sie hinein steckte.

Eine andere dänische Frau wurde von ihrem Großvater vergewaltigt, als sie ein kleines Mädchen war. Als sie erwachsen war, ging sie in die Sexindustrie und wurde in Filmen, die sie nie wieder verschwinden lassen kann, benutzt und missbraucht.

Eine andere Frau hatte viele Jahre mit einem gewalttätigen Ehemann zusammengelebt. Als sie sich endlich von ihm trennte, brach sie zusammen. Sie war 50 Jahre, als sie in die Prostitution verwickelt wurde. Sie stand auf den Straßen und fühlte sich wertvoll, wenn Männer sie anderen Frauen auf der Straße vorzogen. Sie wurde mehrfach in den Autos der Sexkäufer vergewaltigt, aber dennoch war sie so gebrochen, dass sie dachte sie sei etwas wert, weil die Männer sie ausgewählt hatten.

Sonntag, 20. April 2014

Öffentliches Statement an Amnesty International

Zum öffentlichen Statement an Amnesty bei Space International.

Anmesty International Protest-Plakat, Protest Resources

Aufruf von SPACE INTERNATIONAL – Survivors of Prostitution-Abuse Calling for Enlightenment

Wir, die Mitglieder von SPACE International, widersprechen entschieden der Positionierung von Amnesty International (AI) zu Prostitution. Amnestys kürzlich veröffentlichtes Dokument (1), das behauptet, die Ausbeutung der Prostitution sei eine Angelegenheit von Autonomie und selbstbestimmter Wahl, verdient nichts geringeres als unsere öffentliche Verurteilung als Verrat an den Rechten von Frauen. Darüber hinaus handelt es sich um eine politische Position, die nur eingenommen werden kann, wenn man bereit ist, die realen Situationen zu übergehen, die dazu führen, dass Frauen und Mädchen überhaupt in der Prostitution landen.

Prostitution ist ein Geschäft, das vom absoluten Mangel an Autonomie und selbstbestimmter Wahl lebt und Amnestys Bezeichnung davon als „frei gewählte bezahlte Arbeit“, als „freely chosen gainful work“ übersieht absichtlich und explizit die Tatsache, dass nichts an kommerzialisierter Ausbeutung frei gewählt wird. Wir wenden uns jeder Beziehung gegen die Aussage und den Ton dieses Dokuments, angefangen mit der Überschrift, in der Prostituton als „Sexarbeit“ dargestellt wird, wodurch das, was Prostitution grundsätzlich ausmacht, verdeckt wird. Prostitution ist Misshandlung und ausbeuterische sexuelle Gewalt gegen Menschen, fast immer Zahl Frauen und Mädchen, die durch andere Menschen, üblicherweise erwachsene Männer, ausgeführt wird; Männer die sich im Vergleich zu denjenigen, die sie zur sexuellen Benutzung und Misshandlung kaufen, in einer Position sozialer, rassistischer und finanzieller Privilegierung befinden.