Montag, 8. Dezember 2014

Tanja Rahm: Solange Frauen in der Prostitution leiden, werde ich sprechen

Tanja Rahm
Rede von Tanja Rahm auf dem Kongress Stop Sexkauf, 4. bis 6. Dezember 2014 in München - Freitag

In diesem Jahr wurden in Dänemark mehr als 20 Frauen ermordet, von Männern, in vielen Fällen von ihrem Partner oder Ex-Partner. Nur drei Männer wurden von Frauen ermordet. 29.000 Frauen in Dänemark sind jedes Jahr geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt. 8.000 Männer erleben Gewalt, meistens durch andere Männer. Warum glauben Männer, sie können Menschen und insbesondere Frauen so behandeln?

Ich denke die australische Soziologin Raewyn Connell kann eine Antwort auf diese Frage liefern, lasst mich sie zitieren:
"In vielen Teilen dieser Welt glauben manche Menschen, dass sie Frauen, die von ihnen abhängig sind, besitzen - die sie wegwerfen können, wenn sie wollen, oder auch töten, wenn es sein muss."
Ich kenne eine Frau aus Dänemark, die in die Prostitution gezwungen wurde. Sie musste das ganze Geld ihrem Partner geben, der ihr nur einen kleinen Teil für Essen ließ. Er drohte ihr, dass sie ihre Kinder niemals wiedersehen würde, wenn sie sich nicht prostituieren würde.

Eine andere Frau musste aus ihrem Heimatland fliehen. Sie ging nach Dänemark, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie traf eine brasilianische Frau in Dänemark, die sagte sie würde ihr helfen, aber sie stattdessen in die Prostitution zwang.

Eine andere Frau entschloss sich selbst zur Prostitution. Ihr Vater hatte sie als Kind gefoltert, vergewaltigt und ihre Vagina und ihren Anus verletzt, indem er verschiedene Dinge in sie hinein steckte.

Eine andere dänische Frau wurde von ihrem Großvater vergewaltigt, als sie ein kleines Mädchen war. Als sie erwachsen war, ging sie in die Sexindustrie und wurde in Filmen, die sie nie wieder verschwinden lassen kann, benutzt und missbraucht.

Eine andere Frau hatte viele Jahre mit einem gewalttätigen Ehemann zusammengelebt. Als sie sich endlich von ihm trennte, brach sie zusammen. Sie war 50 Jahre, als sie in die Prostitution verwickelt wurde. Sie stand auf den Straßen und fühlte sich wertvoll, wenn Männer sie anderen Frauen auf der Straße vorzogen. Sie wurde mehrfach in den Autos der Sexkäufer vergewaltigt, aber dennoch war sie so gebrochen, dass sie dachte sie sei etwas wert, weil die Männer sie ausgewählt hatten.

Ich wurde zwischen meinem elften und siebzehnten Lebensjahr von verschiedenen Männern sexuell belästigt. In einem Park, auf der Straße, im Eingangsbereich eines Hauses, im Wald, in einem Bus, in einem Zug, in einer öffentlichen Toilette und ich könnte noch zahlreiche weitere Orte aufzählen, an denen ich mich nicht sicher fühlte. Tatsächlich war ich niemals sicher an öffentlichen Orten. Nicht als Kind und nicht einmal als Erwachsene. Ich bin immer noch gezwungen zu akzeptieren, dass Männer sich berechtigt fühlen, meinen Körper oder meine Sexualität zu kommentieren. Wenn ich dies nicht zu würdigen weiß, werde ich als prüde beschimpft.

Raewyn Connell sagt auch:
"Es gibt ungleichen Respekt. In vielen Situationen werden Frauen als einer Handlung untergeordnet behandelt oder wie ein Objekt männlicher Begierde. Eine ganze Industrie vermarktet Frauenkörper als Objekte für den männlichen Konsum."
Und das ist es um was es hier geht und um das es immer gegangen ist. Frauen für das männliche sexuelle Lustempfinden zu objektifizieren. Frauen und Kinder werden Gewalt und sexueller Belästigung ausgesetzt und dennoch sprechen PolitikerInnnen, die Medien und die Bevölkerung von der freien Wahlentscheidung für die Prostitution.

Keine der Frauen, die ich eben erwähnt habe, war aufgrund freier Entscheidung in der Prostitution. Ich habe gerade in Dänemark eine Überlebendengruppe gegründet und wir sind bereits 12 Personen in unserem Netzwerk. Es wurde am 18. November diesen Jahres gestartet! Bereits davor haben mindestens 15 Frauen in Dänemark öffentlich über ihre Erfahrungen in der Prostitution gesprochen, aber niemals von einer freien Wahl.

Also warum um Himmels willen verbringe ich meine Freizeit damit? Warum reise ich um die Welt, um darüber zu sprechen, warum entblöße ich mich und lasse alle wissen, dass ich eine prostituierte Frau gewesen bin? Warum um Himmels willen tue ich das?

Ich könnte zu Hause bleiben und mit meiner Tochter Tee trinken. Ich könnte einen Roman lesen und die Tatsache ignorieren, dass Millionen von Frauen und Mädchen Gewalt angetan wird, sie in der Sexindustrie sexuell benutzt und missbraucht werden. Könnte ich das?

Es hat mich 9 Jahre gekostet zur Wiederherstellung, nur damit ich überhaupt hierüber reden kann. Es hat 9 Jahre gebraucht, um meine so genannte freie Wahl zu akzeptieren. Es brauchte 9 Jahre voller Scham, bis ich mich stark genug gefühlt habe, über meine Erfahrungen zu sprechen ... - Und wisst ihr was? So lange Frauen das erleiden, was ich in der Prostitution durchmachen musste, werde ich nicht in der Lage sein, es zu ignorieren.

Ich muss das hier tun, ich muss sprechen und die Wahrheit über Prostitution erzählen, wir alle müssen das - all die mutigen Frauen, die Prostitution überlebt haben, dürfen nicht aufhören, darüber zu sprechen, ihre Erfahrungen weiterzugeben, denn solange die PolitikerInnen sich blind stellen, müssen wir sie erinnern was SIE sich entschieden haben zu ignorieren.

Das, was sie sich entschieden haben zu ignorieren, ist die Tatsache, dass selbst wenn Frauen nicht in die Prostitution gezwungen werden, so werden sie dennoch in diese Industrie manipuliert - sie werden sexueller Belästigung ausgesetzt, sie werden von den Medien manipuliert, um objektifiziert, kommerzialisiert und zu Waren gemacht zu werden und es wird ihnen beigebracht, dass sie wertlos sind, dass sie nicht die gleichen Rechte haben, dass sie der männlichen Bevölkerung zu dienen und diese zu befriedigen haben. Dass sie Vergewaltigung und Gewalt akzeptieren müssen und dass die männlichen Wünsche immer noch als wichtiger angesehen werden als die Sicherheit der Frauen.

3 Jahre lang war ich in der Prostitution. Ich glaubte, dass ich darüber glücklich war. Ich glaubte, dass es mein freier Wille war. Ich glaubte, dass ich eine Art "Edelprostituierte" war, die den Traum einer jeden Frau lebt. Ich glaubte, dass ich die Kontrolle hatte, dass ich glücklich war - und weil ich so beschäftigt damit war, mich selbst anzulügen, fielen mir die Gewalt, die sexuellen Übergriffe und die Furcht, die ich versuchte zu verstecken, gar nicht auf, ließen mich komplett von meinem Selbst dissoziieren, so sehr, dass ich in Angst versetzt wurde, so sehr, dass ich in Depressionen verfiel und so sehr, dass ich Selbstmordabsichten hegte - Denn als ich da noch drin war, dachte ich törichterweise, dass eines Tages Richard Gere kommen würde und mich von all dem retten würde.

Lasst mich zum Schluss Raewyn Connell ein weiteres Mal zu zitieren:
"Mädchen wird immer noch durch die Alltagskultur beigebracht, dass sie in aller erster Linie begehrt sein müssen, als wäre es ihre Hauptaufgabe in Seidenkissen zu liegen und auf Prince Charming zu warten, jede Woche das Horoskop zu lesen um zu sehen, ob die Sterne gut stehen, wenn er dann kommt."
Ich danke euch.

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