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Dienstag, 8. November 2016

Interview mit Huschke Mau

Soledad Cartagena von der schwedischen Internetzeitung Feministiskt Perspektiv hat die deutsche Prostitutionsüberlebende Huschke Mau interviewt

Warum hast du den Brief “Ich habe die Schnauze voll von Euch” geschrieben?

Ich habe den Brief geschrieben, als ich ein Interview mit ihr las, in dem sie [Stefanie Klee] schrieb das einzige traumatisierende an der Prostitution sei die Stigmatisierung, beginnend ab dem Moment an dem sie das Bordell verlasse. Es war so unglaublich zynisch und menschenverachtend, wie sie die Tatsachen verdreht und Prostitution als etwas dargestellt hat, das nicht schädigend ist. In Deutschland ist es schwer, als ehemalige Prostituierte zu sprechen. Das gesellschaftliche Klima ist unglaublich feindlich. Männer glauben immer noch, sie hätten ein Recht auf Sex. Dass Sex sich nicht von dem Körper, von dem Menschen trennen lässt, wird ausgeblendet. In Deutschland zu sagen, wie es wirklich ist, sich zu prostituieren, ist schwer. Man wird angegriffen, beleidigt, verhöhnt und erlebt schwere Verletzungen durch die abwertenden Kommentare. Ich wurde sogar schon von Menschen darüber belehrt, was meine Erfahrungen in der „Sexarbeit“ zu sein haben, und wenn sie nicht positiv sind, läge es an mir. Ich wurde auch schon gefragt: „Wenn du keinen Sex magst, warum bist du dann Sexarbeiterin geworden? Schön doof!“ oder es wurde behauptet, ich hätte mir das alles ausgedacht. Weil das gesellschaftliche Klima in Deutschland so pro Prostitution ist, habe ich lange geschwiegen. Aber als ich das Interview mit Stephanie Klee gelesen habe (die von der Pro-Prostitutionslobby kommt, eine eigene Agentur besitzt und sich jetzt auf „Sexualassistenz Behinderter spezialisiert hat) ist irgendetwas in mir geplatzt. Ich war einfach zu wütend! All diese Behauptungen sorgen dafür, dass sich die Realität hunderttausender prostituierter Frauen in Deutschland nicht ändert und dass sie weiter in diesem Sumpf stecken, in dem sie missbraucht werden und ihnen keiner glaubt, was sie erleben!


Freitag, 2. Mai 2014

Interview mit einer Domina

Ellen Templin, † 20.12.2010
"Die Legalisierung war eine einzige Verarschung."
Sendung am 08.03.2010:
Frauentag, Liebe, Leid und Lebensfreude

Ellen Templin führt ein Domina-Studio in Berlin – und engagiert sich gegen die Missstände im käuflichen Erotik-Bereich. “Was hat das mit mir zu tun?” mag man sich fragen – doch wer ihr zuhört, merkt: “es hat mehr mit mir zu tun, als ich dachte!”  Ellen analysiert die Entwicklungspsychologie von Frauen, die im Erotikbereich arbeiten, wie auch die von Freiern; anhand Erotikannoncen weist sie wissenschaftlich nach, dass mit der Legalisierung der Prostitution massive Verschlechterungen von deren Lebensbedingungen einhergehen.

Hedwig von Knorre (HvK): Herzlich willkommen bei Liebe, Leid und Lebensfreude. Am Mikro ist Hedwig und sie sind beim freien Radio Wüste Welle Tübingen, zum empfangen auf UKW 96,6 MHz und im Internetlivestream unter www.wueste-welle.de.

Der Eingangssong ist Dirty Diana von Michael Jackson. Das hat sich meine heutige Interviewpartnerin gewünscht, eine ganz besondere Frau, Ellen Templin, mit der ich ein Telefoninterview machen werde nach Berlin. Diese Frau habe ich kennengelernt Ende Januar bei einem Terre des Femmes AG-Treffen. Das AG Treffen Migration und Frauenhandel beschäftigt sich unter anderem mit Zwangsprostitution und das ist ja nicht nur Zwangsprostitution, sondern Prostitution allgemein. In diesem Rahmen kam Frau Templin und hat uns allen, die wir uns oft mit Frauenrechten und allem möglichen beschäftigen, uns allen, unglaublich viel beigebracht. Wir haben sehr viel gelernt und es ging uns tief unter die Haut, und das ist das Thema unserer heutigen Sendung: der käufliche Erotikbereich. Liebe Leid und Lebensfreude. Lebensfreude ist unglaublich wichtig, ohne kann man das Leben nicht ertragen, aber Leid macht uns viel daran kaputt und Liebe ist häufig der Weg zurück zur Lebensfreude. Bei Ellen Templin ist das der Fall und ich werde sie gleich anrufen, aber während ich wähle lasse ich die Musik mal noch ein bisschen weiterlaufen und wir klinken uns dann gleich gemeinsam wieder ein

[Musik]

HvK: Da hören wir dich schon husten Ellen. Hörst du mich?

ET: Ja, ich hör dich.

HvK: Wunderbar. Hast du den Song noch gehört? Dirty Diana, den du dir gewünscht hast?

ET: Ja. Den hab ich mir gewünscht. Ja.

HvK: Das freut mich sehr. Ellen ich hab dich kurz angekündigt als eine Frau von der ich kürzlich, Ende Januar, unglaublich viel gelernt habe und mit mir zusammen mehrere Frauen von Terre des Femmes von der AG Migration und Frauenhandel und hab gesagt es ist wichtig, dass viele Menschen erfahren was wir da gelernt haben und du bist wirklich Spitze darin uns das beizubringen und ich danke dir für dieses Interview jetzt, obwohl du erkältet bist.

ET: Ja, danke für so viele Komplimente. Ich bin das kaum gewöhnt, dass mir jemand in diese Richtung was sagt. Eigentlich höre ich immer, dass ich sie abnerve, die Menschen, dass das alles schon mal gesagt worden ist, dass das alles nichts bringt und dass die Frauen in der Prostitution gerne sind und auch kein Problem haben, dass Präservative nicht wichtig sind, sie haben kein Problem damit Sperma zu schlucken und so weiter und so fort.

HvK: Gut, da sind wir gleich heftig eingestiegen, direkt mittendrin. Und du sagst das stimmt nicht.

ET: Nein, das stimmt nicht. Ganz massiv hat es sich in der Prostitution zum Schlechten gewendet seit der Legalisierung, sprich seit dem 1.1.2002. Das hat ganz viele schlechte Sachen gebracht. Als erstens, ich kann jetzt zumindest nur für Berlin sprechen, ist die Kondompflicht, alles was mit Anzeigen zu tun hat, also das die ganzen Zeitungen, Stadtmagazine, die Berliner Tageszeitungen, die werben seit der Legalisierung ganz aggressiv, täglich für kondomfreien Sex. Das sieht folgendermaßen aus: Ich schlucke gern, Gesichtsbesamung, Dreilochfickpaket…

HvK: Moment, Moment, Dreiloch… Was bedeutet das?

ET: Dreilochfickpaket das heißt die Frau ist anal, vaginal und oral zu nehmen. Und das jeweils ohne Präservativ.
HvK (räuspert sich): Ja also mir geht das total nah, wenn ich das so höre und damit will ich auch ehrlich sein. Und ich glaube das geht ganz vielen so, die normalerweise nichts damit zu tun haben, wenn wir uns das näher kommen lassen. Also wenn das unseren Gedanken nahe kommen darf. Das ist für uns schlimm, und du sagst eigentlich ist das für die Frauen, die das praktizieren auch schlimm.