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Mittwoch, 27. Dezember 2017

Überlebensmechanismen und Trauma-Bonding in der Prostitution

CC BY SA 2.0. - Kiran Foster
“Wir wurden gebrochen. Wir wurden zerrissen. Wir erhielten von $20 bis $5000 und es fühlt sich gleich an. Es fühlt sich an wie $2. Es gibt keinen Unterschied zwischen High-Class und Low-Class. Ich habe alles davon hinter mir und es fühlt sich alles gleich an” - Ne`cole Daniels
 „Ich war ein High-Class-Escort und wir haben uns immer vorgemacht, dass das, was wir getan haben, so viel besser war, als das, was die Prostituierten auf der Straße oder in den schäbigen Bordellen tun. Die Wahrheit ist, dass wir genau das Gleiche gemacht haben: wir hatten gefakten Sex für Geld. Es macht keinen Unterschied, dass die Laken sauber waren“ - Tanja Rahm
Immer wieder stellen wir in Debatten fest, dass die Gruppe der prostituierten Frauen aufgesplittet wird: In zwangsprostituierte Frauen und „freiwillige“ prostituierte Frauen. Wenngleich die Definition dessen, was Zwang bedeutet, variiert, ist die Logik immer die gleiche: Es gibt Frauen, die gezwungen sind, sich zu prostituieren, mit Gewalt oder aus ökonomischer Not heraus und die unser Mitleid verdienen – und jene, die sich „frei“ dazu entschieden haben, obwohl sie doch- ganz offenkundig - Alternativen hätten. Zum Beispiel, weil sie Deutsche sind und Hartz IV beziehen können, anders als die arme Rumänin, die hier von Sozialleistungen ausgeschlossen ist und im Heimatland im heruntergekommenen Armen-Ghetto lebt. Weil sie Akademikerinnen sind, studiert haben oder einen „anständigen“ Beruf gelernt haben. Diese Frauen haben dementsprechend in den Augen mancher „selbst schuld“ und verdienen unser Mitleid nicht.
„Die Wahrheit ist, dass Radikal-Feministinnen hier auf der richtigen Seite der Geschichte stehen und sie die einzigen Feministinnen sind, die voll und ganz verstehen, worum es geht und warum das so ist. Sozialistische Feministinnen haben meinen Respekt, aber sie haben nicht ganz verstanden, worum es geht. Prostitution existiert nicht als Folge der wirtschaftlichen Entrechtung der Frau. Armut ist begünstigender Faktor. Aber kein Grund. Begünstigende Faktoren sind keine Gründe. Sie sind einfach begünstigende Faktoren.“ - Rachel Moran
Dabei wird übersehen, dass auch Frauen, die deutsch und weiß sind und studieren, in Armut leben können. Auch sie können aus dysfunktionalen Familienverhältnissen stammen und sexuelle, physische oder oft auch emotionale Gewalt erfahren haben und ihre Traumata in der Prostitution reinszenieren. Rachel Moran weist darauf hin, dass eine Sichtweise, die nur die materiellen Lebensbedingungen als Ursache von Prostitution ansieht, verkürzt ist.

Dienstag, 5. Dezember 2017

Die Prostitutionsdebatte und das „Reden mit Betroffenen“


Pixabay, Public Domain
Diskussionen zu Prostitution laufen immer sehr ähnlich ab. Eine große Rolle spielt dabei immer wieder – und das völlig zu Recht – die Sichtweise der Betroffenen. Appelle „mit Betroffenen zu reden“ erfüllen dabei aber in aller Regel die Funktion die Debatte in Richtung bestimmter Betroffener zu lenken, wie ich im Folgenden - nach der 74598ten Online-Debatte zum Thema - bei der (etwas überspitzten) Nkachzeichnung eines idealtypischen Diskussionsverlaufes zeigen möchte – als ewig gleiches Drama in drei Akten.

Prolog

Jemand beginnt eine Debatte zum Thema, der Aufhänger ist relativ egal, und legt seine Meinung zum Sachverhalt dar. Ein paar Mitdiskutierende äußern Zustimmung, Abweichung oder partiell von jedem etwas, bzw. bringen zusätzliche Aspekte ein. Und dann, man kann die Uhr drauf stellen, passierts.

Freitag, 6. Juni 2014

Eingabe einer australischen indigenen Frau für alle Frauen

Representative flag of Indigenous Australians
(gemeinfrei)

Indigene Völker gehören zu den ausgebeutetsten Völkern der Erde.


Aus diesem Grund gibt es viele Gruppen indigener Frauen, die sich entschieden gegen die Normalisierung und Verherrlichung der Prostitution wenden.

Wir bitten um Unterstützung folgender Petition:


Hier die deutsche Übersetzung.

Im Anschluss findet Ihr, finden Sie weitere Petitionen und Links zum Thema.

Liebe Schwestern, Überlebende und UnterstützerInnen,

ich spreche als Aussteigerin aus der Prostitution und als Enkelin einer Latje-Latje indigenen Frau in Australien. Wie viele von Euch bereits wissen, hat Amnesty International ein Themenpapier entworfen, das die völlige Entkriminalisierung der Prostitution vorschlägt. Amnesty International richtet sich damit aktiv gegen das Nordische Modell, das die Prostituierten vor Strafverfolgung schützt und das die Nachfrage senkt, und befürwortet statt dessen eine Vorgehensweise, die maßgeblich von den Interessen der Sexindustrie und eines bekannten Zuhälters bzw. Bordellbesitzers geleitet sind.

Indigene Völker sind die ausgebeutetsten Völker der Erde.

Die Richtlinie Amnesty Internationals zur Prostitution soll sicherstellen, dass der Kauf und Verkauf von (vor allem) Frauen als unausweichlich und als Beruf wie jeder andere angesehen wird. „Sex worker“ Verbände, die von sich behaupten, dass sie Prostituierten Frauen helfen, bewerben gezielt diese von Amnesty International eingeschlagene Richtung um sicherzustellen, dass auch sie von unserer Versklavung profitieren.

Viele von Euch haben Briefe als Überlebende der Prostitution und als Einzelne geschrieben oder mitunterzeichnet.

Diese Briefe sind unschätzbare Quellen und Unterstützung.

Hier in Australien hat eine kleine und entschiedene Gruppe die Amnesty Gruppen vor Ort gezielt angesprochen. Wir waren damit teilweise erfolgreich und zwei Amnesty Zweige unterstützen jetzt das Nordische Modell während sich einer für die Verschiebung der Entscheidung über die Richtlinie ausgesprochen hat, bis die Aussagen der Aussteigerinnen aus der Prostitution gehört wurden.

Wir werden dies bald der landesweiten Amnesty Versammlung vorlegen und bitten dazu um Eure Unterstützung.

Ich möchte einen Brief vorlegen, der von indigenen Frauen aus der ganzen Welt unterzeichnet wurde.

Prostitution ist nicht unausweichlich. Frauen sind keine Ware.

Ich bitte darum, dass Ihr Euren Name, als Überlebende oder Unterstützerin, unter meinem Namen unter den folgenden Brief setzt. Das landesweite Treffen in Australien wird vom 5.-6. Juli stattfinden, also haben wir nur noch wenig Zeit, um Unterschriften zu sammeln.

Mit aufrichtigem Respekt bitte ich Euch, uns in dieser bedeutenden Zeit des Wandels für Frauen zu Unterstützen.

In Solidarität und als Eure Schwester,

Simone Watson

Freitag, 2. Mai 2014

Interview mit einer Domina

Ellen Templin, † 20.12.2010
"Die Legalisierung war eine einzige Verarschung."
Sendung am 08.03.2010:
Frauentag, Liebe, Leid und Lebensfreude

Ellen Templin führt ein Domina-Studio in Berlin – und engagiert sich gegen die Missstände im käuflichen Erotik-Bereich. “Was hat das mit mir zu tun?” mag man sich fragen – doch wer ihr zuhört, merkt: “es hat mehr mit mir zu tun, als ich dachte!”  Ellen analysiert die Entwicklungspsychologie von Frauen, die im Erotikbereich arbeiten, wie auch die von Freiern; anhand Erotikannoncen weist sie wissenschaftlich nach, dass mit der Legalisierung der Prostitution massive Verschlechterungen von deren Lebensbedingungen einhergehen.

Hedwig von Knorre (HvK): Herzlich willkommen bei Liebe, Leid und Lebensfreude. Am Mikro ist Hedwig und sie sind beim freien Radio Wüste Welle Tübingen, zum empfangen auf UKW 96,6 MHz und im Internetlivestream unter www.wueste-welle.de.

Der Eingangssong ist Dirty Diana von Michael Jackson. Das hat sich meine heutige Interviewpartnerin gewünscht, eine ganz besondere Frau, Ellen Templin, mit der ich ein Telefoninterview machen werde nach Berlin. Diese Frau habe ich kennengelernt Ende Januar bei einem Terre des Femmes AG-Treffen. Das AG Treffen Migration und Frauenhandel beschäftigt sich unter anderem mit Zwangsprostitution und das ist ja nicht nur Zwangsprostitution, sondern Prostitution allgemein. In diesem Rahmen kam Frau Templin und hat uns allen, die wir uns oft mit Frauenrechten und allem möglichen beschäftigen, uns allen, unglaublich viel beigebracht. Wir haben sehr viel gelernt und es ging uns tief unter die Haut, und das ist das Thema unserer heutigen Sendung: der käufliche Erotikbereich. Liebe Leid und Lebensfreude. Lebensfreude ist unglaublich wichtig, ohne kann man das Leben nicht ertragen, aber Leid macht uns viel daran kaputt und Liebe ist häufig der Weg zurück zur Lebensfreude. Bei Ellen Templin ist das der Fall und ich werde sie gleich anrufen, aber während ich wähle lasse ich die Musik mal noch ein bisschen weiterlaufen und wir klinken uns dann gleich gemeinsam wieder ein

[Musik]

HvK: Da hören wir dich schon husten Ellen. Hörst du mich?

ET: Ja, ich hör dich.

HvK: Wunderbar. Hast du den Song noch gehört? Dirty Diana, den du dir gewünscht hast?

ET: Ja. Den hab ich mir gewünscht. Ja.

HvK: Das freut mich sehr. Ellen ich hab dich kurz angekündigt als eine Frau von der ich kürzlich, Ende Januar, unglaublich viel gelernt habe und mit mir zusammen mehrere Frauen von Terre des Femmes von der AG Migration und Frauenhandel und hab gesagt es ist wichtig, dass viele Menschen erfahren was wir da gelernt haben und du bist wirklich Spitze darin uns das beizubringen und ich danke dir für dieses Interview jetzt, obwohl du erkältet bist.

ET: Ja, danke für so viele Komplimente. Ich bin das kaum gewöhnt, dass mir jemand in diese Richtung was sagt. Eigentlich höre ich immer, dass ich sie abnerve, die Menschen, dass das alles schon mal gesagt worden ist, dass das alles nichts bringt und dass die Frauen in der Prostitution gerne sind und auch kein Problem haben, dass Präservative nicht wichtig sind, sie haben kein Problem damit Sperma zu schlucken und so weiter und so fort.

HvK: Gut, da sind wir gleich heftig eingestiegen, direkt mittendrin. Und du sagst das stimmt nicht.

ET: Nein, das stimmt nicht. Ganz massiv hat es sich in der Prostitution zum Schlechten gewendet seit der Legalisierung, sprich seit dem 1.1.2002. Das hat ganz viele schlechte Sachen gebracht. Als erstens, ich kann jetzt zumindest nur für Berlin sprechen, ist die Kondompflicht, alles was mit Anzeigen zu tun hat, also das die ganzen Zeitungen, Stadtmagazine, die Berliner Tageszeitungen, die werben seit der Legalisierung ganz aggressiv, täglich für kondomfreien Sex. Das sieht folgendermaßen aus: Ich schlucke gern, Gesichtsbesamung, Dreilochfickpaket…

HvK: Moment, Moment, Dreiloch… Was bedeutet das?

ET: Dreilochfickpaket das heißt die Frau ist anal, vaginal und oral zu nehmen. Und das jeweils ohne Präservativ.
HvK (räuspert sich): Ja also mir geht das total nah, wenn ich das so höre und damit will ich auch ehrlich sein. Und ich glaube das geht ganz vielen so, die normalerweise nichts damit zu tun haben, wenn wir uns das näher kommen lassen. Also wenn das unseren Gedanken nahe kommen darf. Das ist für uns schlimm, und du sagst eigentlich ist das für die Frauen, die das praktizieren auch schlimm.