Dienstag, 9. Dezember 2014

Tanja Rahm: Wir wurden viel zu lange zum Schweigen gebracht

Tanja Rahm
Rede von Tanja Rahm auf dem Kongress Stop Sexkauf, 4. bis 6. Dezember 2014 in München, Rede im Workshop "Die Realität der Prostitution: Aussteigerinnen berichten"

In der erstem 6 Monaten in 2014 wurden 29 Menschen als Menschenhandelsopfer zur sexuellen Ausbeutung in Dänemark identifiziert. Und dennoch scheint sich niemand für die 70 nigerianischen Frauen, die die ganze Nacht in einer Kopenhagener Straße stehen, zu interessieren. Genauso wenig interessieren die osteuropäischen Frauen, die dort tagsüber stehen. Und das ist nur die eine Straße in Kopenhagen. Wir haben viele solcher Straßen in Dänemark und wir haben Innenprostitution. Ich denke, jede die heute hier ist, weiß, dass sehr viele dieser gehandelten Frauen auch in den Terminwohnungen, Häusern und Wohnwagen versteckt werden.

Es schockiert mich, dass sich niemand für diese Frauen zu interessieren scheint. Sie sind in ein fremdes Land gereist, vielleicht aus freien Stücken, vielleicht auch nicht. Sie sind da draußen auf den Straßen und werden von fremden Männern aufgegabelt, mit denen sie nicht kommunizieren können. Sie fahren in dunkle Gassen und befriedigen Männer sexuell, die es nicht interessiert, ob diese Frauen in die Prostitution gezwungen wurden oder nicht. Frauen aus der ganzen Welt haben erzählt, dass sie Käufer um Hilfe gebeten haben, aber das hat diese nicht interessiert. In Dänemark interessiert es jeden siebten Sexkäufer nicht, ob die Frau, die er kauft, gehandelt wurde - Sie sagen es interessiert sie nicht, wer das Geld bekommt. Wenn sie da ist und er zahlt, dann ist es ihr Ding, was sie mit dem Geld tut. Diese Männer haben keinerlei Empathie.

Kein Mann hat mich jemals gefragt, ob ich aus freiem Willen in der Prostitution bin. Es hat sie überhaupt nicht interessiert. Sie zeigten ihre Begeisterung, wenn sie sahen, dass ich viel jünger als 20 Jahre aussah. Sie sagten: "Du siehst aus wie 17", und dann lächelten sie. Sie lächelten ... Selbst dann, wenn sie über 70 waren, besonders, wenn sie über 70 waren.

Manchmal erinnere ich mich selbst daran, wie viel Glück ich doch habe. Ich hatte die Möglichkeit, aus der Prostitution herauszukommen. Ich hatte eine Familie, die da war, um mir zu helfen. Ich sprach die Sprache und ich wusste, wohin ich gehen konnte, um Hilfe zu bekommen. Ich weiß, dass viele dieser Frauen in die Prostitution gezwungen werden durch Druck aus ihrer Familie, weil sie gehandelt werden, aufgrund von Armut oder weil man sie anlügt, wenn sie von einem besseren Leben in Europa oder Skandinavien träumen.

Ich weiß auch, dass manche Menschen sagen, dass es besser ist, wenn sie sich prostituieren, um ihre Kinder ernähren zu können. Dass Prostitution besser ist als Armut. Ich stimme dem nicht zu - Nicht weil ich finde, dass Menschen in Armut leben sollen, denn niemand sollte das. Aber nicht einmal Armut gibt Männern das Recht Frauen zu benutzen, arme und verzweifelte Frauen.


Ich weiß, dass wir Gesetze brauchen, um diese Frauen zu schützen und dass diejenigen, die die Frauen in die Prostitution zwingen für ihre Handlungen bestraft werden sollten. Aber es gibt nur einen einzigen Grund, warum diese Frauen gehandelt werden. Der Grund ist genau der gleiche wie der, warum ich in der Prostitution war. Der Grund sind die Sexkäufer! Sie sind diejenigen, die die Nachfrage an prostituierten Frauen und Mädchen steigern und deshalb den Markt für Menschenhändler und Kriminelle ebnen.

Diese Sexkäufer leben Fantasien aus, die sie im normalen Leben nicht ausleben können. Wenn niemand in ihrem normalen Leben ihre Fantasien erfüllen möchte, wie können wir dann akzeptieren, dass eine marginalisierte Gruppe dies tun sollte? Haben wir so wenig Empathie und Sympathie für Menschen, dass wir akzeptieren, dass sie auf bestimmte Weisen und von Menschen benutzt werden, denen wir niemals erlauben würden, uns selbst auf genau diese Weise zu benutzen?

Obwohl ich nicht gehandelt wurde, war ich dennoch ein Opfer, ein Opfer des Patriarchats. Ein Patriarchat, das Männern immer noch erlaubt, Frauen zu unterdrücken. Ein Patriarchat, in dem die meisten Gesetze von Männern gemacht werden, ein Patriarchat, das die Objektifizierung von Frauen akzeptiert, das sich gegenüber der Gewalt blind stellt, der sexuellen Belästigung und Misogynie, die in der ganzen Welt existiert. Das Patriarchat, das Kindern eingetrichtert wird, wird von Erwachsenen ausgelebt und von PolitikerInnen akzeptiert.

In Dänemark haben wir diese Art zu sprechen, meist zu jungen Mädchen. Wenn ein Mädchen zu einem Erwachsenen kommt und sagt, dass einer der Jungs sie gehauen hat, lautet die Antwort "Oh, dann mag er dich." In diesem Satz liegt die Manipulation junger Mädchen, dass sie diese Gewalt zu würdigen wissen sollen, denn Gewalt bedeutet Liebe und Aufmerksamkeit ...

Die Gesellschaft übernimmt nicht die Verantwortung für all die Frauen, die solche Dinge erleben: Die Werbung, die Frauen in Sexobjekte degradiert, die Filme, in denen Frauen Rollen erhalten, in denen sie objektifiziert werden und in denen sie häufig zweitklassige Rollen haben. Die Gesellschaft ignoriert die Tatsache, dass junge Menschen Spiele spielen können, in denen du Punkte dafür bekommst, eine prostituierte Figur zu töten. Dankenswerter Weise wurde Grand Theft Auto 5 jetzt aus dem Handel genommen. Frauen werden generell in jeder erdenklichen Weise sexualisiert. Die Medien haben die Bevölkerung manipuliert, indem sie über Sexarbeit sprechen, einer freien Wahl und sexueller Befreiung. Ich kann euch sagen, in der Prostitution liegt keine Befreiung oder irgendetwas dergleichen.

Stell dir vor, dass jemand auf dir liegt, den du nicht kennst, jemand den du nicht attraktiv findest, jemand der in dein Ohr flüstert, dass er dir das Gehirn wegficken wird. Jemand, der dir so feste in deine Nippel beißt, dass du Angst hast, er beißt sie dir ab. Stell dir vor, dass du da liegst und ständig deine Grenzen verteidigen musst, da er alles Erdenkliche versucht, um sie zu übertreten. Und wenn er endlich fertig ist, hast du keine Zeit, sauer oder traurig zu werden, weil der Nächste schon wartet, weshalb du deine Gefühle beiseiteschieben musst und die Rolle ein weiteres Mal spielen musst.

Und dieses Mal sabbert er auf dich, leckt den Nippel, der immer noch höllisch weh tut und er sagt "lächle"... Und du versuchst zu lächeln und versuchst, deine Tränen zurückzuhalten, weil es weh tut, überall weh tut, innen, außen - und dann musst du über deinen eigenen freien Willen nachdenken, das zu tun, was du tust, denn das ist es, was PolitikerInnen, die Medien und die Bevölkerung dir erzählen.

Dass das nur eine gewöhnliche Tätigkeit ist und du um mehr Rechte kämpfen sollst. Das Recht, in einer Gewerkschaft zu sein. Das Recht, einen Vertrag zu haben. Aber wenn du da liegst, dann interessieren dich Rechte und Verträge einen Scheißdreck. In Wahrheit ist dir alles nur noch egal.

Ich bin wirklich sprachlos, dass so viele Menschen glauben, dass prostituierte Personen das aus freien Stücken tun - Dass Menschen glauben, dass manche Menschen es mögen, prostituiert zu sein. Mir fällt es schwer, darüber nachzudenken, wie diese Menschen von dieser Denkweise profitieren.

Finden manche Menschen es befreiend oder spannend, dass prostituierte Personen keine Grenzen haben und deshalb prostituierte Frauen das aushalten müssen, was sie für sich selbst für inakzeptabel halten? Schließen dieselben Menschen deshalb ihre Augen, weil es sie selbst nicht betrifft? Wenn das der Fall ist, muss ich euch sagen, dass Prostitution alle Frauen betrifft - wenn eine verkauft wird, ist es nur eine Frage des Preises, um alle anderen zu kaufen - Das ist es, was die Männer, die Sex kaufen, zu mir gesagt haben.

Ich verstehe, warum so viele Männer für die Legalisierung kämpfen. Sie wollen ihre Privilegien nicht loslassen. Ihr Recht, Frauen für sexuelle Befriedigung zu kaufen. Das macht Sinn. Aber warum sagen sie das dann nicht? Sie sagen stattdessen, dass sie für Frauenrechte kämpfen, wo doch Frauen das Recht haben sollten, nicht als Sexobjekt angesehen zu werden.

Glaubt irgendjemand mit dem richtigen Bewusstsein wirklich, dass Menschen es mögen prostituiert zu sein? Und wenn, wie können sie die Tatsache ignorieren, dass diese Menschen in Arten und Weisen benutzt werden, die bei ihnen Depression, Angst, Flashbacks, Alpträume, posttraumatische Belastungsstörungen, Selbstmordgedanken auslöst und sie in Situationen bringt, in denen sie Gewalt und sexueller Gewalt ausgesetzt sind? Wie kann irgendjemand das ignorieren?

Niemand mag es, in der Prostitution zu sein - vielleicht mögen sie das Geld, aber niemals die Prostitution, die Gewalt, die sexuellen Übergriffe oder die Gedanken, was die Sexkäufer mit dir machen könnten. Und das ist es, worum es bei Prostitution geht, die Männer, deren Rechte, deren Wünsche, deren Macht, deren hegemoniale Männlichkeit, mit keinerlei Respekt für Frauen im Allgemeinen.

Befreiung ist eine gute Sache. Menschen, die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu verwirklichen, ist eine wundervolle Sache. Frauen Rechte zu geben, ist extrem willkommen und auch das Recht, mit ihren Körpern zu tun, was sie möchten. Aber bei Prostitution geht es nicht um Frauenrechte. Es geht nicht um Befreiung, es geht nicht um Selbstverwirklichung und Prostitution hat nichts mit Selbstbestimmung zu tun. Prostitution betrifft alle Frauen, weil Prostitution ein Käufermarkt ist. Prostitution und die Legalisierung von Zuhälterei und Bordellbetrieben dreht sich um das Recht der Männer, Frauen auszubeuten und zu unterdrücken - und wenn von freier Wahl die Rede ist, dann wurde diese Wahl hinein manipuliert aufgrund von sexueller Gewalt in der Kindheit der Frau oder der Medienmanipulation, die Frauen objektifiziert und sie zu etwas macht, was man kaufen und verkaufen kann.

Wenn Deutschland um die 400.000 prostituierte Personen hat, dann sagt das etwas über Deutschland - Dass Deutschland Gesetze hat, die die Unterdrückung von Frauen erlaubt, die Gewalt gegen Frauen und die Ausbeutung von Frauen. Es sagt doch alles, wenn wir uns die Zahl ermordeter Prostituierter in Deutschland anschauen - 39, seit Deutschland Zuhälterei und Bordellbetrieb erlaubt hat. Es sind nicht die Prostituierten in Deutschland, die reich geworden sind, sondern der Staat, die Regierung, Zuhälter und Bordellbetreiber, die ihren Nutzen aus diesen Frauen ziehen - sie sind diejenigen, die das große Geld aus der Verzweiflung anderer Menschen ziehen.

Deutschland hat einen langen Weg zu gehen. Zunächst braucht es die Erkenntnis, dass die Legalisierung von Zuhälterei und Bordellbetrieb ein Fehler waren, zweitens muss sich um all die Frauen gekümmert werden, die in der Prostitution benutzt und zerstört wurden und schließlich muss die Bevölkerung lernen, dass es nicht in Ordnung ist, Menschen für die eigene sexuelle Befriedigung zu kaufen. Und das ist der größte Fehler, der in Deutschland gemacht wurde - durch ein Gesetz zu vermitteln, dass du das Recht hast, verletzliche Personen in der Prostitution auszubeuten. Ich wünsche mir inständig, dass ihr einen Versuch unternehmt, dieses Gesetz zurückzunehmen. Denn das würde zeigen, dass ihr als Land den Menschen, denen eure Regierung verpflichtet ist, Achtsamkeit und Menschlichkeit entgegenbringt - und dann wäret ihr ein Beispiel dafür, dass niemals wieder ein Land denselben Fehler noch einmal machen wird.

Immer mehr Überlebende gehen an die Öffentlichkeit. Wir können nicht mehr zum Schweigen gebracht werden - weil jetzt arbeiten wir grenzübergreifend zusammen, um sicherzugehen, dass niemand mehr in der Lage sein wird, die Wahrheit über Prostitution zu ignorieren. Wir wurden viel zu lange zum Schweigen gebracht. Wir haben Bewegungen gegründet. Als Mitglieder von SPACE International repräsentieren wir mehr als 6 Länder und 5 Staaten in den USA. In Dänemark habe ich eine Überlebendengruppe im November gestartet. Wir sind bereits mehr als 12 Mitgliederinnen, die ihre Erfahrungen in Dänemark teilen und auf eine Bestrafung der Sexkäufer hinwirken. Schon vorher haben sich bereits 15 Frauen öffentlich geäußert und ihre Erfahrungen geteilt. Das sind fast 30 Frauen - alleine in Dänemark. Es werden weitere folgen. Es braucht Zeit zu gesunden, aber wenn sie es sind, dann werden sie zu uns stoßen und die Bewegungen werden wachsen und wir werden für das Nordische Modell kämpfen, weil Frauen es verdienen - Und jedes Mal, wenn eine dänische Zeitung den Begriff Sexarbeit benutzt, werden wir die Aufmerksamkeit auf die Schäden durch die Prostitution richten und Bewusstsein schaffen. Weil der Kauf von Sex gewalttätig ist - Prostitution selbst ist Gewalt, als Teil einer Industrie, in der die meisten Frauen benutzt, vergewaltigt, gekauft und verkauft werden - Wir werden dies nicht länger ignorieren.

Vielen Dank.

Keine Kommentare:

Kommentar posten