Donnerstag, 23. Juni 2016

Offener Brief an David Garrett: Hören Sie auf Frauen zu benutzen!

Hallo David Garrett,

wir gehören zu einer Gruppe von Abolitionistinnen, die sich für die Abschaffung der Prostitution im Sinne eines Sexkaufverbotes nach Schwedischem Vorbild stark machen. Wir haben die Vorwürfe Ihrer ehemaligen Freundin Ashley Youdan in der Presse und Ihre Gegendarstellung dazu zur Kenntnis genommen. Für viele Ihrer Fans war dies ein Schock.

Die Fakten, die auch Sie nicht leugnen bzw. selbst verlautbaren, sind, dass Sie Ashley Youdan kennengelernt haben, als Sie Sich aus „Einsamkeit“ an einen „seriösen Escort-Service“ wandten (Interview in Die Welt, 7.6.16). Auch wussten Sie, dass Youdan eine amerikanische Porno-Darstellerin ist. Fakt ist ebenfalls, dass Sie mit Frau Youdan laut Ihrem Welt-Interview von Oktober 2014 bis Februar 2016 liiert waren und dass Sie in genau dieser Zeitspanne, nämlich im April 2015, über die deutsche Presse bekannt gaben, dass Sie nun „die Richtige“ gefunden hätten, nämlich ein Münchener Model namens Bianca. Wir dürfen also festhalten, dass Sie zwei „Liebes“beziehungen gleichzeitig führten.

Ein Schlachtruf der zweiten Frauenrechtsbewegung in den 1970er Jahren lautete: „Das Private ist politisch.“ Werter David Garrett: Wer sich Frauen bestellt wie eine Pizza und zwei Freundinnen (bzw. Verlobte) gleichzeitig hat, denen er seine Liebe beteuert, der hat mit Respekt und Achtung vor Frauen nicht viel am Hut. Der begegnet Frauen nicht auf Augenhöhe, sondern behandelt sie wie Sexobjekte zum Freizeitvertreib, aber nicht wie fühlende Menschen. Zumindest bei Ihrer Dreiecksbeziehung räumten Sie nun ein, dass Sie damit Menschen verletzt haben – immerhin.

Was Ihre „Bestellung“ von „Escort-Mädchen“ betrifft, können Sie es Sich schön reden wie Sie wollen: Auch ein „seriöser Escort-Service“ bleibt ein Akteur der Sexindustrie und Sie damit ein Freier. Haben Sie Frau Youdan jemals gefragt, wie Sie in der Porno- und Prostitutionsbranche gelandet ist? Pornografie ist nichts anderes als gefilmte Prostitution und darin landen sehr oft Menschen/Frauen, die in ihrem Leben eine einschneidende Erfahrung mit einer Form von Gewalt gemacht haben. Meistens sind es verletzte Seelen. Nicht Frauen (und wenige Männer) suchen sich die Prostitution aus, sondern die Prostitution sucht sich ihre Opfer aus, sagte sinngemäß die kanadische Prostitutionsüberlebende Bridget Perrier.

„We, the survivors of prostitution and trafficking […] declare that prostitution is violence against women. Women in prostitution do not wake up one day and „choose“ to be prostitutes. It is chosen for us by poverty, past sexual abuse, the pimps who take advantage of our vulnerabilities, and the men who buy us for the sex of prostitution.“ (Manifest, Coalition against trafficking in women conference, 2005)

Anstatt sich prostituierter Frauen zu bedienen, sollte man Ihnen die Hand zum Ausstieg reichen. Sie sagen, Sie hätten genau das getan: Sie hätten Frau Youdan finanzielle Unterstützung angeboten, damit Sie nicht mehr in der Porno- und Prostitutionsbranche „arbeiten“ muss. Warum wollten Sie sie da herausholen? Weil Sie instinktiv wissen, dass Pornografie und Prostitution sexuelle Ausbeutung sind, die den Akteurinnen schadet? Sie selber haben aber zumindest letztere in Anspruch genommen, geben dies unverblümt zu und erwarten dafür sogar Verständnis. Sie haben eine Schwester: Wie fänden Sie es, wenn Ihre Schwester ihr Geld in der Escort-Branche verdiente? Sicherlich würden Sie alles daran setzen, dass Ihre Schwester nicht Ihr Geld als „Escort-girl“ verdient. Sie werden selber am besten wissen, warum. Ihre Doppelmoral wird Ihnen hier hoffentlich auffallen.

Stellen Sie dann bitte nicht die rhetorische Frage, ob die Öffentlichkeit Ihnen nun vorwerfen wolle, dass Sie bei Ihrem einsam machenden Lebensstil „Escort-Services“ in Anspruch nehmen. Doch, genau das werfen wir Ihnen hiermit vor. Sie versuchen, Sich mit dieser Frage als Opfer Ihrer Lebensumstände zu inszenieren. Mit Verlaub Herr Garrett: Ihre Lebensumstände, die Sie vereinsamen lassen, sind Ihr Problem. Frauen sind nicht dafür da, einsame Herren gegen Geld zu „trösten“.

Sie erliegen dem Irrtum, Sie könnten Sich menschliche Nähe kaufen. Sie können Sich nicht einmal Sex kaufen, wenn wir Sex so definieren, dass beide Spaß an der Sache haben und die Bedürfnisse und Vorlieben beider gleich wichtig sind. Was Sie Sich hingegen gekauft haben, war sexuelle Gewalt, die nur deshalb nicht auffällt, weil das Schweigegeld sofort bezahlt wird. Es geht nur um die Bedürfnisse und Vorlieben des Zahlenden. Prostitution an sich in ihrem Kern ist Gewalt und Machtmissbrauch - auch wenn Sie der Bezahlten keine Rippen brechen oder Sie nötigen, Urin zu trinken. Da spielt es keine Rolle, ob sie unter dem Namen „Escort-Service“ in der High-Society mit viel Schicki-Micki drumherum stattfindet oder hinterm Gebüsch an der Autobahnraststätte. Dass Sie Frau Youdan anschließend die große Liebe und den rettenden Ritter vorspielten und gleichzeitig in Deutschland mit einer anderen Dame anbandelten, lässt die Kränkungen der beiden, insbesondere von Frau Youdan, erahnen. Da fällt es wohl nicht nur uns schwer, daran zu glauben, dass Sie in beide Damen aufrichtig verliebt waren, wie Sie behaupten.

Frau Youdan ist genauso wie Sie auch ein Mensch. Sie bewegt sich in einem Markt, der geprägt ist von Gewalt und Erniedrigung. Das sollten Sie bei Ihrem weiteren Vorgehen bedenken.

Wir raten Ihnen deshalb: Hinterfragen Sie Ihre patriarchale Sozialisation, lesen Sie Bücher von ausgestiegenen Prostituierten wie Rachel Moran und vor allem entschuldigen Sie Sich bei den Frauen, die Sie zum Stillen Ihrer Einsamkeit benutzt und enttäuscht haben.

Mit feministischen Grüßen,

Yvonne Smidt
Marie Merklinger (SPACE international)
Yasemin Ceylan
Manuela Schon
Inge Kleine
Solveig Senft
Ingrid Aigner
Hanna Spiegel
Rose Gabriel

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