Dienstag, 21. Juni 2016

Change gon' come – und die alte Rhetorik geht

Und wen stören dabei schon ein paar Lügen. Oder sollten wir es „stillen Rückzug“ nennen?

Anlass des Artikels ist eine interessante Art Pressemitteilung mit einer Lobeshymne auf die Prostitution und den Frankfurter Lobbyverband Doña Carmen, verbreitet über die Full-Service Werbe- und Medienagentur“ RTO im businessportal24.com

[ Anmerkung dazu: Die Werbeagentur hat inzwischen einen Fehler dazu eingeräumt und möchte den Artikel in den nächsten Tagen ändern. Wir lassen diesen Bericht dazu hier trotzdem stehen, weil wir den Fehler bezeichnend finden. 21.06.2016. Nachtrag. Inzwischen gibt es eine bereinigte Version und - vermutlich nicht mehr lange - das Original hier. Der oben eingefügte Link führt auf Error 404, da diese Seite aus business24.com wohl gelöscht wurde.]

In dieser Mitteilung findet sich folgender Satz:

"So schaltete "Dona Carmen e.V." im Jahr 2009 unter anderem eine durch Spenden finanzierte, etwa 25.000 Euro teure Anzeige, um sogenannte "Flatrate-Bordelle" zu stoppen und den menschenunwürdigen "Sparabonnement-Preis" für Frauenbenutzung zu unterbinden."

?

Zur Erinnerung:

Doña Carmen schaltete 2009 keineswegs "eine [...] Anzeige, um sogenannte "Flatrate-Bordelle" zu stoppen und den menschenunwürdigen "Sparabonnement-Preis" für Frauenbenutzung zu unterbinden".


Dona Carmen schaltete (zusammen mit dem Berliner Verein Hydra) diese Anzeigen, um diese Bordelle, speziell den wegen Mängeln bei der Hygiene geschlossenen "Pussyclub" bei Fellbach zu verteidigen.

Und verklagte Alice Schwarzer, weil diese in ihrem Buch zur Prostitution in Deutschland die Kosten der Anzeige genannt hatte. Schwarzer sprach von ca. 25 000 Euro für die Anzeige in der Süddeutschen Zeitung. Warum das damals Anlass für eine Klage war und nun offenbar von Doña Carmen selbst genannt wird, ist eine eigene Analyse wert. Aber vielleicht meinte Henning oder eine andere Sprecherin für den Verein hier ja „mehrere“ Anzeigen für den Gesamtpreis und hat sich nur nicht genau ausgedrückt.

Die von Hydra und von Doña Carmen geschalteten Anzeigen verteidigten das Geschäftsmodell des Pussyclub in Fellbach, nachdem dieser aus Hygienemängeln geschlossen worden war. Einige der Betreiber wurden später wegen Menschenhandel verurteilt.

Zum Beleg für Juanita Hennings damalige Einstellung zu Flatrate-Angeboten:

Ein Interview mit Juanita Henning im Stern aus dem Jahr 2009.

Titel: "Flatrate-Bordelle sind nicht unmoralisch"


Zitat:


Für Sie ist das Flatrate-Angebot also nicht unmoralisch?
"Für mich ist Prostitution nichts unmoralisches..."
... es geht nicht um die Prostitution generell sondern die Flatrate-Bordelle.
"Ich finde diese Form der Arbeitsbedingungen nicht unmoralisch. Laut Prostitutionsgesetz sollen die Frauen die Möglichkeit haben, Verträge mit den Bordellbetreibern einzugehen. Jetzt macht das ein Betreiber und dann schreien die Prostitutionsgegner Sodom und Gomorra."

Die gleichen Informationen finden sich auch in der Zeit - sehr freundlich aufgemacht im Sinne der Sexindustrie. Der im Artikel angegebene Link zu einem offenen Brief an die Kanzlerin gegen die Schließung von Flatrate-Bordellen funktioniert allerdings nicht mehr. Wörtlich im Artikel:

"Der Prostituiertenverein Dona Carmen plädiert mithilfe von Anzeigen in der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau und zusammen mit anderen Hurenverbänden in einem offenen Brief gegen die Schließung von Bordellen."

Weitere Belege:

"Politiker, Menschenrechtsorganisationen und Kirchenverbände verurteilen dieses Angebot als menschenverachtend und wollen dagegen vorgehen. Einige Prostituierte und ihre Betreuerinnen hatten sich gegen ein öffentliches „Kesseltreiben“ zur Wehr gesetzt. Es werde „mit Unwissen und Vorurteilen über unsere Köpfe hinweg öffentlich gegen uns Stimmung gemacht“, hieß es in einer Anzeige in überregionalen Tageszeitungen, für die ein Verein namens „Doña Carmen“ in Frankfurt verantwortlich zeichnet. /DOÑA CARMEN] dpa / AP / ddp"

Abschließend die gleichen Informationen auch hier.

Der von Hydra eingereichte offene Brief existiert noch im Netz.

Da es sich um eine Art Pressemitteilung einer Werbeagentur handelt, kann nicht beurteilt werden, ob Doña Carmen hier dreist gelogen hat, ob die Werbeagentur (die laut Geschäftsbericht 2013 übrigens 13 Millionen Euro Jahresumsatz mit Werbung für Prostitution erzielte) hier dreist lügt, oder ob der Verantwortliche für den Text sich nicht vorstellen konnte, wie es im deutschen Prostitutionsgewerbe wirklich zugeht.

Gesehen werden kann allerdings, dass eine bessere öffentliche Sensibilität gegeben ist, so dass die Rhetorik der letzten Jahre nicht mehr funktioniert.

Und dass diese Werbeagentur nicht gut recherchiert hat.


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