Mittwoch, 25. Januar 2017

Mythbusting: Wenn man Sexkauf verbietet, wandert die Prostitution in den Untergrund



Teil 1 einer Reihe zur Beleuchtung gängiger Mythen über das Nordische Modell

Die gängige Behauptung: 
Prostitution in Schweden und Norwegen ist nicht zurückgegangen, sie hat sich nur räumlich verlagert 

Factcheck Schweden

In Schweden wurde das Sexkaufverbot 1999 eingeführt.

2008 - 2010 gab es eine Sonderuntersuchung  unter Leitung von Justizkanzlerin Anna Skarhed über die Wirkung des Sexkaufverbots. 

Hierfür wurden als ExpertInnen Polizei und Strafverfolgungsdienste, SozialarbeiterInnen, Organisationen der Zivilgesellschaft und Hilfsorganisationen, BehördenmitarbeiterInnen und andere befragt.

Der Abschlussbericht („Utvärdering av förbudet mot köp av sexuell tjänst“) kam zu folgendem Ergebnis:

-         Die Anzahl der in der Straßenprostitution tätigen Individuen hat sich seit 1999 halbiert.

-         In den Nachbarländern Dänemark und Norwegen sind dreimal so viele Individuen in der Straßenprostitution tätig.

-         Bedenken, die Prostitution könne sich in andere Bereiche verlagern, haben sich nicht bestätigt

-         Prostitution über das Internet hat in Schweden, wie in anderen Ländern auch, zugenommen. Dies ist nicht auf das Gesetz zurückzuführen, sondern auf Veränderungen im Bereich der Computer-Technologien

-         Die Anzahl der Individuen, die im Internet für Prostitution beworben werden, ist in vergleichbaren Nachbarländern wie Dänemark oder Norwegen sehr viel höher

-         Es gibt keine Zunahme an Wohnungsprostitution oder eine Verlagerung in einen „Untergrund´"

-         Eine Zunahme der Prostitution wie  in den schwedischen Nachbarländern ist für Schweden nicht feststellbar

-          2008 gaben 7,8% der schwedischen Männer an jemanden zum Zweck der Prostitution bezahlt zu haben, verglichen mit 13,6% vor der Gesetzgebung


2014 erschien ein Bericht herausgegeben vom Nationalen Gesundheits- und Wohlfahrtsamt („Prostitutionen i Sverige 2014: En omfattningskartläggning“), der sich auf Umfang und Ausmaß der Prostitution in Schweden konzentrierte. Dieser wurde wegen seiner Methodik heftig kritisiert. Daraufhin wurde eine neue Kartographie beauftragt.

Laut einer gemeinsamen skandinavischen Forschungsstudie unterscheidet sich der Zustand von Prostitution und Menschenhandel in Schweden von anderen skandinavischen Ländern. Noch immer gibt es grenzüberschreitende Prostitution aus mehreren Ländern, insbesondere aus Ost- und  Südeuropa, allerdings „haben sich keine größeren Gruppen ausländischer Frauen auf dem sichtbaren Prostitutions-Markt etabliert – im Unterschied zu dem, was in Norwegen, Finnland und Dänemark der Fall ist.“ (Charlotta Holmström: „Prostitution i Norden: en forskningsrapport“)  Eine unabhängige Sonderuntersuchung bestätigte diese Ergebnisse im Jahr 2010.

Quelle: Ekberg, Gunilla S., Brief: Swedish Laws, Policies and Interventions on Prostitution and Trafficking in Human Beings: An Overview (Stockholm, Sweden: Institute for Feminism & Human Rights, 13 July 2016)


Factcheck Norwegen

In Norwegen wurde das Sexkaufverbot 2009 eingeführt.

Bericht FAFO 2008:
Außenmarkt (Straßenprostitution): ca. 100 Frauen (überwiegend Nigeria, Osteuropa)
Innenmarkt (Wohnungen, Hotels, etc.): ca. 260 Frauen (überwiegend Russland, Baltikum)

Ergebnisse der norwegischen Evaluation von Rasmussen et al (unabhängiges Institut Vista Analyse):

Oslo: Analysen der im Internet vorhanden Telefonnummern lassen Rückschlüsse auf organisierte Prostitution zu (Austausch von SIM-Karten, Wohnungen, etc. in Rotation). Das Osloer Prostitutionsmilieu ist gekennzeichnet durch eine organisierte Rotation: Ausländische Frauen halten sich nur kürzere Zeit in Norwegen auf und ziehen dann in ein anderes Land weiter.
Eine Frau hat oft mehrere Inserate (zum Beispiel 16 verschiedene Telefonnummern für 4 Frauen). 

Während es noch vor wenigen Jahren 1-2 Inserate pro prostituierte Frau waren, sind es heute 4-6 Inserate (Rekord: 13 Inserate). Da Anzeigenschaltung teuer ist, wird hieraus geschlossen, dass sich die Kundengrundlage verschlechtert hat und es daher erforderlich ist, vermehrt zu inserieren.
Seit Januar 2007 wurden insgesamt 403 Prostitutions-Wohnungen von der Polizei aufgedeckt, in maximal 3-4 davon hielten sich norwegische Frauen auf.

In Trondheim gab es noch nie Straßenprostitution. Prostitution findet hier in der Regel entweder im Auto, Zuhause oder Hotelzimmer des Freiers statt. Hotels fahren eine Null-Toleranz-Strategie in Bezug auf die Ausübung von Prostitution:  Prostituierte Frauen dürfen dort wohnen, jedoch sich nicht prostituieren. 

Die Zahl der fest ansässigen prostituierten Frauen beträgt etwa 10, neben einigen Frauen mittleren Alters, die zusätzlich einer anderen Berufstätigkeit nachgehen und die sich gelegentlich prostituieren.

In Bergen gibt es circa 20-30 Personen im Bereich der Straßenprostitution und rund 70-120 Inserate im Bereich der Innenprostitution (www.realescort.eu). Es gibt einige Frauen mit mehreren Inseraten, während sich mehrere nigerianische Frauen eine einzige Anzeige teilen. 

Die meisten Frauen in Bergen stammen aus Nigeria, ein Teil aber auch aus Osteuropa (Rumänien, Bulgarien)

In Stavanger bestand die Straßenprostitution ursprünglich aus norwegischen Drogenabhängigen, inzwischen stellen nigerianische Frauen die Mehrheit. Zwischen 2007 und 2009 gab es eine hohe Anzahl bulgarischer Frauen, deren Zahl ging nach einem Verfahren wegen schwerer Zuhälterei zurück. In der Innenprostitution handelt es sich zumeist um Frauen aus Russland, der Ukraine, Weißrussland und Rumänien. Um 2009 herum gab es in der Innenprostitution auch einige thailändische Frauen.  Zeitweise kam es zu räumlichen Verlagerungen (u.a. nach Haugesund). 

Die Zahl der Frauen in der Straßenprostitution ist von ca. 40 auf 25-30 Frauen zurückgegangen. Vor der Einführung des Gesetzes gab es ca. 20-40 Inserentinnen für die Innenprostitution, im Januar 2009 waren es 5-7 Inserentinnen. Auch hier gibt es für eine Person mehrere Inserate. Es handelt sich um einen Rotationsmarkt und die Frauen tauschen die Inserate untereinander aus.

Marktentwicklung vor und nach dem Sexkaufverbot

Der Prostitutionsmarkt hat sich ausgehend von einem nationalen Markt entwickelt: Die meisten der prostituierten Frauen waren drogenabhängig und finanzierten sich ihren Drogenbedarf. Der Markt wurde durch ein Semi-Kartell organisiert: Es gab eine Zusammenarbeit in Bezug auf die Preise und ungeschriebene Regeln und Normen (zum Beispiel zur Nutzung von Kondomen). In den 70er, 80er und 90er Jahren kam es zu einem Anstieg von „Massageinstituten“. 

Der mobile Prostitutionsmarkt mit Annoncen im Internet hat sich um die Jahrtausendwende etabliert. Ab 2000 erhöhte sich der Anteil ausländischer Frauen was zu einer Verdrängung der norwegischen Frauen und einem Zusammenbruch des Semi-Kartells führte. Norwegen wurde nach und nach Teil des internationalen käuferdominierten Prostitutionsmarktes, der durch Rotationen und eine starke Zunahme der Anzahl prostituierter Frauen aus armen und mittelarmen Ländern geprägt ist. Zuerst kamen osteuropäische Frauen, danach afrikanische Frauen mit dem Schwerpunkt Nigeria.

Vor Einführung des Sexkaufgesetzes wurde die Straßenprostitution stark durch prostituierte Frauen aus Nigeria und Frauen aus armen europäischen Ländern dominiert. In der Innenprostitution waren vor allem osteuropäische und asiatische Frauen tätig. Die norwegischen Frauen waren nach und nach durch Unterbietung der Preise und die Konkurrenz von jüngeren, drogenfreien Frauen verdrängt worden. Auch schon im Bericht von FAFO im Jahr 2008 wurde berichtet, dass prostituierte Frauen vermehrt dazu übergehen in kleineren Einheiten und alleine in der Prostitution tätig zu sein, statt in größeren Einheiten mit vielen anderen.

Bei Einführung des Sexkaufgesetzes 2009 ging der Umfang sowohl der Innenprostitution als auch der Straßenprostitution zurück, um bis 2012 dann wieder etwas anzusteigen. Gegenwärtig scheint sich der Markt auf einem niedrigeren Niveau stabilisiert zu haben, etwa 20-25 Prozent niedriger als vor der Einführung des Gesetzes. Dass Norwegen nach wie vor immer noch von Rotationsnetzwerken bespielt wird, wird darauf zurückgeführt, dass die wirtschaftliche Situation in anderen Ländern (z.B. Spanien, Italien) schlechter ist. In Norwegen hat sich die Finanzkrise vergleichsweise moderat ausgewirkt.

Es wird geschätzt, dass die Verringerung verglichen mit einer Entwicklung ohne das Sexkaufgesetz bei 45% liegt.

Durch das Rotationsprinzip verbleiben Frauen immer nur kurzfristig im norwegischen Markt, da nach wenigen Tagen die Verdienstchancen abnehmen.

Die Evaluation kommt eindeutig zu dem Schluss, dass die Nachfrage nach Prostitution durch das Sexkaufverbot gesunken ist, und damit auch das Angebot und der Menschenhandel in die Prostitution durch organisierte Netzwerke sich verringert haben. Es gibt Zusammenhänge zwischen Ressourceneinsatz und Prioritätensetzung der Polizei (Freier oder Menschenhandelsnetzwerke) und den jeweiligen Auswirkungen auf den Markt.

Quelle: Vista Analyse AS: Rapport nummer 2014/30: Evaluering av forbudet mot kjop av seksuelle tjenester, Ingeborg Rasmussen, Steinar Strom, Sidsel Sverdrup og Vibeke Woien Hansen, July 17 2014

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