Montag, 12. Mai 2014

Buchrezension: Sklavenmarkt Europa von Michael Jürgs


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Quelle: Randomhouse
Es ist ein Milliardengeschäft, das von der Globalisierung ebenso profitiert wie andere Geschäftsbereiche: Menschenhandel. Michael Jürgs hat sich auf die Fährten der Menschenhändler kreuz und quer durch Europa begeben, er hat EUROPOL und andere Ermittler bei ihrem Kampf gegen dieses Verbrechen begleitet und zeigt in seinem Buch “Sklavenmarkt Europa – das Milliardengeschäft mit der Ware Mensch”, dass der Kapitalismus eben vor nichts Halt macht, auch nicht davor Menschen zu Waren zu machen. Mehr als die Hälfte der Opfer von Menschenhandel werden zur Prostitution gezwungen – hier, mitten unter uns. Der andere Teil wird als Arbeitssklaven, Organspender oder von Pädophilen missbraucht.

Im ersten Kapitel “Rohstoff Mensch: Leidtragende” wirft Michael Jürgs einen Blick zurück in die Geschichte, als ehrbare Kaufleute und ganze Städte wie Liverpool reich wurden durch Sklavenhandel. Nicht nur die USA, alle Kolonialherren beteiligten sich am Geschäft mit den Sklaven, auch Brandenburg-Preußen. Ein bislang kaum beleuchtetes Feld ist die arabische Sklaverei.

Das zweite Kapitel “Global Player: Menschenhändler” beleuchtet die Gegenwart. Freihandelszonen gelten nicht nur für die legale Wirtschaft, sondern auch für den Menschenhandel, dem Trafficking in Human Beings, wie der internationale Polizeibegriff dafür lautet. Sklavenmärkte gehören keineswegs der Vergangenheit an, auch heute finden sie sich mitten in Europa.
"58 Prozent des im Menschenhandel erzielten Gewinns werden auf dem internationalen Sexmarkt erzielt. Dahinter rangieren Erlöse aus Zwangsarbeit, wozu auch wie Sklaven gehaltene Dienstboten gerechnet, mit 36 Prozent  seit der weltweiten Finanzkrise ab 2007/2008 hat sich deren Zahl verdoppelt – dann folgen fürs Betteln und für Diebstahl von ihren Sippschaften an Banden verkaufte Kinder für einen Marktanteil von 1,5 Prozent."
Die Ware Frau verspricht große Einnahmen. Europaweit werden damit jedes Jahr 12,7 Milliarden Euro erwirtschaftet. Die Herkunftsländer der Frauen sind die ärmsten Länder Europas, wie zum Beispiel Moldawien, wo ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung das Land verlassen hat.
"Die Mädchen werden rücksichtslos ausgebeutet, und falls sie sich wehren, falls sie mehr als die lächerlichen paar Euro verlangen, die ihnen vielleicht bleiben, so lange missbraucht, bis sie jeglichen Widerstand aufgeben. Sobald sie nach Einschätzung ihrer Besitzer im Bordellbetrieb verbraucht sind, per Flatrate nicht mehr an den Mann zu bringen, werden sie entweder auf die unterste Stufe des Sexmarktes abgeschoben, die Straßenstriche in einem der Länder, aus denen sie einst voller Hoffnung auf ein besseres Leben aufgeborchen sind. Oder aber in die Freiheit entlassen, die sie sich aber selten leisten können, weil sie von dem , was sie angeschafft haben, kaum etwas abbekommen haben."
Obwohl es zum Beispiel bei EUROPOL verschiedene Initiativen zur Bekämpfung des Menschenhandels gibt, sind doch die Ressourcen der Ermittler endlich – die der Menschenhändler hingegen unerschöpflich. Gleichzeitig hängt es oft noch am Informationsaustausch, an Übersetzern, an grenzübergreifenden Gesetzen, an der Korruption von Beamten vor Ort, die mit den Menschenhändlern gemeinsame Sache machen.
"Menschenhändler müssten wie internationale Terroristen bekämpft werden, mit allen erlaubten Mitteln, und angesichts der Not ihrer Opfer manchmal wohl auch mit den unerlaubten."
Die Methoden der Menschenhändler sind unterschiedlich, sie arbeiten mit Gewalt, mit Tarnfirmen, sie haben Folterspezialisten, die die Mädchen auf dem Weg in ihre Zielländer gefügig machen. Seit 2009 sind die Ermittlungen von EUROPOL im Bereich Zwangsprostitution um das Achtfache gestiegen.


In Kapitel 3 geht es um die “Operation Scheich”, einen gezielten Einsatz gegen einen Menschenhändlerring in Deutschland, eine Familie, die ihren Opfern sogar die Fingerkuppen abschleifte, damit sie nicht ausgewiesen werden konnten, wenn sie ohne gültige Aufenthaltserlaubnis erwischt wurden. Das Geld dieser Schlepper wird durch das in Deutschland verbotene Hawala-Banking-System verteilt, ein noch aus dem Mittelalter stammendes System aus Vertrauen und Codewörtern.
Gezielt geht Michael Jürgs dann auf das Prostitutionsgesetz von 2002 ein. Menschenhandel, so erklärt er, sei ein Kontrolldelikt. Genau dieser Kontrolle wurden die Menschenhändler durch das Gesetz entzogen.
"Das neue Gesetz freute jedoch vor allem die Menschenhändler, denen eigentlich die Grundlage für ihre Geschäfte entzogen werden sollte. Denn eine strafbare Ausbeutung musste ihnen jetzt erst mal nachgewiesen werden. Ohne Aussage der von ihnen so gnadenlos Bentutzten ist das schier unmöglich. Vor Gericht zählen nur die Zeugenaussagen. Die Frauen aber schweigen. Sie haben mehr Angst vor der Polizei als vor denen, die sie prügeln und missbrauchen. Mehr noch: Zuhälter und Frauen halten zusammen, so absurd das klingen mag. Die einen sind Täter, die anderen sind Opfer, aber sie haben gemeinsame Interessen. Die Besitzer wollen ihre Ware nicht verlieren, weil sie sonst ihr Bordell schließen müssten. Die Prostituierten wollen vor allen nicht ausgewiesen werden, weil sie mit dem Wenigen, was ihnen bleibt, immer noch so viel verdienen, dass sie ihre Angehörigen in Rumänien, Bulgarien, Moldawien ernähren können."
Kapitel 4 geht gezielt auf “Grenzfälle: Die Ware Frau” ein. 400.000 Frauen werden jährlich über den Balkan nach Westeuropa gebracht, der Balkan zeigt sich als Drehkreuz des Frauenhandels, korrupte Grenzbeamte arbeiten oft mit den Verwandten der Frauen zusammen.
"Die Internationale der Ware Mensch KG bedient über offene Grenzen hauptsächlich Deutschland mit “Frischfleisch”. nach dem EU-Beitritt Bulgariens und Rumäniens sind die Marktpreise für Sex so tief gefallen, dass nur noch Großbetriebe profitabel wirtschaften, die bei Bestellung zuverlässig liefern können. Masse macht Kasse: Bei Sonderaktionen, vergleichbar Schnäppchen in Mediamärkten, stehen Männder aus allen sozialen Schichten an in Reih und Glied, weil sie für einen Pauschalpreis von zum Beispiel 50 Euro mit Frauen in Großbordellen, wie sie in den vergangenen Jahren in grenznahen Regionen – Schleswig-Holstein, Saarland – eröffnet wurden, und in Saunaklubs machen dürfen, was ihnen zu Hause von ihrer Gattin oder ihrer Freundin verwehrt wird."
Deutschland gehört zu den sogenannten Pull-Ländern: Hier ist Prostitution legal, es besteht eine große Nachfrage an jungen Frauen, die sich in die Prostitution begeben, die Verdienstmöglichkeiten sind, verglichen mit den Herkunftsländern, hoch. So ist immer genug Nachschub für die allerorts eröffnenden Großbordelle da.
"Unter welchen Umständen die Frauen angeworben wurden, die sie zu ihren Diensten verpflichten, geben die Großbordelliers vor nicht zu wissen. Achtzig Prozent aller Prostituierten, auch die bei ihnen tätigen, kommen aus Nigeria oder Russland oder Ost- und Südosteuropa. Wie und von wem dort rekrutiert wird, ist allgemein bekannt und bestimmt kein Geheimnis für die Arbeitgeber in den Pull-Ländern."
Tatsächlich, so stellt Michael Jürgs fest, hat das Prostitutionsgesetz, die Situation für die Frauen aus dem Ausland keineswegs sicherer gemacht:
"Die im Prostitutionsgesetz beschlossene Liberalisierung, wonach die Berufsausübung legal is ab dem 18. Lebensjahr, hat die kriminelle Ausbeutung der Frauen in Wirklichkeit beflügelt. Die Idee ist gescheitert. Das Gesetz hat nicht etwa Frauen aus krimineller Umklammerung, sondern die Kriminellen von überraschenden Razzien befreit."
Kapitel 5 trägt den Titel “Fluchtburgen: Kein schöner Land in dieser Zeit.” 14,2 Millionen Menschen weltweit leben als Sklaven. Zuletzt machten die Arbeitssklaven in Katar in Vorbereitung der WM Schlagzeilen, doch Michael Jürgs zeigt auch Fälle von Arbeitssklaven, die als Erntehelfer in Südeuropa eingesetzt werden.

In Kapitel 6 geht es gezielt um “Organhandel: Wie Armut ausgeschlachtet wird”. Tatsächlich handelt es sich hierbei nicht etwa um “urban legends”, sondern um ein Milliardenbusiness, wie Jürgs aufzeigt.

Das Kapitel 7 widmet sich der “Frauenpower: Das Netz der Helferinnen” – hier wird zum einen KOOFRA – die Koordinierungsstelle gegen Frauenhandel und KOK, der bundesweite Koordinationskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess vorgestellt. Die Verbindung von Prostitution und Menschenhandel sei schwierig nachzuweisen. Jürgs stellt die Frage, wo Zwang anfange. KOOFRA hat eine Rund-um-die-Uhr-Hotline, auf der auch Freier anrufen.  KOK fordert ein unbeschränktes Aufenthaltsrecht für alle, die gegen ihre Peiniger aussagen und fordert die Gleichstellung von Prostitution mit anderen Berufen, umso die Rechte von Prostituierten stärken zu kännen. Auch die Arbeit von der Nonne Dr. Lea Ackermann und SOLWODI, die für ein Verbot von Prostitution ist, wird kurz vorgestellt.

Das letzte Kapitel 8 “Politik & Moral: Ach, Europa!” schließt mit gezielten Forderungen wie zum Beispiel, dass Zeitungen keine entsprechenden Annoncen mehr veröffentlichen, wie sie Menschenhändler zum Anwerben ihrer Opfer verwenden, aber auch dem Aufstocken der Etats der Ermittlertruppen.

Michael Jürgs legt mit seinem Buch den Finger in eine Wunde. Das Ausmaß des weltweiten Menschenhandels dringt kaum ins öffentliche Bewusstsein und vor allem die Rolle nicht, die Deutschland mit der legalen Prostitution und seinem Bedarf an immer neuen, jungen Frauen darin spielt. Die anderen Bereiche der Arbeitssklaven und des Organhandels sind ebenfalls Auswüchse eines ungebändigten Kapitalismus, der vor nichts Halt macht. Es ist richtig und wichtig, darauf aufmerksam zu machen und die Öffentlichkeit wachzurütteln und das gelingt ihm mit seinem Buch und seinen klaren Worten eindeutig. An einigen Stellen jedoch gerät der Autor ins Schlingern, zum Beispiel wenn er im Zusammenhang mit der Prostitutionsbekämpfung von der “Triebkraft der Triebe” redet oder das Schwedische Modell der Freierbestrafung ablehnt, weil dort die Männer ihre “Neigungen” nicht aufgäben, sondern einfach übers Wochenende in andere Länder fahren und außerdem das Dunkelfeld angewachsen sei, was von schwedischer Seite mit Fakten immer wieder widerlegt wird. Es wird deutlich, dass er wie viele andere den Freiwilligkeitsdiskurs der selbstbetimmten Prostitution unterstützt - Prostitution ist, so liest man heraus, nur abzulehnen, wenn sie unter Zwang geschieht. Dabei zeigen seine eigenen Recherchen, dass die Grenzen zwischen "freiwilliger" und "erzwungener" Prostitution fließend sind - und: erst die legale Prostiution schafft überhaupt die Nachfrage für den Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung.
"Ginge es um Rohstoffe wie Erdöl, Kupfer, um Seltene Erden, würden zum Beispiel im Dunkelfeld der schlimmsten Menschenhändler auf der Sinai-Halbinsel schon längst Fallschirmjäger vom Himmel gefallen sein, wären gezielt die kriminellen Banden und deren korrupte Kumpane in Staatsdiensten für immer aus dem Verkehr gezogen worden. [...] Weil es aber nur um die Ware Mensch geht, um einen laufend auszuschlachtenden und stets nachwachsenden Rohstoff, steigen die Gewinne auf dem Sklavenmarkt Europa."

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