Sonntag, 6. Juli 2014

Kindheit und Prostitution - was Gewalt in der Kindheit mit Prostitution zu tun hat

Childhood
Bindaas Madhavi - Childhood (Flickr)
[CC BY-NC-ND 2.0]
Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen von selbst in die Prostitution einsteigen, ist eng an Gewalterfahrungen in der Kindheit geknüpft. Dies wurde bereits durch verschiedene Studien belegt, die Sven Fuchs in folgendem Artikel vorstellt und auswertet. Anders als oft angenommen, geht es dabei nicht nur um sexuelle Gewalt, sondern auch emotionale und körperliche (und Kombinationen davon). Zuerst erschien der Artikel auf seinem Blog Kriegsursachen im Dezember 2013. Freundlicherweise hat er uns ein Crossposting genehmigt!

Kindheit und Prostitution. Eine "Branche", die auf verschüttete Emotionen und Selbsthass aufbaut

"Eigentlich ist es ganz einfach." schreibt Alice Schwarzer am Ende ihres Textes mit dem Titel "Freiwillig? Es reicht!" vom 06.12.2013:

"Stellen Sie es sich nur einen Moment lang vor: Sie liegen nackt auf einem Bett im "Laufhaus" oder "Studio". Oder sie stehen halbnackt an einen Baum gelehnt im Gebüsch an einer Ausfallstraße. Der Mann wird Ihnen danach einen Schein geben. 50 Euro , wenn es viel ist. 10 Euro, wenn es wenig ist. Er sagt "Na, Schätzchen" zu ihnen. Oder auch "Du alte Fotze". Er kann Sie anfassen. Am ganzen Körper. In Sie eindringen. In jede Öffnung. Das heißt: Anal kostet extra. Ins Gesicht abspritzen auch."
Es ist eigentlich wirklich ganz einfach zu verstehen, dass sich niemand wirklich freiwillig prostituiert. Prostitution ist eine große menschliche Niederlage für alle Beteiligten, für die Prostituierten, aber auch für Freier und Bordellbesitzer/Zuhälter. Und sie kann in meinen Augen nur funktionieren, weil Emotionen ausgeblendet werden, weil entmenschlicht wird, weil verdrängt wird und weil es unglückliche Menschen gibt. Wenn einem dies einmal klar geworden ist, muss Mann fragen, wie es denn eigentlich von Grund auf dazu kommt, dass Menschen Emotionen ausblenden, entmenschlichen und verdrängen können und unglücklich sind? Wer sich mit den Folgen von destruktiven Kindheitserfahrungen befasst, der wird schnell auf einen möglichen Zusammenhang kommen. Die möglichen Folgeschäden von Kindesmisshandlung sind der ideale Nährboden für Prostitution: Fehlendes Selbstbewusstsein/schwammige Identität, Fähigkeit belastende Erfahrungen psychisch abzuspalten, Selbsthass, selbstverletzende Tendenzen, Drogenkonsum, Verlust von Empathie, Fügen in die Opferrolle, schwammiges Bild von eigenen Grenzen, Selbstverleugnung u.a. 

Zu diesem Themengebiet gibt es mittlerweile auch eine Vielzahl von wissenschaftlichen Arbeiten, von denen ich die vorstelle, die ich gefunden habe:


854 Prostituierte (die meisten davon Frauen) in 9 Ländern (Kanada, Kolumbien, Deutschland, Mexico, Südafrika, Thailand, Türkei, USA und Sambia) wurden für eine Studie befragt:

Farley, M.; Cotton, A.; Lynne, J.; Zumbeck, S.; Spiwak, F.; Reyes, M. E.; Alvarez, D.; Sezgin, U. (2003): Prostitution and Trafficking in Nine Countries: An Update on Violence and Posttraumatic Stress Disorder. In: Journal of Trauma Practice. 2(3/4): 33-74

 

Ergebnisse u.a.:


  • 59 % wurden als Kind körperlich durch Elternfiguren/Pflegepersonen misshandelt bis es zu Verletzungen oder Prellungen kam.
  • 63 % wurden als Kind sexuell missbraucht
  • 68 % erfüllten Kriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung
(Anmerkung: Wobei kindliche Gewalterfahrungen sicherlich eine gewichtige Ursache sind, aber auch Gewalterfahrungen während der Prostitution: 64 % wurden beispielsweise mit einer Waffe in die Prostitution gezwungen, 73 % wurden als Prostituierte körperlich angegriffen und 57 % vergewaltigt, von Letzteren 59 % mehr als fünf mal)

Von den vier Gewalttypen: Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung in Kindheit, Vergewaltigung als Prostituierte und körperlicher Angriff als Prostituierte erlebte nur 13 % aller Befragten keine einzige Gewaltform. (S. 45) Leider wurde nicht dargestellt, wie viel Prozent keine körperliche Misshandlung und/oder sexuellen Missbrauch erlitten haben. Auf jeden Fall ja diese 13 %. 25 % erlebten alle vier Gewaltformen, 26 % drei Formen, 20 % zwei und 16 % eine.
Interessant ist, dass in den drei westlichen Ländern sehr viel weniger Prostituierte über keine einzige erlebte Gewaltform berichteten (Kanada 2 %, Deutschland 6 %, USA 6 %).

Dies lässt zwei gegensätzliche Dinge vermuten:
  1. Vermutlich gibt es in anderen Regionen der Welt viel öfter existenzbedrohende Armut, so dass dieser Faktor mehr Gewicht hat, während im Westen Gewalterfahrungen in der Kindheit eine größere Rolle auf dem Weg in die Prostitution spielen
  2. In anderen Regionen der Welt herrscht ein weit aus größeres Tabu über kindliche Gewalterfahrungen zu sprechen – dabei vor allem auch der sexuelle Missbrauch – als in Ländern wie Kanada, den USA und Deutschland, so dass diese Gewalt evtl. z.T. verschwiegen wurde und das Ergebnis verwässert wird.

In Deutschland wurden für diese Studie 54 Prostituierte befragt. 48 % wurden als Kind sexuell missbraucht und ebenfalls 48 % körperlich misshandelt.  (S. 43)




110 Prostituierte wurden für eine deutsche Studie befragt:
Schröttle, M. ; Müller, U. (2004): II. Teilpopulationen – Erhebung bei Prostituierten.  „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. (Hrsg.), S. 78-81.

 (Besonders aufschlussreich ist, dass diese gesonderten  Ergebnisse mit denen der größeren BMFSFJ- Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ verglichen wurden bzw. die Studie bzgl. Prostituierten war  ein Teil der größeren Studie. Die Ergebnisse der Hauptuntersuchung – die repräsentativ für die deutsche Frauenbevölkerung sind - sind zum Vergleich in Klammern angegeben. )

  • 56 % hatten in ihrer Kindheit körperliche Übergriffe zwischen den Eltern/Pflegeeltern  miterlebt. (18 % bei den Befragten der Hauptuntersuchung)
  • 73 % erlebten körperliche Züchtigungen  durch Eltern/Pflegepersonen, 52 % sogar häufig oder gelegentlich. (63 % bei den Befragten der Hauptuntersuchung; 20 % häufig oder gelegentlich)
  • 36% gaben an, sie seien häufig oder gelegentlich von den Erziehungspersonen lächerlich gemacht oder gedemütigt worden (8% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),
  • 52%, sie seien häufig oder gelegentlich so behandelt worden, dass es seelisch verletzend war (10% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),
  • 55%, sie seien häufig oder gelegentlich niedergebrüllt worden (11% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),
  • 37%, sie seien häufig oder gelegentlich leicht geohrfeigt worden (17% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),
  • 30%, sie hätten häufig oder gelegentlich schallende Ohrfeigen mit sichtbaren Striemen bekommen (6% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),
  • 39%, sie hätten häufig/gelegentlich einen strafenden Klaps auf den Po bekommen (20% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),
  • 40%, sie hätten häufig/gelegentlich mit der Hand kräftig den Po versohlt bekommen (10% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),
  • 20%, sie seien häufig/gelegentlich mit einem Gegenstand auf den Finger geschlagen worden (3% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),
  • 34%, sie seien häufig/gelegentlich mit einem Gegenstand kräftig auf den Po geschlagen worden (6% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),
  • 37%, sie hätten häufig/gelegentlich heftige Prügel bekommen (5% bei den Befragten der Hauptuntersuchung)

Insgesamt berichteten 43 % über mindestens eine Form der nachstehend genannten Varianten von sexuellem Missbrauch. 

  • 39% in ihrer Kindheit und Jugend durch eine erwachsene Person sexuell berührt oder an intimen Körperstellen angefasst worden (Hauptuntersuchung 8%),
  • 16% gezwungen worden, die erwachsene Person an intimen Körperstellen zu berühren (Hauptuntersuchung 3%),
  • 7% gezwungen worden, sich selbst an intimen Körperstellen zu berühren (Hauptuntersuchung 1%),
  • 13% zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden (Hauptuntersuchung 2%) und 13% zu anderen sexuellen Handlungen gedrängt oder gezwungen worden (Hauptuntersuchung 2%).





In Hamburg wurde eine weitere Studie durchgeführt:
Zumbeck, S. (2001): Die Prävalenz traumatischer Erfahrungen, posttraumatische Belastungsstörung und Dissoziation bei Prostituierten: eine explorative Studie. Dr. Kovac, Hamburg.

Ergebnis: 54 weibliche Prostituierte, Interviews

  • 65 % als Kind körperlich misshandelt mit Verletzungsfolgen)
  • 50 % sexuell missbraucht (vor dem 13. Lebensjahr)
  • Als Selbsteinschätzung nannten 83% der Befragten, in ihrer Kindheit traumatisiert worden
    zu sein. 

Zumbeck (2001) hat in ihrer Arbeit (S. 34-36) auch Ergebnisse diverser Studien (meist aus den USA) zusammengetragen, die ich hier ebenfalls kurz wiedergebe:



Silbert & Pines (1981) USA
200 Prostituierte und ehemalige Prostituierte
Interviews

  • 60 % sexuell missbraucht (vor dem 16. Lebensjahr); davon 47 % durch die Gewalt schwer verletzt. 
  • 50 % körperlich misshandelt
  • 70 % emotional misshandelt
  • 48 % erlebten Alkoholismus der Eltern
  • 54 % erlebten häufig Streit zwischen den Eltern

Diana (1985) USA
Interviews
487 Prostituierte verschiedener Arbeitsfelder
  • 38 % sexuell missbraucht


Earls &  David (1990) USA
Interviews
50 jugendliche Straßenprostituierte

  • 26 % sexuell missbraucht
  • 46 % körperlich misshandelt


Farley & Barkan (1998) USA
130 Straßenprostituierte (75 % Frauen, 13 % Männer, 12 % transgender)
Fragebogen

  • 57 % sexuell missbraucht
  • 49 % körperlich misshandelt


Bagley (1991) Kanada
Interviews
45 Ehemalige Prostituierte im Alter von 18 – 36

  • 73 % schwerer sexueller Missbrauch

Perkins (1991) Australien
Fragebogen
128 Prostituierte verschiedener "Arbeitsfelder"
  • 30,1 % sexueller Missbrauch

Yates, Macenzie, Pennbridge & Swofford (1991) USA
153 Jugendliche, die sich prostituierten (68 % Mädchen, 32 % Jungen)
Interviews
  • 55,6 % sexueller Missbrauch
  • 24,6 % körperliche Misshandlung

Quelle für alle o.g. Daten: Zumbeck, S. (2001): Die Prävalenz traumatischer Erfahrungen, posttraumatische Belastungsstörung und Dissoziation bei Prostituierten: eine explorative Studie. Dr. Kovac, Hamburg.




Eine weitere deutsche Studie (Brückner, M. &  Oppenheimer:, C. (2006):  Lebenssituation Prostitution. Sicherheit, Gesundheit und soziale Hilfen. Königstein: Helmer.) liegt mir nicht direkt vor. Ich habe in diesem Fall auf die entsprechende Forschungsprojektbeschreibung der Autorinnen und auf eine Rezension zurückgegriffen.

Im Zentrum der Studie stand die Befragung von 72 Prostituierten.

  • 53 % wurden als Kind sexuell missbraucht
  • 74% der Befragten hatten bis zu ihrem 16. Lebensjahr Gewalt erlebt, sei es als selbst erlittener Übergriff oder zwischen den erwachsenen Bezugspersonen.





Zusammenfassende Besprechung


Zunächst einmal fällt auf, dass sich die Wissenschaft mit denKindheitserfahrungen von Prostituierten umfassend befasst. Es wird zu Recht ein Zusammenhang zwischen Gewalterfahrungen in der Kindheit und dem Weg in die Prostitution vermutet. Die Forschenden drücken sich bei der Besprechung der Ergebnisse meist vorsichtig aus. Ich persönlich bin da etwas weniger zurückhaltend. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Sexueller Missbrauch wurde meist signifikant häufiger berichtet, als dies für die Allgemeinbevölkerung gilt. Das gleiche gilt für die körperliche Misshandlung (Man bedenke, dass „Misshandlung“ die schwersten Formen von körperlicher Gewalt meint.)

Eine repräsentative deutsche Studie für die Normalbevölkerung zeigte, dass u.a. 12  % über körperlichen Missbrauch bzw. Misshandlung und 12,6 % über sexuellen Missbrauch berichteten. Die vier oben besprochenen deutschen Studien bzgl. Prostituierten zeigen deutlich höhere Zahlen. (zwischen 43 % und 53 % sexuell missbraucht und 48 % bis 65 % körperlich misshandelt, bzgl. letzteren Zahlen ohne Daten von Brückner &  Oppenheimer (2006), die mir nicht komplett vorliegen.) Leider wurde in den meisten Studien zu wenig auf die Gebiete Vernachlässigung, emotionale Misshandlung, Drogen/Alkoholkonsum in der Familie und Gewalt zwischen den Eltern oder gegen Geschwister eingegangen. Um ein umfassendes Bild zu bekommen, müssten alle möglichen belastenden Kindheitserfahrungen einbezogen werden. Nur die Studie Silbert & Pines (1981) aus den USA und die deutsche Studie vom BMFSFJ (2004) fragten etwas breiter ab. Beide Studien zeigten, dass Prostituierte erheblich von verschiedenen Formen von Gewalt in der Kindheit belastet sind.  Dieser „Gewaltmix“ wirkt sich erwiesener Maßen besonders destruktiv auf die Entwicklung von Menschen aus.

Was in der Diskussion um Kindheitseinflüsse bzgl. Prostituierten auffällt ist, dass sich viele Berichte (vor allem in den Medien)  rein auf den sexuellen Missbrauch konzentrieren und den erwähnten „Gewaltmix“ außen vor lassen. Zudem ist mir keine Untersuchung bekannt, die die Kindheiten von (männlichen) Zuhältern, Bordellbetreibern,  Menschenhändler und auch von Freiern unter die Lupe nimmt.  Dabei ist diese Gruppe ebenfalls von Interesse und auch die entsprechenden Kindheiten sind vermutlich alles andere als liebevoll verlaufen.

Insgesamt betrachtet komme ich zu dem Schluss, dass Kinderschutz und Förderung von Familien gewichtige Maßnahmen sind, um nachhaltig und langfristig gesehen etwas gegen Prostitution zu unternehmen. 

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