Freitag, 12. September 2014

Bewertung des nordischen Modells durch in Norwegen prostituierte Personen

Die im Rahmen der Gesetzesevaluation durchgeführten Befragungen der prostituierten Personen durch das unabhängige Forschungsinstitut Vista Analyse AS haben zu folgenden zentralen Ergebnissen bezüglich der Arbeit und Bewertung des Gesetzes durch die prostituierten Personen.

Veränderung der Einstellung in der Gesellschaft - das Stigma der Käufer


Die befragten prostituierten Personen sind der Meinung, dass der Kauf von "sexuellen Dienstleistungen" durch das Sexkaufgesetz noch stigmatisierender und sozial weniger akzeptabel geworden sind, was dazu führe, dass viele [Sexkäufer] sich vom Straßenstrich fern halten. Sie sind einhellig der Meinung, dass das Gesetz zu einer Einstellungsänderung geführt hat.

Einige prostituierte Personen meinen, dass ein gewisser Anteil der Kunden nach Einführung des Gesetzes den Kauf "sexueller Dienstleistungen" komplett eingestellt hat und es sich bei diesem Anteil in erster Linie um die ressourcenstärksten Männer handelt - das heißt, um diejenigen, die den Frauen die respektvollste Behandlung zuteil kommen ließen.

Die Sexkunden haben es jetzt eiliger und möchten rascher fertig werden als vor Inkrafttreten des Gesetzes. Sie möchten nicht von der Polizei oder von anderen gesehen werden. In der Straßenprostitution äußert sich dies dadurch, dass sie verlangen, dass die prostituierte Person so schnell wie möglich ins Auto hineinsetzt. In der Innenprostitution ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Kunde Kleider zum Wechseln dabei hat, damit er die Wohnung oder das Hotel in einer anderen Bekleidung als in der verlassen kann, in der er ursprünglich gekommen ist. Auf beiden Schauplätzen ist es üblich, dass sich diese Kunden mit Caps und Sonnenbrillen einfinden.


Einige prostituierte Personen empfinden den Auftrag des Gesetzes zur Änderung der Einstellungen in der Gesellschaft als positiv. Man wünscht sich zum Beispiel nicht, dass die eigenen Kinder in dem Glauben aufwachsen sollen, dass es "ganz einfach" ist, "eine Frau zu kaufen".  Die Forscherinnen von Vista Analyse haben mir anderen Worten sowohl norwegische als auch ausländische prostituierte Personen ausfindig gemacht, die das Sexkaufgesetz unterstützen und die einstellungsbildende Wirkung unterstreichen, die das Gesetz langfristig haben könnte. Gleichzeitig wird unterstrichen, dass Möglichkeiten für andere Tätigkeiten bestehen müssten, wenn man wirklich wolle, dass weniger in der Prostitution enden. Prostitution wird von einigen als einzige zur Verfügung stehende Einnahmequelle angegeben (insbesondere wegen fehlender Arbeitserlaubnis und fehlender Sprachkenntnisse).

Veränderung der Einstellung bei der Polizei


Prostituierte Personen empfinden, dass bei der Polizei zum Teil eine Einstellungsveränderung erforderlich ist. Es wird angeführt, dass einige prostituierte Personen, insbesondere in der Osloer Straßenprostitution, sich vor der Polizei fürchten. Durchsuchungen und die Suche nach Kondomen, sowie die Anwendung des Ordnungswidrikeitsparagraphen werden als Schikane aufgefasst (auf Rückfrage wird bestätigt, dass dieser auch vor Einführung des Sexkaufgesetzes angewandt wurde).
Es wird allerdings präzisiert, dass man die negativen Erfahrungen mit der Polizei in Oslo mit der Polizeiwache "Sentrum" (Zentrum)  und beispielsweise  nicht mit der ehemaligen STOP-Gruppe gemacht hat. Dieser wird eine große Kompetenz zugeschrieben. Die prostituierten Personen haben erlebt, dass Polizisten, die sich mit Menschenhandel befassen, mehr Ahnung von Prostitution haben und die Frauen mit mehr Respekt behandeln.

Entwicklung des Marktes


In der Straßenprostitution kam es zu einem starken Preisverfall (von 500 auf 200-300, teilweise 100 NOK - von 60 auf 12 Euro). Dies kann auf eine verringerte Nachfrage hindeuten.

Frauen in der Innenprostitution betonen, dass das Preisniveau in Norwegen weit höher als zum Beispiel in Spanien liegt (300 Euro gegenüber 20-25 Euro für einen Job). Es wird angegeben, dass das Verdienstpotenzial vor Einführung des Sexkaufgesetzes besser war und dass man 2008 innerhalb von zwei Wochen 20.000 Euro verdienen konnte, während der Verdient heute weit niedriger ist. Dies muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass die Marktanteile für eine Frau dann am höchsten sind, wenn sie neu im Markt ist. Viele geben an, dass sie es als schwierig oder beinahe unmöglich empfinden, so viele Kunden zu bekommen wie sie sich wünschen.

Der Straßenstrich in Oslo wird von afrikanischen (insbesondere nigerianischen) und einigen rumänischen und bulgarischen Frauen dominiert. Die norwegischen Frauen, darunter Drogenabhängige, wurden in eine bestimmte Straße (Norskegata) und/oder die Innenprostitution verdrängt. Dies ist allerdings eine Entwicklung, die es bereits lange vor Einführung des Sexkaufgesetzes gab. Es wird auf Gruppen ausländischer prostituierter Personen hingewiesen, die häufig zusammen stehen und mitunter auch einen Zuhälter dabei haben, der andere Konkurrentinnen wegjagt. Wenn große Gruppen zusammenarbeiten, können diese gute Stellen auch dadurch wegschnappen, dass immer, rund um die Uhr, jemand von der  Gruppe dort steht. Für diejenigen, die allein arbeiten und auch nicht jeden Tag arbeiten möchten, wird es dann schwierig, Orte zu finden, an denen sie stehen können - was dazu geführt habe, dass norwegische Frauen in einen engen "Schlauch", der Norskegata, verdrängt wurden.

Ein Anzeichen dafür, dass der Markt schlechter und die Nachfrage im Verhältnis zum Angebot zurückgegangen ist, ist die Angabe dass sich nach Einführung des Gesetzes die Zahlungen an Hintermänner verringert haben, um nach Norwegen kommen zu dürfen (was zu Schulden führt und auch entsprechend bezeichnet wird). Früher haben die Zahlungen an Schulden bei Hintermännern von nigerianischen Frauen normalerweise bei 50-60.000 Euro gelegen. Jetzt liegen sie bei etwa 40-45.000 Euro. Es ist unklar ob due verringerten Schulden von nigerianischen Frauen nur für Norwegen oder auch für den Rest von Europa gelten. Es wird auf die hohen Lebenshaltungskosten in Norwegen hingewiesen und darauf, dass die Schulden deshalb verringert werden müssten, um überhaupt jemanden dazu zu bewegen, sich in Norwegen aufzuhalten.

Die prostituierten Personen bestätigen die Rotation im Markt und dass manchen über die Landesgrenzen hinweg operieren.

Viele prostituierte Personen versuchen ihre Kundenanzahl durch die Schaltung von mehreren Anzeigen zu erhöhen. Im Jahr 2008 gab es rund 100 veröffentlichte Inserate, heute sind es 600-700.  Feste Kunden, die für eine ganze Nach oder ein Wochenende zahlen, sind den Befragten zufolge entscheidend dafür, um im norwegischen Markt bestehen zu können. Ihrer Ansicht nach schaffen Neuankömmlinge es nicht , genügend feste Kunden aufzubauen, um sich in Norwegen oder eine Zeitlang in einer bestimmten Stadt aufhalten zu können. Die Anpassung besteht daher in kurzen Besuchen in Norwegen mit kurzen Aufenthalten in einigen Orten, um genügend Kunden gewinnen zu können.

Eine männliche prostituierte Person gab an, der Markt in Norwegen sei zu klein, um davon leben zu können. Er geht nebenher einer anderen Tätigkeit nach und meint, es sei leichter, beispielsweise in Deutschland schnelles Geld zu verdienen.

Die Kunden


Die meisten Sexkäufer sind zwischen 35 und 45 Jahre alt, es gibt aber auch zunehmend Kunden im Alter von 70-75 Jahren. Jüngere Männer unter 25 stellen einen äußerst geringen Anteil dar. Während es  sich bei den Sexkäufern in der Straßenprostitution  hauptsächlich um Männer nichtnorwegischer Herkunft handelt, handelt es sich in der Innenprostitution überwiegend um norwegische Kunden.

Die Lebenssituation von Frauen (und Männern) in der Prostitution


Es gibt eine Tendenz zum Angebot von Sex ohne Kondom. Dies wird von den Befragten als besorgniserregend angesehen.
Es ist unklar, ob die Anzahl der Gewaltvorkommnisse nach der Einführung des Gesetzes zugenommen hat. Eine Befragte aus der Straßenprostitution meint, die Gewalt habe zugenommen, während andere keine Änderung oder weniger Gewalt aufgrund des Umstandes vermelden, dass die Kunden sich mehr davor fürchten, wegen Sexkaufes angezeigt zu werden und daher vorsichtiger geworden sind. Die wenigstens befragten Personen hatten jedoch Erfahrungen aus der Zeit vor Einführung des Gesetzes.
Der Umstand, dass die Kunden weniger Zeit haben, wird als positive Wirkung des Gesetzes empfunden. Mehr Effektivität gibt Raum für mehr Kunden oder mehr Freizeit sowie für weniger leeres Gerede und "sonderbare" Anfragen.  Norwegische prostituierte Personen und ausländische mit längerer Anbindung an Norwegen haben sich an das Gesetz angepasst, dass sie mehr feste Kunden haben, die anstelle von Straßenbesuch per Mobiltelefon oder auf andere Weise erreichbar sind. Dies könnte eine positive Wirkung des Gesetzes sein, da solche Umstellungen zu einem verringerten Sicherheitsrisiko führen. Auch Frauen, die ausschließlich in der Innenprostitution arbeiten, berichten von vielen festen Kunden und dass dies vorzuziehen ist. Um sich selbst zu schützen, würde die Mehrzahl auch keinen Anruf mit unterdrückter Nummer annehmen.

Einschätzung zu Menschenhandel/Zwangsprostitution


Die prostituierten Personen sind der Meinung, dass es mehr Ressourcen benötigen würde, um verhindern zu können, dass Frauen und Männer in die Prostitution getrieben werden. Die norwegischen Frauen heben "Laurus Hus" (bietet Opfern von Menschenhandel Zuflucht) und "Rosa" (Hilfsprojekt für Opfer von Menschenhandel) als positive Maßnahmen hervor. Erstere gab es bereits vor Einführung des Gesetzes.

Von den ausländischen Frauen werden die Norwegischkurse, finanziert aus einem 10-Millionen-Topf, der infolge des Gesetzes eingerichtet wurde, als äußerst positive Maßnahme empfunden. Die Möglichkeit mehrere Kurse zu absolvieren und sicherer in der norwegischen Sprache zu werden, eröffnet neue Möglichkeiten und potentiell einen Weg aus der Prostitution heraus. Mehrere Befragte sagen, dass sie aus der Prostitution heraus- und in andere bezahlte Berufe hineinkommen möchten. Die Herausforderung besteht darin, dass viele finanzielle Verpflichtungen im Heimatland, Schulden oder andere finanzielle Herausforderungen haben, wodurch es schwierig wird, alternative Berufe zu finden.

Die Befragten geben an, dass das Gesetz dazu beigetragen hat, die Rentabilität für die Hintermänner und damit auch potentiell den Umfang des Menschenhandels zu verringern. Es scheint so als habe das Sexkaufgesetz die Verdienstmöglichkeiten der Hintermänner eingeschränkt und es ihnen erschwert hat, Menschenhandel zu betreiben. Es wird auch darauf hingewiesen, dass Hintermänner von den hohen Kosten in der Innenprostitution abgeschreckt würden und daher ihre prostituierten Personen lieber auf andere Märkte als den norwegischen bringen. Nach Ansicht der Befragten ist Norwegen infolge des Sexkaufgesetzes und der Umsetzung des Zuhältereiparagraphen eindeutig weniger attraktiv geworden.

Es gibt Frauen aus der Innenprostitution, die angeben, dass sie die Polizei selbst darüber informieren würden, wenn ihrer Meinung nach zu viele junge Frauen auf den Internetseiten sind - in der Hoffnung, dadurch zur Verhütung des Menschenhandels beizutragen.

Perspektive/Nachbesserungsbedarf


Einige Frauen mahnen aus den oben genannten Gründen  eine Einstellungsänderung und bessere Schulung insbesondere der jungen Streifenpolizisten an.

Es müssen noch mehr Alternativen für prostituierte Personen angeboten werden.



Quelle: Vista Analyse AS: Evaluering av forbudet mot kjøp av seksuelle tjenester (Kapitel 7)

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