Dienstag, 22. April 2014

Nein, ich werde nicht aufhören "Gefühle" zum Leben von Frauen und Menschenrechten zu haben

"Nein, ich werde nicht aufhören "Gefühle"
zum Leben von Frauen und Menschenrechten
zu haben" - Meghan Murphy
Beim nachfolgenden Text handelt es sich um eine deutsche Übersetzung eines Artikels von Meghan Murphy / Feminist Current. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Ich weigere mich zu glauben, dass Soziopathie dem Feminismus gut tut. Dennoch sollen wir uns genau dieser ergeben, wenn wir über die Sexindustrie sprechen.

In einem aktuellen Artikel über Melissa Gira Grant`s neues Buch "Playing the Whore: The Work of Sex Work" ("Die Hure spielen: Der Beruf Sexarbeit") wird bereits im Titel gefordert, wir sollen "unsere Gefühle beiseite lassen" und Prostitution als ein "Gewerkschaftsthema" betrachten - eine merkwürdige Forderung an Menschen bezüglich der Betrachtung anderer Menschen.

Seit wann befördert der Feminismus die Idee, man solle keine "Gefühle" haben? Nach meinem Verständnis war der Vorwurf gegenüber Frauen, sie seien "zu emotional" oder ihre Gefühle stünden der rationalen Sicht (der Männer) im Weg, ehm ja, irgendwie sexistisch? Darüber hinaus ist doch der Grund, warum mensch sich in der feministischen Bewegung engagiert, im wahrsten Sinne des Wortes, weil man sich um andere Frauen sorgt. Wir sorgen uns um die Leben von Frauen, ihre Rechte, ihr Wohlergehen, und, allgemeiner, ihre Möglichkeit ihr Leben frei von Unterdrückung und Gewalt mit Würde leben zu können. Die Forderung "unsere Gefühle beiseite zu legen", wenn wir über Feminismus und Frauenthemen nachdenken, ist antifeministisch.

Die Autorin des Artikels, Meaghan O`Connell, schreibt Gira Grant`s Buch würde "untersuchen wie unsere 'Gefühle sprechen' und wie die theoretische Debatte eine Ablenkung sein könne von den unmittelbaren Arbeits- und Menschenrechtsfragen, mit denen Sexarbeiter_innen sich die ganze Zeit herumschlagen müssen, und an denen sie sterben".

Ich bin ein wenig verwirrt. Die Prostitutionsdebatte soll weder "theoretisch" sein, noch "gefühlsbetont" - um was geht es dann eigentlich?

Ich würde ja sagen es geht um eine Menge verschiedener Dinge:
  1. Frauen und Frauenleben
  2. Menschenrechte
  3. Geschlechtergleichheit
  4. Machtsysteme
  5. Rassismus
  6. Armut
  7. sexuelle Gewal
  8. Gewalt gegen Frauen
  9. Männliche Macht
  10. Globalisierung
  11. Kolonialismus
Es gibt eine Vielzahl von anderen Dingen, die ich oder du dieser Liste hinzufügen könnten, aber ich denke, die hier angeführten Themen sind für unsere Unterhaltung ziemlich entscheidend. Und zu all diesen Themen habe ich sowohl Empfindungen als auch Überzeugungen. Als, wie du weißt, Feministin, Sozialistin, als ein Mensch, dem das Wohlergehen anderer am Herzen liegt.


Die ständige Wiederholung von "Sexarbeit ist Arbeit" oder "Sexarbeit ist ein Beruf wie jeder andere" oder die Versuche, Prostitution in andere "Gewerkschaftsdiskussionen" einzubetten um ethisch linksdenkende Menschen auszutricksen und sie glauben zu lassen, sie schlössen sich einem progressiven Kampf an, mit den Worten "lass uns das mal rational betrachten", fühlt sich für mich in der Tat soziopathisch an (Ups, ich kann einfach meine verdammten Gefühle nicht beiseitelassen …).

Zunächst: Prostitution ist nicht einfach nur ein Gewerkschaftsthema. Prostitution ist Teil eines Systems, welches Frauen weltweit Gewalt zufügt, welches Systeme der Ungleichheit aufrecht erhält, und welches insbesondere marginalisierte Frauen und Mädchen betrifft. Prostitution in Kanada existiert in ihrer Form durch die Intersektion von Kolonialismus, Patriarchat, Kapitalismus und Rassismus. Nur ein "Gewerkschaftsthema"? Wirklich? Vielleicht solltest du mal ein paar mehr "Gefühle" haben ...

Zweitens, obwohl die Linke geneigt, ist jede_n zu unterstützen, der/die angibt sich für Arbeiter_innenrechte einzusetzen, weil wir (zu Recht) Arbeiter_innen, die Arbeitsklasse und die Gewerkschaftsbewegung unterstützen wollen, muss man feststellen, dass Argumente, mit denen „Sexarbeit“ als „Gewerkschaftsthema“ angesehen werden, diese in Wirklichkeit aus kapitalistischer Sicht betrachten - nach den Regeln des Marktes. Wie Kajsa Ekis Ekman, die Autorin von "Being and Being Bought: Prostitution, Surrogacy and the Split Self" (ein Buch, das wirklich auf marxistischer und feministischer Analyse basiert, und dennoch von keinem/keiner progressiven/liberalen/feministischen Journalist_in aufgegriffen wird) ausführt:

"Sexarbeitslobbyist_innen versuchen Prostitution so zu verkleiden, als sei sie kein Geschlechterthema, sondern es ginge nur um "Käufer_in" und "Verkäufer_in". Menschen sprechen nicht länger über Menschen - sie sprechen über "Dienstleistungen", "Kunden" und "Geschäfte".“ Hallo ihr das draußen? Linke?

Es ist eigenartig, denn Abolitionist_innen bekommen häufig gesagt, sie sollen ihre Meinungen und ihren Aktivismus nicht auf "Ideologien" oder "Gefühle" gründen. Ich würde zunächst argumentieren, dass sich diese beiden Dinge miteinander kreuzen, da wir im Allgemeinen Ideologie auf der Basis einer Ethik entwickeln, die sehr oft in Bezug zu unseren "Gefühlen" steht (d.h. unsere Fähigkeit oder Unfähigkeit, uns mit anderen Menschen auf dieser Erde zu identifizieren). Ich frage mich, auf welcher Basis wir unsere Meinungen und Bewegungen und ihren Aktivismus sonst gründen sollen? Sollen wir es vielleicht Computern überlassen, unseren Feminismus zu entwickeln um sicher zu gehen, dass dieser rein "rational" ist und nicht vermischt wird mit blöden Menschen und ihren bescheuerten "Gefühlen"?

Es ist so: Kapitalismus hat keine Gefühle. Der Kapitalismus misst den Bedürfnissen und Wünschen des Marktes höhere Priorität zu als dem Wohlergehen der Menschen, der Tiere und der Erde. Wenn Sie also ein System möchten, welches sich AUSSCHLIESSLICH AUF FAKTEN gründet, Ma'am, dann blicken Sie nicht über den Konzernkapitalismus hinaus, dem es gelungen ist, jegliche "Gefühle" des Profits wegen zur Seite zu schieben. Der Kapitalismus war uns augenscheinlich ein guter Lehrmeister und zwingt uns, unsere Ethik und Gesetze von unserer Menschlichkeit abzutrennen.

Nun verstehe ich natürlich, dass bei der Betrachtung von Prostitution unsere "Gefühle" weniger wichtiger sind als die Realität dessen, was mit den Frauen in der Prostitution tatsächlich passiert. Aber zu argumentieren, wir sollten unsere "Gefühle" außen vor lassen und nicht mehr darüber nachdenken, warum Prostitution überhaupt existiert, ist für mich ohne Sinn und Verstand. Frauen sind in der Prostitution aufgrund von Ungleichheit - diese Realität müssen wir unbedingt in jedes Gespräch über Gesetze, Dienstleistungen und Fürsprache mit einbeziehen. Den Kontext der Sexindustrie zu ignorieren bedeutet die Realität in der Sexindustrie zu ignorieren. Wir können Frauen und Mädchen, die gefährdet sind oder die in der Sexindustrie landen, nicht helfen, wenn wir nicht verstehen, warum sie dort sind oder warum sie dort landen könnten.

Wenn wir uns wirklich die "Realität" in der Prostitution ansehen wollen, werden wir natürlich "Gefühle" dazu haben. Diejenigen, die das nicht tun, sind in Wirklichkeit das Problem. Weißt du nämlich, wer sich nicht durch Gefühle bei seiner Meinung zu Prostitution aufhalten lässt? Sexkäufer. Außerdem Menschen, denen Frauen schlichtweg egal sind.

Prostitution ist Arbeit. Versteh mich nicht falsch. Es ist sehr harte "Arbeit". Aber es ist nicht *nur* Arbeit und es geht sicherlich nicht *nur* um Gewerkschaftsthemen. Die meisten Frauen wollen nicht als Prostituierte arbeiten. Die meisten Frauen in der Prostitution wollen raus. Ihnen zu helfen drin zu bleiben, hilft nicht. Prostitution zu entkriminalisieren um mythische Organisationen zu gründen, die mythische "Rechte" und Sicherheit bieten, ist, naja, mythisch. Es gibt keine sichere, legale Prostitutionsindustrie. Frauen, die unter legalen und entkriminalisierten Bedingungen prostituiert sind, arbeiten dennoch illegal weiter, fühlen sich weiter stigmatisiert, bleiben weiter Gewalt ausgesetzt, melden sich nicht an um Steuern zu zahlen (weil sie hoffen die Industrie verlassen zu können und nicht als Prostituierte registriert werden möchten) und sie werden keine Gewerkschaftsmitglieder. Die "Gewerkschaften", die für Prostituierte existieren, werden, wie es scheint, von Zuhältern oder "Managern" geleitet - und sind deshalb gar keine "Gewerkschaften".

Was Frauen brauchen sind Alternativen, Hilfsangebote und Unterstützung. Und nicht, sie als unmenschliche Zahnräder darzustellen (wie verstörender Weise beispielsweise auf Gira Grants Buch illustriert dargestellt). Gefühle, Moral, Ethik oder Ideologie aus der Debatte herauszulösen bedeutet unsere Menschlichkeit und die Menschlichkeit von Frauen und Mädchen aus der Debatte herauszunehmen. Es entmenschlicht uns und es zwingt uns, die Menschlichkeit anderer nicht mehr wahrzunehmen. Und ich möchte nicht Teil irgendeiner einer sozialen Bewegung sein, die Entmenschlichung fordert. Wenn du Gefühle und Ideologie aus einer sozialen Bewegung - insbesondere dem Feminismus - herauslösen willst, dann bist du vielleicht besser im Vorstand eines kapitalistischen Unternehmens aufgehoben.

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