Donnerstag, 24. April 2014

#sexindustryweek: Niemand hat ein Recht auf Sex, auch nicht behinderte Menschen

Ursprünglich veröffentlicht auf Feminist Times - wir danken Feminist Times und Philippa Willits für die Erlaubnis zur Veröffentlichung einer deutschen Übersetzung.
 
Debatten über die Sexindustrie hängen oft mit feministischem Bewusstsein zusammen, und ein Argument welches mir immer wieder auffällt ist das Prostitution legalisiert werden sollte, da ohne Sexarbeiter_innen diese armen, bemitleidenswerten Menschen mit Behinderung niemals Sex haben könnten.

Menschen, die niemals in ihrem Leben Interesse daran gezeigt haben Kampagnen gegen die Kürzung von Leistungen für Menschen mit Behinderung oder für Barrierefreiheit zu unterstützen, beschäftigen sich plötzlich mit unserem "Recht" auf Sex? Das ist unredlich, und es versteckt sich eine gar nicht mal so subtile Diskriminierung hinter dieser Rhetorik.

Die Annahme, dass niemand freiwillig Sex mit einem behinderten Menschen haben würde ist nicht nur falsch, sie ist auch beleidigend. Eine kindliche Sicht auf Menschen mit Behinderung trägt außerdem zu der Meinung bei, dass Sex mit einem/einer von uns falsch oder komisch sei, zusätzlich zu dem Stigma und den Vorurteilen die unsere Leben eh bereits einschränken.

In der gegenwärtigen Medienlandschaft werden wir dargestellt als faule Schnorrer_innen. In Filmen sind wir mutige, inspirierende Charaktere, die existieren um andere dazu zu motivieren aktiv zu werden, weil ihnen schuldbewusst klar wird wie schrecklich doch unsere Leben sind. Und im medizinischen Bereich sind wir selbst das Problem mit unseren schiefen Körpern und Psychen, die teure und aufwändige Behandlungen beanspruchen, worüber die Krankenkassen sich ärgern.


Es überrascht also nicht wenn Menschen ohne Behinderung nicht wissen was sie über uns denken sollen. Wenn sie einen behinderten Menschen mögen, können Frage wie ob man die Person zerbrechen könnte beim Sex (Hinweis: kommunizieren!), ob Sex weh tun könnte (Hinweis: kommunzieren!), und so weiter, Barrieren aufbauen, die manche Menschen für unüberwindbar halten können. Tatsächlich würden nach einer Umfrage des Observers 70% der Brit_innen Sex mit einer behinderten Person "nicht in Betracht ziehen".[1]

Gesellschaftliche Vorurteile sitzen so tief, dass sogar manch behinderter Mensch sich scheut einen anderen behinderten Menschen zu daten: in zwei Beispielen - beide veröffentlich in Disability Horizons, schrieb ein behinderter Mann - der selbst besorgt darum war kein Date zu bekommen - sehr beleidigend über Frauen mit psychischen Problemen[2], während ein anderer - der um seine Benutzung von Prostituierten zu rechtfertigen - Frauen mit Behinderung als "zweite Wahl" bezeichnete.[3]

Es ist außerhalb wichtig zu sehen, dass die vermeintliche Zwangsläufigkeit, dass Menschen mit Behinderung niemals "einen Fick" bekämen ein gesellschaftliches Vorurteil ist. Und, anstatt dieses Vorurteil zu bekämpfen und die falschen Vorstellungen in Frage zu stellen, ebenso wie die Beleidigung, gibt es immer noch diejenigen, deren Lösung darin besteht für das "Recht" von behinderten Männern (wie immer) auf Sex mit Prostituierten einzutreten Denke mal darüber nach, dass wenn du für das "Recht" einer behinderten Person auf Sex durch Prostitution eintrittst, du diese diskriminierenden Vorstellungen verstärkst, und uns damit nicht befreist.

Es mag zwar nicht populär sein, aber es ist tatsächlich so, dass niemand Sex braucht. Es ist nicht wie Essen oder Wasser, ohne die du sterben würdest. Sex kann Spaß machen, von Stress befreien, aufregend sein, und keinen Sex zu haben kann wenn du eine große Libido hast frustrierend und deprimiert machen. Dennoch, der Misserfolg des regelmäßigen Erlebens eines Orgasmus hat noch niemandes Herz zum stoppen gebracht oder Genitalien zum Abfallen.

Die Bedeutung einer Zugangsberechtigung kann erstaunen, und das Problem dabei ist, dass wenn man für ein "Recht" eines behinderten Mannes den Körper einer Sexarbeiterin zu benutzen argumentiert, bedeutet das, dass man seine Wünsche gegen die körperliche Autonomie der Frau richtet. Für diejenigen Sexarbeiterinnen, die ihren Job lieben, ist das kein Problem. Für die ca. 95% der Frauen in der Prostitution, die drogensüchtig sind[4], die 78% die davon berichten 16 mal im Jahr von ihrem Zuhälter vergewaltigt worden zu sein[5], und 33 mal durch Freier, und die 4000 Menschenhandelsopfer zur Zwangsprostitution in Großbritannien[6], sieht die Sache nicht so positiv aus.

Ab welchem Punkt hat ein Mensch mit Behinderung, der "spitz" ist mehr Rechte als die Frau, die sich seit ihrem 16. Lebensjahr prostituiert, was für ca. 75% aller Frauen in der Prostitution[7] der Fall ist? Wie der Psychologe Simon Parritt ausführt[8] "hat zwar jeder Mensch ein Recht auf eine sexuelle Identität, aber ich denke kein Mensch hat das Recht auf Sex mit einer anderen Person. Denn dies beeinträchtigt das Recht eines anderen"

Wenn ich dieselben Leute bei Demonstrationen entdecke, die protestieren gegen die Art und Weise wie Menschen mit Behinderung unter dieser "Austeritäts"-Regierung behandelt werden, oder die sich gegen das Ende des Independent Living Fund aussprechen[9], dann bin ich vielleicht gewillt zu glauben, dass sie sich um die Rechte von Menschen mit Behinderung sorgen. Bis dahin betrachte ich diese Menschen als welche, die Behinderung als bequemes Argument für die Beibehaltung des Rechts des Mannes auf den Zugang zu weiblichen Körpern benutzen.

Wenn es um Menschen mit Behinderung und Sexualität geht sind komplexe Fragen im Spiel. Technologie, Beratung, vielleicht auch spezielles Training werden ggf. benötigt für ein zufriedenstellendes Sexleben, aber die Probleme mit denen wir umgehen müssen sind EIN Resultat aus der Diskriminierung der Menschen mit Behinderung, und nicht angeborenes Unvermögen einen Sexualpartner/eine Sexualpartnerin zu finden. Und genauso wie Menschen mit Behinderung gleiche Rechte benötigen, so gilt das auch für Frauen, inklusive dem Recht nicht ausgebeutet oder benutzt zu werden.

Philippa Willits ist eine behinderte, freiberufliche Journalistin aus Sheffield. Sie hat für den Guardian, den Independent, den New Statesman und Channel 4 News geschrieben und gehört dem The F-Word blogging collective an. Folgt ihr auf Twitter @PhilippaWrites



[1] Sex uncovered poll: Education and ethnicity, http://www.theguardian.com/lifeandstyle/2008/oct/26/observer-sex-poll-20082

[2] http://disabilityhorizons.com/2014/01/dating-confessions-of-a-20-something-disabled-guy/

[3] http://disabilityhorizons.com/2011/12/discovering-my-last-taboo/

[4] http://www.object.org.uk/the-prostitution-facts

[5] http://womensissues.about.com/od/rapesexualassault/a/Wuornos.htm

[6] http://www.parliament.uk/briefing-papers/sn04324.pdf

[7] http://www.avaproject.org.uk/our-resources/statistics/prostitution.aspx

[8] http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/magazine/7057929.stm

[9] http://www.mirror.co.uk/news/uk-news/closure-independent-living-fund-one-3231375

Keine Kommentare:

Kommentar posten