Dienstag, 27. Mai 2014

Schluss mit Mythen

Warum Legalisierung eine schreckliche Idee ist

Autorin: Jacqui Hunt, Leiterin der Londoner Stelle von EqualityNow
Original veröffentlicht am: 04.03.2013
Übersetzt und veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung von Equality Now

Necronomicon prop
von Shubi(Shubi) (Self-made just for fun.)
[Public domain],
via Wikimedia Commons
Wenn es um die mutmaßlichen Vorteile einer Legalisierung oder Entkriminalisierung von Prostitution geht, wird eine ganze Reihe von Mythen hervorgebracht. Die Logik lautet oft, Prostitution sei „der älteste Beruf der Welt“, es werde sie immer geben, daher sei es für die betroffenen Frauen besser, wenn alles transparent und reguliert wäre. Es wird argumentiert, dass sie auf diese Weise vor Gewalt und Ausbeutung durch missbrauchende Käufer, Zuhälter, Menschenhändler und andere in der Sexindustrie geschützt seien, die kommerzielle Interessen verfolgen. Auf den ersten Blick klingt das nach einer vernünftigen Aussage, in der Praxis jedoch hat es nicht funktioniert und kann auch nicht funktionieren. Die Ergebnisse aus Ländern und Rechtssystemen, in denen man Prostitution legalisiert oder entkriminalisiert hat, illustrieren, warum das so ist.

Mythos 1: Die Legalisierung/Entkriminalisierung der Prostitution sorgt für mehr Sicherheit für die betroffenen Frauen

In Ländern, die Prostitution legalisiert oder entkriminalisiert haben, sind die betroffenen Frauen nach wie vor schwerer Gewalt ausgesetzt. Laut einem neuseeländischen Regierungsbericht aus dem Jahre 2008 „befand die Mehrheit der interviewten Sexarbeiterinnen, dass die [Entkriminalisierung von Prostitution] kaum etwas gegen das Vorkommen von Gewalttaten [in der Sexindustrie] ausrichten könne“.

Der noch immer unaufgeklärte Mord an dem ungarischen Menschenhandelsopfer Bernadette Szabó, die 2009 in einem legalen Bordell im Rotlichtbezirk Amsterdams erstochen wurde, illustriert, dass der Rahmen eines legalen Bordells keine Sicherheitsgarantie vor Gewalt darstellt. Hinzu kommt, dass auch vier Jahre später niemand zur Rechenschaft gezogen wurde, weder für den Mord an ihr noch für den Tatbestand des Menschenhandels, wenngleich sich das Verbrechen in einer angeblich regulierten Zone abgespielt hat.

Im australischen Bundesstaat New South Wales kommentierte ein Polizist, der im Bereich Sexhandel ermittelt, die Ergebnisse der Entkriminalisierung wie folgt: „Auch wenn die Intention dahinter war, SexarbeiterInnen ein sicheres Arbeitsumfeld zu verschaffen, ist das Gegenteil eingetreten, da die Zuhälter und Bordellbetreiber an Macht und Reichtum gewonnen haben.“ Im Bundesstaat Victoria, ebenfalls Australien, beschwerte sich ein Polizeibeamter, dass „viele Bordelle seit Jahren nicht mehr inspiziert worden sind“. Project Respect, eine Organisation, welche in der Prostitution involvierte Frauen unterstützt, hat darauf hingedeutet, dass der Zugang zu Bordellen „begrenzt ist und im Ermessen des Bordellmanagements liegt“.

Mythos 2: Die Legalisierung/Entkriminalisierung der Prostitution wirkt sich positiv auf Gesundheit und Wohlbefinden der betroffenen Frauen aus

Ein Bericht von 2008, der von der Regierung Neuseelands in Auftrag gegeben wurde, hat bestätigt, dass die meisten Menschen in der Prostitution befinden, dass sich seit der Entkriminalisierung in Sachen Zugang zu Gesundheitsangeboten und -informationen „wenig geändert hat“ und dass die jeweiligen Ansprechpartner „keine grundlegenden Veränderungen in der Anwendung von Safer-Sex-Methoden bei SexarbeiterInnen als Folge der Inkraftsetzung [des Gesetzes, das die Prostitution entkriminalisierte] wahrnehmen“. Unterdessen konstatiert ein niederländischer Regierungsbericht von 2007, dass das emotionale Wohlbefinden der in die Prostitution verwickelten Frauen „in allen untersuchten Aspekten inzwischen niedriger ist als 2001, während die Verwendung von Sedativa angestiegen ist“.


Mythos 3: Die Legalisierung/Entkriminalisierung der Prostitution verbessert die soziale Absicherung der betroffenen Frauen

Ein 2007 von der deutschen Regierung in Auftrag gegebener Bericht führt aus, das Prostitutionsgesetz habe „keine messbare tatsächliche Verbesserung der sozialen Absicherung von Prostituierten bewirken können” und „[h]insichtlich der Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Prostitution konnten kaum messbare positive Wirkungen in der Praxis festgestellt werden”. Darüber hinaus stellte die Regierung fest, dass der Großteil der Frauen in der Prostitution keine Arbeitsverträge haben und diese auch nicht wollen. Tatsächlich meldete kaum eine in die Prostitution verwickelte Frau ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis an. Damit kommen sie nicht in den Vorzug einer größeren sozialen Absicherung oder von Leistungen wie Kranken- oder Rentenversicherungen.

Mythos 4: Die Legalisierung/Entkriminalisierung der Prostitution reduziert das Stigma, das auf den betroffenen Frauen lastet

Die These, die Legalisierung oder Entkriminalisierung von Prostitution würde das Stigma gegenüber den betroffenen Frauen reduzieren, ist weit verbreitet. Dabei haben von Regierungsstellen und Forschungseinrichtungen durchgeführte Berichte aus Neuseeland, Australien und Senegal bewiesen, dass dies nicht zutrifft. Ein Dienstleister im australischen Victoria merkte an: „Frauen erzählen uns die ganze Zeit, dass ihr Status, in der Prostitution gearbeitet zu haben, gegen sie verwendet wird“. In Neuseeland wurde in einem Regierungsbericht festgestellt, dass „Beschimpfungen und Belästigungen von auf der Straße tätigen SexarbeiterInnen durch betrunkene Mitglieder der Öffentlichkeit alltäglich ist“. Eine Legalisierung oder Entkriminalisierung kann die Stigmata kaum verringern, geschweige denn beseitigen, die auf Individuen in der Prostitution lasten, weil diese Herangehensweisen nicht am ausbeuterischen Wesen ansetzen, das Prostitution im Kern innewohnt. Der Status Quo wird aufrechterhalten und verstärkt, da Legalisierung und Entkriminalisierung dem ungerechten Machtgefälle zwischen einer Frau und ihrem Käufer Vorschub leisten. Im Gegenzug trifft den Sexkäufer, obwohl er sich die Benutzung des Körpers eines anderen Menschen erkauft, durch diese Herangehensweisen nicht die geringste Stigmatisierung. Damit leisten sie einen Beitrag zur Unterstützung eines Systems, in dem die Frau in der Prostitution nach wie vor untergeordnet, stigmatisiert, ausgebeutet und unzureichend geschützt wird, während man ihrem Käufer faktisch Immunität verleiht.

Mythos 5: Die Legalisierung/Entkriminalisierung der Prostitution reduziert kriminelle Aktivitäten in der kommerziellen Sexindustrie

In Gebieten, in denen Prostitution legalisiert oder entkriminalisiert wurde, gibt es zahlreiche Meldungen über einen Anstieg sowohl des Menschenhandels als auch der organisierten Kriminalität. Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, dass Zuhälter, Schieber und andere, die von Prostitution profitieren, von Umgebungen angezogen werden, die Prostitution tolerieren und sogar ermöglichen, in denen demnach eine höhere Nachfrage zu erwarten ist und wo sie sich unter dem Deckmantel der Legalität verstecken können. 2003 erklärte der Bürgermeister Amsterdams, die Legalisierung sei darin gescheitert, Menschenhandel zu unterbinden und wies darauf hin, dass es „unmöglich zu sein scheint, Frauen eine sichere und kontrollierbare Zone zu verschaffen, die dem Missbrauch durch das organisierte Verbrechen keine Zugangspunkte offen lässt“. Im Bericht der deutschen Regierung von 2007 heißt es dazu: „Für einen kriminalitätsmindernden Effekt des ProstG gibt es bislang keine belastbaren Hinweise.“ Derweil kam die University of Queensland in Australien zu der Erkenntnis, dass sich die Aktivitäten der kommerziellen Sexindustrie zu geschätzt 90% außerhalb der legalen Sexindustrie abspielen, da „illegale Formen von Prostitution eine Nachfrage decken, welche von der legalen Industrie nicht gedeckt werden können.“ Neuseelands Premierminister John Key bestätigte ebenfalls, die Entkriminalisierung habe in Bezug auf eine Reduzierung der Prostitution Minderjähriger keine Ergebnisse erzielt.

Mythos 6: Wenn wir die Käufer kriminalisieren, erkennen wir nicht an, was in der Prostitution tätige Frauen wirklich wollen
 
Eine Studie aus dem Jahre 2003 hat herausgefunden, dass 89% der Frauen in der Prostitution aussteigen würden, wenn sie dazu in der Lage wären und wenn sich ihnen andere Möglichkeiten bieten würden. Dem ungeachtet versagen die Ansätze der Legalisierung und Entkriminalisierung darin, die Mehrheit der Frauen anzuerkennen, geschweige denn zu unterstützen, die aus der Prostitution aussteigen wollen. Laut dem Bericht der niederländischen Regierung von 2007 „berichten nur 6% der Kommunalverwaltungen, dass sie sich dem Thema der Ausstiegsmöglichkeiten aus der Branche widmen“.

Im Gegensatz dazu gehört die Unterstützung von Frauen beim Ausstieg zu einem der Grundpfeiler des nordischen Modells, welches jene kriminalisiert, die Sex kaufen, während es gleichzeitig in die Prostitution involvierte Individuen von Sanktionen befreit.

Zusammen mit der Organisation Eaves veröffentlichte die London South Bank University kürzlich einen Bericht, der im Detail ausführt, wie die Barrieren beim Ausstieg aus der Prostitution überwunden werden können. Eine Schlüsselerkenntnis besteht dabei darin, dass viele Frauen mit entsprechender Unterstützung die Prostitution hinter sich lassen können, dass sie dies auch tun und sich ihr Leben neu aufbauen. Die Länder, die Prostitution als Gewaltverbrechen gegen Frauen betrachten, die die Täter bestrafen und die betroffenen Frauen unterstützen, haben Programme für jene auf die Beine gestellt, die aus der Prostitution aussteigen möchten. Es wird indes eingeräumt, dass in dieser Hinsicht mehr unternommen werden muss.

Die Ansätze der Legalisierung und Entkriminalisierung tragen zudem den Umständen keine Rechnung, unter welchen viele Frauen in die Prostitution einsteigen, den Gründen, aus denen sie dies tun und die dafür sorgen, dass sie dort verbleiben. Durch unsere Erfahrungen, die wir in der Arbeit mit Prostitutionsüberlebenden gesammelt haben, wissen wir, dass ein beträchtlicher Anteil an Frauen als Minderjährige in die Sexindustrie einsteigt, dennoch wird nicht genug Präventionsarbeit in frühen Stadien geleistet, um das Selbstwertgefühl von Mädchen zu fördern und Schutz vor Missbrauch zu bieten. Einige Menschenhändler, Zuhälter und Ausbeuter üben subtile psychologische Kontrolle über labile Mädchen aus und verführen sie – neben dem, dass sie physische Gewalt auf ihre Opfer ausüben. Indem jene, die eine Legalisierung oder Entkriminalisierung anstreben, behaupten, Prostitution sei „ein Beruf wie jeder andere“, lassen sie die erhebliche Zahl an Frauen unter den Tisch fallen, die als Minderjährige in das System geraten und denen sich nicht urplötzlich unzählige Türen öffnen, sobald die Uhr an ihrem 18. Geburtstag zwölf schlägt. Hinzu kommen weitere Probleme, die das Konzept der freien Wahl Lügen strafen und die in der Sexindustrie weit verbreitet sind. Frauen in der Prostitution weisen tendenziell einen hohen Grad an posttraumatischer Belastungsstörung auf. So legt eine aktuelle Prostitutionsstudie, die in neun Ländern durchgeführt wurde, nahe, dass 68% der Befragten an PTBS leiden. Zudem wenden sich manche, die nicht in die Prostitution eingestiegen sind, um eine Drogen- oder Alkoholsucht zu finanzieren, diesen Substanzen nachträglich als Bewältigungsmechanismus zu, was ihnen in der Folge den Ausstieg erschwert.

Prostitution stellt einen zerstörerischen Kreislauf aus Gewalt und Missbrauch dar, in dem jene, die die Mittel haben, sich käuflich Sex zu erwerben, zu jeder Zeit Macht über weniger privilegierte Mitglieder der Gesellschaft behalten.

Prostitutionsbefürworter bringen regelmäßig vor, Legalisierung und Entkriminalisierung seien die besten Ansätze, um die negativen Folgen von Prostitution einzugrenzen. Dem entgegen weisen sowohl die verfügbaren Belege als auch unsere Erfahrungen eindeutig darauf hin, dass dies nicht zutrifft. Ansätze wie diese verringern nicht die Gewalt, die sich gegen Frauen in der Prostitution richtet. Sie tragen nicht dazu bei, deren Gesundheit, Wohlbefinden oder soziale Absicherung zu verbessern. Sie verfehlen die Reduzierung des Stigmas, das auf den betroffenen Frauen lastet. Sie ignorieren den Kontext, in welchem Frauen in die Prostitution einsteigen und in ihr verbleiben. Sie leisten keine ernsthaften Bemühungen, jene zu unterstützen, die sich einen Ausstieg wünschen. Stattdessen tragen sie dazu bei, dass ein permissives Umfeld für Ausbeutung und organisierte Kriminalität gefördert wird.

Anstatt in Prostitution involvierte Frauen zu unterstützen, legitimieren die Ansätze der Legalisierung und Entkriminalisierung ein schädigendes und gefährliches System, in dem die Ausbeutung eines Teils der Gesellschaft durch einen anderen nicht nur toleriert, sondern gutgeheißen wird. Das ist nicht nur für die Frauen in der Prostitution kontraproduktiv, es erzeugt, fördert und erhält auch die Ungleichheit der Geschlechter, welche Frauen und Mädchen in der ganzen Gesellschaft erleben. Es geht hier nicht um eine Frage der Moral. Es geht darum, dass man endlich bei diesen elementaren Ungleichheiten ansetzt, damit echte Entscheidungsfreiheit entsteht.

Wir bitten Sie, die Leser, dringlich, dass Sie sich überlegen, in was für einer Welt Sie leben möchten und wie Sie möchten, dass Menschen behandelt werden. Ist das Recht, den Körper eines anderen Menschen zu kaufen und zu benutzen, Teil dieser Vorstellung? Bitte sehen Sie sich an, was wir im Detail vorschlagen. Bitte halten Sie auch nach unseren „survivor stories“ Ausschau, die heute beginnen (persönliche Berichte von Frauen, die aus der Prostitution ausgestiegen sind).

  
Jacqui Hunt auf Twitter: www.twitter.com/equalitynow

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