Sonntag, 29. Juli 2018

Stigmatisierung, Wertschätzung, Tatsachen – und angemessene Sprache

Gesellschaftlich sind diejenigen stigmatisiert, die in der Prostitution sind. Diese Stigmatisierung der "prostituierten" ist für das Funktionieren der Prostitution als System auch wichtig - ohne diese Ausgrenzung gäbe es keine Prostitution. Der Begriff der „Prostituierten“ trägt dieses Stigma mit sich. Wie also damit umgehen? Eine Sprache, die alle Zusammenhänge verdeckt, kann es ja nicht sein, denn das ist nichts anderes als Beschönigen, Reinwaschen von Gewalt und Propaganda. Sonst übliche Begriffe scheiden selbstredend aus – wie also sprachlich auf diese Probleme reagieren? Wie können wir Tacheles reden ohne verletzend zu sein?

Ende Oktober 2014 wandten sich zusammen mit der Coaltion Against Trafficking in Women und Sanctuary for Families über 300 NGOs und Betroffenenverbände an die Associated Press um ihre Bedenken gegenüber sprachlichen Manipulationen zum Begriff der Prostitutution deutlich zu machen. Lobbyverbände der Sexindustrie wollten den Begriff der Prostitution durch „Sexarbeit“ ersetzen und den der (oder des) Prostituierten durch den Begriff „Sexarbeiter“ oder „Sexarbeiterin.“

Überlebende, Ausgestiegene und Abolitionistinnen sehen durchaus die Stigmatisierung durch den Begriff der „Prostiuierten“ - auch wenn es manchmal wichtig sein kann, genau das auch sichtbar zu machen. Wir nutzen allerdings daher normalerweise den Begriff der „Frau (des Mannes, Trans*) in der Prostitution um eine Situation auszudrücken und keine Zuschreibung an eine Persönlichkeit. Außerdem gibt es noch den Ausdruck der „prostituierten Frau“, um ebenfalls die Situation, die über die gesellschaft oder über andere Akteure und Akteurinnen für sie geschaffen wird, auszudrücken.

AP beschloss keine automatische Ersetzung der Begriffe zu empfehlen.

 October 31, 2014
David Minthorn
Stylebook Editor
The Associated Press (AP) 450 West 33rd St.
New York, NY 10001


Sehr geehrter Herr Minthorn,

die UnterzeichnerInnen dieses Briefs sind Vorsitzende großer Menschenrechtsorganisationen, Überlebende des Sexgewerbes, AktivisitInnen und Verbündete, die daran arbeiten, Menschenhandel zu beenden und die Opfer zu unterstützen. Dieser Brief antwortet sowohl auf die öffentliche Einladung der Associated Press (AP), Kommentare für die Stylebook 2015 Ausgabe zu hinterlassen und auf die online Kampagne, mit der AP dazu aufgerufen wird, den Begriff „Prostituierte“ durch „Sexarbeiter“ – „prostitute“ durch „sex worker“ zu ersetzen.

Wir wenden uns entschieden gegen die Begriffe „Sexarbeit“ und „Sexarbeiter“, „Sexarbeiterin“ und bitten AP dringend, andere Begriffe, so wie unten vorgeschlagen, zu verwenden. Die Begriffe „ex work“ und „sex worker“ wurden von der Sexindustrie und ihren Unterstützern erfunden, um Prostitution als legale und akzeptable Art der Arbeit zu legitimieren und um ihre Schäden für die im kommerziellen Sexhandel ausgebeuteten Menschen zu vertuschen.
Studien von Fachleuten und Aussagen von Überlebenden beweisen, dass die kommerzielle Sexindustrie auf Entmenschlichung, Entwürdigung und geschlechtsspezifische Gewalt ausgerichtet ist, und lebenslange körperliche und seelische Schäden verursacht. Etwa zwei Millionen Kinder werden in der globalen Sexindustrie ausgebeutet und bis zu 325 000 amerikanische Jugendliche sind dem Risiko sexueller Ausbeutung ausgesetzt. Zwischen 65 und 96 Prozent der Menschen in der Prostitution waren als Kinder sexueller Gewalt ausgesetzt; 60 bis 75 Prozent wurden von Zuhältern und Sexkäufern vergewaltigt; und zwischen 70 und 95 Prozent wurden während der Prostitution körperlich angegriffen. Die überwältigende Mehrheit von ihnen leidet unter posttraumatischer Belastungsstörung. Das durchschnittliche Todesalter einer Person in der Prostitution ist 34 Jahre.

Die Kluft zwischen der Bedeutung des Wortes „Arbeit“ und der gelebten Realität der prostituierten oder gehandelten Person ist zu tief, um ignoriert zu werden. Der Begriff „SexarbeiterIn“ suggeriert fälschlicherweise, dass die Person in der Prostitution die hauptsächlich aktiv agierende Person in dem milliardenschweren Sexgeschäft ist. Dies macht die wahren Profiteure unsichtbar und entlässt sie aus jeder Verantwortung – die Menschenhändler, Zuhälter, Anwerber, Besitzer der Bordelle und Stripclubs und die Sexkäufer. Diese Ausbeuter konzentrieren sich auf Menschen, die durch Armut, Obdachlosigkeit, rassistische und sexistische Diskriminierung, und einer Vorgeschichte sexueller Misshandlung besonders gefährdet sind.

Wir lehnen auch den Begriff „Prostituierte“ ab, da er stigmatisierend ist und die Person in der Prostitution mit der kriminellen Aktivität, die an ihr verübt wird, vermischt. Statt „Sexarbeit“ schlagen wir „Sexindustrie“, „Sexhandel“ oder „Prostitution“ vor. Anstelle von „SexarbeiterIn“ oder „Prostituierte“ empfehlen wir „Mensch in der Prostitution“ oder „prostiuierte Frau (andere)“ oder „kommerziell sexuell ausgebeutete Person“. Die Begriffe „Teen Prostitute“, „Teen Prostitution“ und „Child Sex Worker“, also „Teenager-Prostituierte“ oder „Teenagerprostitution“ oder „Kindersexarbeit“, „Kinderprostituierte“ haben in verantwortungsbewusstem Journalismus nichts zu suchen.

Im Anhang finden Sie die Aussagen von Überlebenden, die zeigen, wie schädlich die Begriffe „Sexarbeit“, „SexarbeiterIn“ und „Prostituierte“ sind. Diese mutigen Individuen leiten eine globale Bewegung mit dem Ziel, kommerzielle sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel zu beenden. Wir bitten AP dringend, den Austausch mit diesen Menschen als ExpertInnen zu suchen.

Wir schätzen die AP für ihre Verpflichtung zu einer unvoreingenommenen und unabhängigen Berichterstattung. Sie nehmen im Journalismus eine herausgehobene Stellung ein. Damit tragen Sie auch Verantwortung dafür, dass die Sprache, die sie bei der Berichterstattung verwenden, nicht unbeabsichtigterweise zu einer falschen Darstellung beiträgt und Zustände der Unterdrückung verleugnet.

Wir danken Ihnen dafür, dass sie unsere Bedenken ernst nehmen und laden Sie ein, diesen Dialog über Prostitution mit uns fortzusetzen. Bitte kontaktieren Sie jederzeit Lauren Hersh bei Sanctuary for Families (lhersh@sffny.org) oder Taina Bien-Aimé bei der Coalition Against Trafficking in Women (tbien-aime@catwinternational.org) zu offenen Fragen. Sie können sich auch an die Unterzeichnenden wenden, deren Name mit einem Sternchen * versehen ist.

Mit freundlichen Grüßen,


Über 300 NGOs, Bürgerinitiativen, Frauen-und Menschenrechtsorganisationen und Einzelpersonen.



Link zum Original mit Auflistung der Unterzeichnenden:






Ausgewählte Statements Überlebender und von Organisationen Überlebender (im Original):

We reject the colonial terminology of ‘sex work,’ as it hides the racist, sexist, and classist realities of prostitution. ‘Sex work’ masks the violence that our sisters struggle against on a daily basis and repackages that violence as a form of freely chosen labour.”
Members of the Aboriginal Women’s Action Network (AWAN), CANADA


There is no such thing as ‘sex work.’ It is really damaging to a survivor and all survivors worldwide to use this terminology. You are implying that there is something about it that is regular work. If you keep the harms and damage of prostitution right up front, what you come out with is that it’s not a job. ‘Sex work’ has nothing to do with work. It has everything to do with harm.”
Autumn Burris, Founder and Director of Survivors for Solutions, California, USA


Prostitution is based on acute economic inequality: being driven to ‘choose’ prostitution because of poverty is force, coercion…This ‘victimless crime’ leaves a devastating impact on its victims … There is a sexual war against women and children in this world. It has been going on for a long time. This war has managed to disguise itself as ‘the oldest profession’ when, in reality, it is the oldest oppression.”
Vednita Carter, Founder and Director, Breaking Free, Minnesota, USA (in Sisterhood is Forever)


I personally will never stop describing prostitution as prostitution, for the same reason I will never stop describing rape as rape. We have never, thankfully, gotten to the point in history where we started labelling rape victims with the name of the crime done to them, but we did that with prostitution, and we did it a long time ago. We will not reverse this by pretending prostitution is not prostitution; we will reverse it by insisting and demanding that women are not that which is done to them.”
Rachel Moran, author of “Paid For: My Journey Through Prostitution” and Founder of SPACE International, IRELAND


The term ‘sex work’ is offensive. The indignity and the abuse inflicted by the men who paid to violate me could never be considered ‘work.’ Prostitution was not a ‘choice’; prostitution chose me.”
Bridget Perrier, SexTrade101, CANADA


The term ‘sex work’ is completely inaccurate… It is used to put a veil and disguise crimes against women, against women’s lives. Because it is not work, it is not a choice you can make. It is not any kind of career. It is not a behavior. The term is a disguise they use to hide a crime.” 
Beatriz Elena Rodríguez Rengifo, ASOMUPCAR, COLOMBIA


Using the term ‘sex work’ justifies the sale of a person's body.  It hides abuse by turning it into a ‘job’ while rationalizing the offenders' behavior.  The phrase ‘sex work’ becomes yet another way to implicitly support a caste system that traps the prostituted, while defining a way to measure ‘good girls’ against them.  This is systematically as disempowering as we can get.”
Beth Jacobs, Founder of Willow Way, USA


Our 177 sex trafficking/trade survivor members never referred to prostitution as ‘sex work’ while trapped in that ‘life.’ When  reporters use ‘sex work,’ we feel like they're putting a stamp of approval on the terrible things we endured.  The phrase masks the exploitation of the young, poor and vulnerable by the richer, older and more powerful. We know that the vast majority of people end up in prostitution because they have no other choices. The untruth that this abuse is ‘work’ only serves to stigmatize the sexually exploited and empowers their traffickers and abusers.”
Stella Marr, A Founder of Sex Trafficking Survivors United, USA



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