Freitag, 2. November 2018

Rechtfertigungen der Prostitution im 21. Jahrhundert


Bei Diskussionen und Veranstaltungen zu Prostitution stellen wir immer wieder fest, dass die Zeit der Verherrlichung oder der völligen Naivität zum Thema vorbei ist. Die meisten Frauen und viele Männer wissen, dass Prostitution brutal ist und dass dies sich nicht einfach durch eine positive Rhetorik verändern lässt, dass es nicht ausreicht, positiv von „Sexarbeit“ zu sprechen und schon verschwindet die Gewalt von selber, weil sie nicht mehr im „Diskurs“ vorhanden ist und deswegen nicht mehr im Zusammenhang mit Prostitution gedacht werden kann – so der etwas naive „dekonstruktivistische“ Ansatz.


Ein Blick auf den Umgang unserer Gesellschaft mit Gewalt in Beziehungen hätte immer schon ausgereicht, diesen Ansatz zusammenfallen zu lassen. Kaum etwas wird in unserer Gesellschaft so romantisiert wie „Liebe“ und Ehe – und gerade in Partnerschaften und Ehen ist Gewalt, und zwar Gewalt durch Männer, sehr verbreitet, sehr totgeschwiegen und gerade der Zusammenhang zwischen dieser Gewalt und Romantisierung verdient in der allgemeinen Gesellschaft die Aufmerksamkeit, die eine Reihe von Feministinnen ihm schon lange widmet.

Was uns allerdings immer wieder begegnet, auch von empathischen Menschen, sind zwei Bedenken. Eins davon ist der hartnäckige Mythos, demzufolge eine Legalisierung der Prostitution samt Freiern und begleitendem Geschäftsmodell sie irgendwie sicherer machen würde (1). Das andere ist die Frage nach den Frauen, die uns in den Medien begegnen und die betonen, hier ihre berufliche Selbstverwirklichung gefunden zu haben. Sie berufen sich dabei auf die Artikel 2 und 12 des Grundgesetzes (Selbstverwirklichung und Berufsfreiheit) und treten oft recht manipulativ auf, als junge unschuldige Frauen, die ja nur etwas sehr Harmloses für sich wollen - „warum wollt ihr uns das wegnehmen?“

Als eingehende Bemerkung sei hier vorangestellt, dass sich dieser Artikel nicht gegen diese Frauen richtet. Ebenso möchte ich voranstellen, dass diese sehr abstrakten Überlegungen zu Prostitution sich auf eben diese akademische, theoretische und mediale Ebene beziehen. Diese Ebene hat kaum Berührungspunkte mit der Realität der Prostitution, im Gegenteil: Sie soll die Realität verdecken. Leider ist es diese Ebene, auf der eben Öffentlichkeit, „Diskurse“ und damit Gesetze beeinflusst werden, und daher müssen auch wir uns immer mal wieder auf dieser Ebene bewegen.

In den Medien und in der Öffentlichkeit werden Frauen, die freiwillig „Sexarbeit“ gewählt haben, zur Rechtfertigung der Prostitution als Geschäftszweig und gesellschaftliches Phänomen herangezogen. Es gilt als progressiv. Nicht so „moralisch“. Was dabei übersehen wird:

Es handelt sich hierbei um die Rechtfertigung der Prostitution aus dem 18. und aus dem 19. Jahrhundert, um ihre Rechtfertigung bis in die 60er und 70er Jahre und darüber hinaus im 20. Jahrhundert.

Manche Frauen sind halt so.“ - Dies ist der Kernsatz dieser Rechtfertigung, der Rest ist moderne Sauce, Deko.

Diese Rechtfertigung läuft im Einzelnen so: Prostitution existiert, weil es Frauen gibt, die unbedingt – Prostituierte – sein wollen. Es gibt Frauen, die eben so sind, und daher gibt es Prostitution. Das war neben Theorien über die Triebhaftigkeit von Männern, neben der Trennung der Frauen in „Ehefrauen“ und „Huren“, ein wesentlicher Pfeiler der Rechtfertigung des Freiertums. Die Freier mussten sich zu den von ihnen benutzten Frauen keine Gedanken machen, die Gesellschaft auch nicht – die waren eben so. Triebhaft, oder einfach dumm oder dies oder das – sie waren jedenfalls diejenigen, die in der Prostitution sein wollten und daher gab und gibt es das Phänomen, und daher muss oder sollte es das Phänomen geben (2). An diesem Ansatz hat sich nichts geändert außer der Dekoration. Die – Prostituierte – ist jetzt eine – Sexarbeiterin - , ihre Entscheidung ist freiwillig, jedenfalls so freiwillig wie die zu anderen Jobs auch, und daher müssen sich weder Freier noch Gesellschaft Gedanken machen, im Gegenteil, Prostitution zu ermöglichen gilt als ethische Tat. In Wirklichkeit handelt es sich um die einfache Praxis, Männern grundsätzlich Frauen zur sexuellen Benutzung zur Verfügung zu stellen, was sich geändert hat, ist lediglich die moralische Sauce, die darüber gekippt wird.

Dass es Prostitution gibt, weil wir in Gesellschaften leben, in denen der Wunsch eines Mannes Befehl ist und die daher ein Recht von Männern konstruieren, Frauen zu benutzen, wird damit aus dem Blickfeld gekickt, die Tatsache, dass in neoliberalen und kapitalistischen Gesellschaften auch Befehle monetarisiert werden können, ebenso. Dennoch ist das die Ursache der Institution Prostitution, nicht der Wunsch einzelner Frauen, darin ihr Geschäft zu gründen. Welche Rolle die Wünsche von Frauen nach Selbstverwirklichung und nach beruflicher Selbstgestaltung in unserer Gesellschaft sonst spielen, ist ja nun an jeder Statistik zur Armut, zur Altersarmut, zu Einkommen und zu Führungspositionen abzulesen. Nur bei Prostitution – da unterstützen sie uns gerne, wenn es um „das Recht“ geht, in der Prostitution zu sein, da stehen sie alle hinter uns, von Taxifahrern bis zu Uniprofessoren und Richtern. Danke, nein danke.

Soweit die gesellschaftliche und auch die abstrakte Ebene. Bleibt natürlich noch die konkrete Ebene der einzelnen Frau, die eben von sich sagt, dass sie genau dieses System für sich nutzen will und dabei weder gestört noch beleidigt werden will. Letzteres: Unbedingt, und da sind wir uneingeschränkt auf ihrer Seite. Ersteres – bedingt. Sie darf dafür kämpfen, das sagen, sich dafür einsetzen: Das fällt unter Artikel 5 unseres Grundgesetzes (Meinungs- und Pressefreiheit) und ggf. auch unter Artikel 8 (Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit). Nur verpflichtet das niemanden, jede Geschäftsidee zu unterstützen. Wenn wir das schon auf einer antiseptischen abstrakten rechtlichen Ebene diskutieren, so nehme ich hier das Beispiel der Atomkraftwerke, der Atomenergie. Meinetwegen auch Fracking, oder Braunkohleabbau. Es gibt bestimmt ausgezeichnete Atomwissenschaftlerinnen, die gerne in einem AKW arbeiten würden, ein solches leiten würden, die daran keinen Schaden nehmen würden und die das auch gut könnten – deswegen stelle ich denen trotzdem kein Atomkraftwerk hin, unterstütze weiterhin die GegnerInnen der Rodung des Hambacher Forsts, und möchte kein Fracking hier (3). Die einzelne Frau kann für sich selbst solche Entscheidungen treffen – es ist ja nicht illegal, selber in der Prostitution zu sein. Sie kann sich einen Kundenstamm aufbauen und auf der persönlichen Ebene dabei bleiben, dass die Männer, mit denen sie zusammen ist, den sexuellen Zugang und eine bestimmte Inszenierung dann eben bezahlen müssen. Daran ist sie nicht gehindert. Der ganze Geschäftszweig darum herum fällt allerdings aus. Und in der Tat kann ihr hin- und wieder ein Kunde abhanden kommen. Allerdings hat sie bei Gewalt durch den Kunden zwar immer noch geringe Chancen – welche Männer nutzen eine Frau, bei der sich herumspricht, dass sie anzeigt, egal in welchem System? - aber doch wenigstens einige, da der Freier wenigstens per se nach dem schwedischen Ansatz im Unrecht ist, und nicht die Frau.

Bleibt noch die dezidiert nicht mehr a-septische, saubere, hübsche, abstrakte Ebene. Die Ebene, die wir täglich auf der Kurfürstenstraße besichtigen können, so wir das wollen. Diese Ebene lässt sich weder durch positives Gerede zur „Sexarbeit“ verbessern – im Gegenteil – noch wird sie durch die Freierbestrafung per se beseitigt. Sie braucht zusätzliche Interventionen, beziehungsweise das Gesamtpaket des schwedischen Modells, in dem die Kriminalisierung der Freier eine wesentliche Rolle spielt, so wie andere Einstellungen in der Gesellschaft, so wie vor allem Angebote an Frauen, die sie wirklich aus der Armut holen. Aber auch hier wollen wir gesellschaftskritische Menschen und gerade solche, die sich eher als links sehen, zu Analyse und Nachdenken ermutigen: Welchen Beitrag leistet ein Geschäftszweig, der die Marginalisierung, Stigmatisierung und die Armut vieler Frauen braucht, damit sie zur Verfügung stehen, zur Beseitigung dieser Armut und Marginalisierung? Welchen Beitrag leistet Prostitution als Geschäftszweig zur Beseitigung ihrer eigenen Ressourcen? Dieser Geschäftszweig und die ihn finanzierenden Männer haben jedes Interesse daran, Armut, Marginalisierung und Stigmatisierung als Ressource aufrecht zu halten. Solange unsere Gesellschaft Prostitution für akzeptabel oder wünschenswert hält, wird sie an der Situation von Frauen und Mädchen, auch von ausgegrenzten jungen Männern, nichts ändern.


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  1. Zu diesem Thema gibt es inzwischen kilometerlang Artikel und Studien. Die Kurzfassung ist folgende: Das einzige, was eine Legalisierung oder Entkriminalisierung von Zuhälterei, Freiertum, Bordellbetrieb und Vermittlungsdiensten bringt, ist ein explodierter Markt, eine erhöhte Bewerbung und eine ausufernde Anspruchshaltung seitens der Käufer. Damit explodieren auch die Begleiterscheinungen der Prostitution: Gewalt, Übergriffe, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Krankheiten und immer schlechtere Bedingungen für die Ausübung der Prostitution seitens derer, die ihren Körper hinhalten (müssen). Das Ganze jetzt noch systematischer besteuert. Schöner Erfolg, nicht wahr? Nicht.
  2. Weitere Lektüre zu diesem Thema: Kajsa Ekis Ekman, Ware Frau: Prostitution, Leihmutterschaft, Menschenhandel. Deutsch: Orlanda Frauenverlag GmbH, 2016.
  3. Zum Thema Berufsfreiheit vgl. auch das Urteil zur Verfassungsbeschwerde seitens Eon, RWE und Vattenfall. Betreiber hatten versucht, den Ausstieg aus der Atomenergie u.a. mit Hinweis auf die Berufsfreiheit gerichtlich zu stoppen. Es hat nicht geklappt. Einzelheiten: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/energiepolitik/verfassungsgericht-verhandelt-milliardenklage-gegen-atomausstieg-14121995.html
    und:
    https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2016/12/rs20161206_1bvr282111.html



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