Sonntag, 10. August 2014

Warum sich mir beim Artikel von Jim dem "John"* die Zehennägel hochrollen

CC BY-SA 3.0
Ralf Roletschek

[Wiki Commons]

Von Rachel Moran

Ich glaube kaum, dass ich jemandem etwas Neues beibringen würde, wenn ich diesen Artikel mit der Feststellung beginnen würde, dass Sucht zerstörerisch wirkt. Wir alle wissen das. Es ist allgemein anerkannt, dass die Sucht nach einer bestimmten Substanz oder einem bestimmten Verhalten zerstörerische Wirkungen auf den/die Süchtige_n, und diejenigen, mit denen er/sie in Kontakt kommt, hat.

Wegen des entmenschlichten Status von Frauen im Allgemeinen und prostituierten Frauen im Besonderen, wird dieses Wissen jedoch verdrängt, wenn es um sexsüchtige Männer und den Schaden geht, den sie prostituierten Frauen antun, die sie zur Befriedigung ihrer sexuellen Impulse benutzen, wie im Fall des Artikels von Jim Norton, einem bekennenden Sexsüchtigen und Käufer von Frauenkörpern.

Die meisten Männer, die Frauen prostituieren sind nicht sexsüchtig, aber sie teilen sicherlich die menschenverachtenden Ansichten Nortons. Als jemand, deren Körper über einen Zeitraum von sieben Jahren, von der Adoleszenz bis zum frühen Erwachsenenalter, von Männern wie Norton benutzt wurde, kann ich sagen, dass  ein erstaunlicher Anteil von Täuschung und Verleugnung die Gedanken und Einstellungen des durchschnittlichen "John"*, also Freiers, bestimmt; und dies passt zu der lässigen Frauenfeindlichkeit, die ihnen das Benutzen der Körper von Frauen und Mädchen möglich macht, die in erster Linie als Waren betrachtet werden. Dies wird an mehreren Stellen in Nortons Text deutlich, zum Beispiel in seiner Annahme, dass dort wo Prostitution legal ist, die Vergewaltigungsquote gegenüber der nichtprostituierten weiblichen Bevölkerung sinkt. Mal abgesehen davon, dass dies nicht belegt ist, selbst wenn es wahr wäre, würde dies ja bedeuten, dass prostituierte Frauen und Mädchen als menschliche Schutzschilde gegen Männer, die sexuell gewalttätig sind, eingesetzt werden.  Jeder, der nahe legt, es sollte eine Klasse von Frauen geben, die männliche sexuelle Aggression absorbieren, vertritt per definitionem eine frauenfeindliche Ansicht. Wo ist  die Forderung an Männer, damit aufzuhören Frauen zu vergewaltigen? Und WARUM geben wir uns damit zufrieden in einer Welt zu leben, wo stattdessen eine Klasse von Frauen dazu auserkoren wird, vergewaltigt zu werden?


Bezüglich der verachtenden Ausrede der "freien Wahl", ist die Wirklichkeit, die die meisten "Johns" geflissentlich leugnen und ignorieren (obwohl sie jeder kennt), dass Frauen und Mädchen sich nicht dafür entscheiden, die Penisse von Männern acht, zehn, zwölf Mal am Tag in unsere Körperöffnungen geschoben zu bekommen, weil wir dies "wollen" oder weil wir "dies so gewählt" haben; wir stimmen dieser kommerziellen sexuellen Gewalt aus zwei Gründen zu:  in erster Linie weil Männer wie Jim Norton existieren und eine Nachfrage nach der Komodifizierung unserer Körper schaffen, und außerdem aufgrund unserer Lebensumstände, die uns keine realisierbare andere Wahl gelassen haben. 

Beim Lesen von Nortons Artikel rollten sich mir die Zehennägel hoch, weil es mich sofort an die Tage erinnerte, in denen mein eigener Körper am Fließband von unerbittlichen, erwachsenen Männern in sozial privilegierten Positionen als Spermabehälter benutzt wurde. Die ungezügelte Verachtung von Frauen, die aus seinem Artikel trieft, ließ mich zurück mit dieser Gänsehaut auslösenden, Übelkeit hervorrufenden und seelenzerstörenden Erinnerung an die rituelle Benutzung durch Männer, die mich nicht als menschliches Wesen betrachtet haben, und deshalb, als eine Konsequenz daraus, ihre Handlungen nicht als Menschenrechtsverletzung angesehen haben; sondern stattdessen als ein gutartiges Streicheln, wie ein Sklavenhalter, der sich dazu entschließt seine Sklavin zu massieren, statt sie mit der Peitsche zu schlagen, und sich selbst sagt, dass daran nichts falsch ist, da er ihre Haut nicht verletzt, sondern nur ihre Seele zerbricht; Die Abwesenheit der Peitsche erlaubt es ihm in seiner krankhaft selbstsüchtigen und wahnhaften Wahrnehmung, seine eigene Rolle in dieser bösartigen Meister/Sklaven-Dynamik auszublenden.

Seine Haltung bestärkt etwas in mir, dass ich erstmals mit 15 Jahren als obdachloses prostituiertes Mädchen gelernt habe, und das ist: Es gibt Männer auf dieser Erde, die sich einen Dreck um jemanden oder etwas scheren, wenn die Anerkennung deren Wertes bedeuten würde, dass dies ihren gottallmächtigen Orgasmen im Weg stehen würde. Das ist die einfache und unmenschliche Wahrheit, und genau deshalb brauchen wir Gesetze, um ihnen den ebenbürtigen Wert weiblicher Menschlichkeit aufzuzwingen, den sie niemals von alleine anerkennen werden.

Rachel Moran

*John = englischer Ausdruck für Sexkäufer


Dieser Text erschien auf Rachel Morans Blog "The Prostitution Experience" - Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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