Mittwoch, 13. August 2014

Wissenschaftliche Freiheit, Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst. Zur Prostitutionsdebatte.

Enlightenment Room, British Museum
mendhak- Enlightenment Room, British Museum,
(CC BY-SA 2.0)
Drei wichtige Freiheiten, Errungenschaften der Aufklärung. Nur sollten sie nicht verwechselt werden. Wissenschaftliche Freiheit zum Beispiel bedeutet Freiheit der Forschung, nicht Freiheit der Kreativität im Umgang mit Ergebnissen.

Unter „Debatte Prostitution“ erschien heute bei taz-online eine Replik auf einen prostitutionskritischen Artikel der Bloggerin und Journalistin Mira Sigel, die sich mit dem Thema bei der LINKEN auseinandersetzte. Diese Replik enthielt wieder bekannte Mythen und populäre Unwahrheiten.

Danke an die Mitstreiterin, die uns folgende Klarstellungen übermittelt hat.


Dolinseks Artikel beruht auf diversen falschen Annahmen

  1. Sexkaufverbot (Nordisches Modell) würde prostituierte Frauen kriminalisieren - das Gegenteil ist der Fall. Die Frauen werden in jedem Fall ENTkriminalisiert und sind gegenüber dem Freier in der besseren, im Vergleich zu vorher ausgeglicheneren Position, weil er ohnehin im Unrecht ist.
  2. Menschenhandel sei gesunken behauptet Dolinsek - eine leere Behauptung ohne Nachweis. Sie bezieht sich auf Polizeistatistiken, die von der Polizei selbst als nicht aussagekräftig beurteilt werden. Ein realistisches Bild für die Verhältnisse gibt es hier: http://www.kriminalpolizei.de/themen/kriminalitaet/detailansicht-kriminalitaet/artikel/ausser-kontrolle.html. Warum liberalisierte Prostitutionsgesetze und Menschenhandel zusammenhängen, wird hier erklärt: http://ifgbsg.org/unser-standpunkt-zur-prostitution-pro-nordisches-modell/.
  3. Dolinsek empört sich über die hohen Strafen bei Verstoß gegen die Sperrgebietsverordnung - aber die geringen Preise, mit denen die Lage der, wie sie sie bezeichnet, Armutsprostituierten ausgenutzt wird, sind ihr kein Ton der Kritik wert.
  4. Fatal und das Schlimmste ist die Blindheit von Dolinsek demgegenüber, dass Frauen bei dieser Armutsprostitution zu Sex gezwungen werden, den sie nicht wollen. Das ist Vergewaltigung. Diese stattdessen als Arbeit zu beschönigen ist ein Hohn gegenüber der Tortur, die serielle Vergewaltigung für die Betroffenen bedeutet. Für die meisten nur mithilfe von Dissoziation - Abspalten vom eigenen Körperempfinden - auszuhalten, Langzeitfolge ist Traumatisierung.
  5. Dass der Menschenhandel in Schweden gestiegen ist, ist eine falsche Behauptung, für die nicht nur ein Nachweis fehlt, sondern für deren Gegenteil es Belege gibt. So konnte die schwedische Polizei Telefonate von Menschenhändlern abhören, die Schweden als Markt abhakten. Diesen Weg muß ganz Europa gehen, um der Verlagerung der Menschenhandels-Märkte entgegenzuwirken.
  6. Die Evaluation in Norwegen, wie das Sexkaufverbot wirkt, hat positive Resultate gebracht: http://abolition2014.blogspot.de/2014/08/evaluation-des-norwegischen.html
  7. Viele Überlebende des Systems Prostitution setzen sich für ein Sexkaufverbot ein, in Kombination mit guten Ausstiegsprogrammen und beruflicher Förderung. ZB SPACE (Survivors of Prostitution Abuse Calling for Enlightenment): http://spaceinternational.ie/. In Schweden verteidigen aktive und ausgestiegene prostituierte Frauen das Sexkaufverbot: http://www.nätverketpris.se/start-english.html
  8. Gewalt wird in der Prostitution überdurchschnittlich ausgeübt, weil frauenfeindliche Männer dort besonders intimen Zugriff auf Frauen erlangen. Der Gedanke, qua Bezahlung über eine Frau verfügen zu dürfen, wird vor allem von solchen Männern in Anspruch genommen, die dieses Machtgefühl genießen und ausnutzen. Ein Blick in Freierforen, in denen Freier von ihren Erfahrungen berichten und prostituierte Frauen bewerten, ist da sehr aufschlußreich. Gesammelt werden solche Aussagen z.B. hier: http://freiersblick.wordpress.com/ . Das englische Projekt: http://the-invisible-men.tumblr.com/ und entsprechend in Kanada: http://invisible-men-canada.tumblr.com/ Erwiesenermaßen interessiert es die Mehrzahl der Freier *nicht*, wenn die Frau ihnen sagt, dass sie dazu gezwungen wird.

Das schwedische (oder nordische) Modell umfasst:

 

  • Ausstiegshilfen und Begleitung für Frauen (andere), die aussteigen wollen
  • Beratung, Gesundheitsversorgung und Hilfen unabhängig von einem Ausstiegswunsch
  • Kampagnen zur Aufklärung in der Öffentlichkeit und an Schulen über gleichberechtigte Sexualität und den Sinn des Gesetzes
  • Schulung der Polizei zur Umsetzung
  • Strafen für die Freier 
Verboten sind auch Bordellbetrieb und Zuhälterei.




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