Donnerstag, 30. Oktober 2014

Tanja Rahms Rede bei der Feminism in London Conference 2014

Shero Tanja Rahm
Tanja Rahm ist Prostitutions-Überlebende, Therapeutin, Aktivistin und Autorin. Bei der Feminism in London Conference 2014 (FiL) hielt sie diese Rede

Ich war sehr privilegiert, ein 20-jähriges Mädchen, das sich für die Prostitution entscheidet, wisst ihr, niemand hat mich gezwungen, ich hatte keinen Zuhälter, ich nahm keine Drogen und es war meine Entscheidung, meine ganz alleine.

Ich habe heute nicht vor, über freie Wahl zu sprechen, aber hätte ich es gemacht, dann hätte ich euch meine Geschichte erzählt, die Geschichte meiner Kindheit und euch hinterher gefragt, ob ihr immer noch an freie Wahl glaubt. Aber, darüber möchte ich hier heute nicht sprechen.

Worüber ich sprechen möchte, ist die Gewalt in der Prostitution. Ich glaubte, dass ich sowas wie eine Edel-Hure war, ich war nicht auf den Straßen, nahm keine Drogen, stattdessen arbeitete ich in Edel-Bordellen und als Escort. Aufgrund dieser Umstände habe ich mich nicht als Opfer gesehen. Solange nicht, bis ich Depressionen, Ängste bekam, mich nicht mehr raus traute und dann anfing, Drogen zu nehmen, alles, das mir half, auszuhalten, eine Prostituierte zu sein. Ich war nie depressiv gewesen oder hatte irgendwelche Arten von Ängsten, bevor ich in die Prostitution kam. Stattdessen entstanden die Depressionen, Ängste und die Kokain-Abhängigkeit aufgrund der Erfahrungen in der Prostitution.


Heute glaube ich nicht, dass es auch nur irgendeinen Unterschied zwischen der Straßenprostitution und dem Arbeiten in Edel-Bordellen gibt. Was du tust und erlebst, ist exakt das Gleiche, ob du nun auf der Straße aufgegabelt wirst oder in einem Bordell sitzt mit Spa-Bereich, Seidenbetttüchern und Champagner mit den (Sex-)Käufern trinkst. Drogen- und Alkoholsucht findest du sowohl in Bordellen als auch in der Straßenprostitution.

Eigentlich könnte man meinen, dass die Bedrückung auf der Straße einfacher zu verstehen ist, als die, wenn du Luxus-Unterwäsche trägst, teures Gold und eine Menge Gucci. Weil, war das nicht einer der Gründe, warum eine in erster Linie in die Prostitution ging, um all diese Dinge zu bekommen? Du hast jetzt all das, also warum bist du depri(miert)?

Lass mich euch sagen, warum. Die Männer, die Sex kaufen, sind alle gleich, egal, ob sie in ein Edel-Bordell gehen oder sich die Frauen auf der Straße aussuchen. Es sind Männer, die ihre Bedürfnisse wichtiger finden als die Sicherheit von Frauen. Es sind Männer, sie mögen großartige Ehemänner sein und Väter für ihre Kinder, die jeglichen Respekt und jegliche Empathie missen lassen, wenn sie sich den Zugang zu Frauenkörpern erkaufen. Es sind Männer, die total anonym bleiben können, weswegen sie keinerlei Verantwortung, welcher Art auch immer, für ihre Taten empfinden. Faktisch glauben sie, dass es ihnen das Recht gibt, so wenig Respekt wie möglich zu zeigen. Sie fühlen sich berechtigt, Frauen herabzusetzen und zu demütigen, die sie bezahlt haben, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Sie verletzen in vielerlei Weise sowohl physisch, psychologisch, sexuell, finanziell als auch materialistisch.

Das kann sich durch Beschimpfungen, Beleidigungen, Demütigungen, Einschüchterungen, bedrohliches Verhalten, eine bedrohliche Körpersprache ausdrücken und durch einen widerlichen Wechsel zwischen süß und fürsorglich sein und grob und bedrohlich. Oder sie drohen dir damit, deine Identität preis zu geben.

Es passiert durch Schubsen und Zerren, Anspucken, in dem Dinge nach dir geschmissen werden, dadurch, dich zu schlagen oder zu treten oder indem sie dich an den Haaren ziehen oder dich in Würgegriff nehmen.

Es passiert, in dem sie dich ins Ohr, die Lippen, die Wangen oder in die Brustwarzen beißen. In dem sie dich küssen, dein Gesicht ablecken, versuchen, das Kondom abzuziehen, in dem sie mit Fingern in dich eindringen, in dem sie mehr tun, als im Vorfeld vereinbart wurde, in dem sie so heftig in dich eindringen, dass es so körperlich schmerzt, dass du nicht mehr laufen kannst, dich nach der Toilette nicht mehr abwischen kannst oder nicht mal mehr Hosen anziehen kannst.

Es passiert, in dem sie deine Unterwäsche in Stücke zerschneiden, dir die Strumpfhose vom Körper reißen oder mit Vorsatz deine Halskette kaputt machen.

Viellleicht will er aber auch nicht den Preis zahlen und er manipuliert dich systematisch dahingehend, dass du Dinge tust, die du nicht möchtest oder er manipuliert dich so, dass du ihm einen Preis-Nachlass gewährst. Du weißt, für ihn ist das kein menschliches Wesen. Es ist ein Objekt. Und du weißt ja, kriegst du einen Preis-Nachlass, dann wirst du es natürlich ausprobieren und bekommen wollen.

Wenn du in der Prostitution bist, dann internalisierst du die Gewalt. Du hörst die selben widerwärtigen Dinge immer und immer wieder, wenn du eine Schlampe genannt wirst, eine Hure oder als doof oder abartig bezeichnet wirst. Aber immer noch verteidigst du deine „freie Wahl“ und sagst, dass Prostitution nur eine ganz normale Arbeit wie jede andere ist, weil Wahrhaben der Wirklichkeit so auslaugend ist. Aber du dissoziierst die Männer und ihre Taten, weil niemand mit einer Psyche ausgestattet ist, die den Gewalttaten der Prostitution Stand hält.

Wenn du die Komplexität der Gewalt erkennst, dann verstehst du, dass Prostitution niemals als Beruf anerkannt sein kann, aber das Einzige, was zu tun ist, ist, diejenigen zu kriminalisieren, die Menschen in die Prostitution organisieren, erhalten und in ihr ausbeuten.

Prostitution und die durch die Prostitution verursachten Schäden sind überall in der Welt gleich. Die Männer, die Sex kaufen, auch. Als Menschen von Norwegen, Schweden, Finnland, Deutschland, England, Schottland, den USA oder aus China, Japan oder jedem anderen Land nach Dänemark reisten und Sex kauften, machte ich mit allen die gleichen Erfahrungen wie mit den dänischen Männern, die Sex kauften. Es gibt da keinen Unterschied zwischen dem einen oder anderen Land. Sex kaufen bedeutet, dass du dir den Zugang erkaufst, um in eine andere Person zu masturbieren, die nur da ist, weil sie das Geld braucht. Und diese Tat ist in sich gewaltvoll.

Was ich aus der Prostitution gelernt habe, ist, dass ich Männern nicht vertrauen kann. Sie hatten versteckte Persönlichkeiten, und die Schlimmsten wurden mir als Prostituierter gezeigt, all ihre Gewaltfantasien, ihre pädophilen Fantasien, ihre Wut, ihre Respektlosigkeit, ihr herablassender Blick auf mich, die Prostituierte ist. Die Art und Weise, wie sie nicht einmal versucht haben zu verbergen, was sie von mir dachten, die meisten gaben es mir, in der Tat, direkt zu verstehen.

Sie starteten immer wieder Versuche, meine Grenzen zu überschreiten, nur, weil sie es konnten. Nur, um mir zu zeigen, wie wenig Respekt sie hatten.

Menschen fragen mich immer, wie eine Kriminalisierung der Käufer mir möglicherweise geholfen hätte, als ich noch in der Prostitution war.

Lass es mich euch sagen, wenn es ein Verbrechen gewesen wäre, Frauen zur sexuellen Befriedigung zu kaufen, dann hätte ich gewusst, dass das, was diese Männer taten, falsch ist. Für lange Zeit habe ich mich selbst verantwortlich gemacht, ich habe gedacht, dass es mein eigenes Verschulden war. Ich habe mich dazu entschlossen, Prostituierte zu sein. Ich habe ihnen die Möglichkeit gegeben, mich zu kaufen. Ich habe ihr Geld genommen. Wie könnte ich sie verantwortlich machen? Wie könnte ich jemand anderen als mich dafür verantwortlich machen?

Ich bin mir sicher, dass ich die Prostitution früher verlassen hätte, wenn ich das Recht auf meiner Seite gehabt hätte. Weil ich dann gewusst hätte, dass das, was diese Männer tun, falsch ist. Ich habe die Schuld für die zahlreichen Angriffe auf mich genommen. Ich habe es so empfunden, dass ich mich selbst in diese Situation gebracht habe und dass ich sie deshalb nicht zur Verantwortung ziehen kann. Es gab dort keine Untertsützung oder Hilfe hinsichtlich Ausstieg, deswegen bin ich mir abolut sicher, dass ein Sexkauf-Verbot mir geholfen hätte und dass es ein klares Signal gewesen wäre, dass die Taten der Käufer falsch sind. Es nützt nichts, Prostitution liberal zu betrachten, wenn wir zeitgleich Frauen helfen möchten, aus der Prostituon auszusteigen.

Wie sollen Prostituierte jemals dazu in der Lage sein, ihre Augen vor den gewaltvollen Strukturen der Prostitution zu öffnen, wenn die Einordnung der Prostitution als gewaltvoll und schädigend nicht sozial und politisch unterstützt wird?

Vielen Dank.



Tanja Rahm im Web: http://tanjarahm.dk/



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