Sonntag, 26. Juli 2015

"Die Meldepflicht hatten wir zuletzt 1939 unter den Nazis"

Geschichtsstunde

Als erstes sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass im schwedischen Modell eine Anmeldung der Frauen (oder Männer, Trans*) in der Prostitution nicht erfolgt. Da diese straffrei sind, gibt es für eine Registrierung keinen Grund, anders als große Teile der Medien, allen voran die Junge Welt oder auch die taz, wirft Schweden seine gesellschaftspolitische und juristische Aufmerksamkeit auf die Freier.

Als zweites sei auf die propagandistische Geschichtsklitterung hingewiesen, die geschieht, wenn verschwiegen wird, dass es das Nazi-Regime war, das mit dem Vorgehen gegen prostituierte Frauen (und nicht nur da) wichtige Erfolge der Frauenbewegung und des Abolitionismus wieder kassierte, und das gleichzeitig den Bordellbetrieb (1921 verboten, Verbot 1927 bestätigt) erst wieder zuließ.

Befassen wir uns also einmal mit Geschichte, Vergleichen und der deutschen Gegenwart.  

In der Tat, die deutsche Nazizeit ausgerechnet den AbolitionistInnen vorzuwerfen, zeugt von tiefer Unkenntnis der Zusammenhänge und von einem Zynismus, der für die gesamte Lobbyarbeit der Sexindustrie typisch ist. Die Prostituierung von Frauen bekam im 3. Reich neuen Anschub. Neben den 1933 wieder zugelassenen Bordellen in Deutschland und den „Lagerbordellen“ in den KZ gab es auch SS-Bordelle und Wehrmachtsbordelle, mann hatte also Verständnis für die Bedürfnisse der gestressten Männer. (1) Und in der heutigen,  einer „freien“, also neo-liberalen Welt ist alles ganz anders, muss ja nur noch der Preis festgelegt werden, dann ist es doch frei, nicht wahr?





Hier ein Bild eines solchen Bordells im besetzten Frankreich.

Bundesarchiv, Bild 101II-MW-1019-07 /
Dietrich / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de],
via Wikimedia Commons

Die Sterne sehen Sie richtig – es sind Davidsterne, das Gebäude war mal eine Synagoge. Der deutsche Eintrag mag dann das Bild doch nicht dazu nehmen. Prostitution und Rassismus - das mal überdenken?

Aber - der Nazi-Vorwurf klingt natürlich gut. Wen stört’s, dass er falsch adressiert ist!

Der mal offen, mal implizit ausgesprochene Vergleich hat wie alles Gerede der Prostitutionslobby seine Ankerstellen. Er kommt gerne von Doña Carmen,  findet sich aber auch auf Lobbyseiten, bei denen z.B. Klaus Fricke, meines Wissens Kleinbordellbetreiber, als "Fachmoderator" auftaucht  – wobei es auch sein kann, dass seine Frau die Geschäftsführerin ist  – aus Bremen. Aber natürlich kann ich mich ob des Gewerbes des Herrn Fricke hier irren, die Presseorgane, die den Vorwurf an uns richten,  könnten das ja mal überprüfen, es nennt sich investigativer Journalismus. Die Junge Welt könnte sich da mal dran machen, die taz ….  Der Vorwurf wurde dann auch als Nazi-Vergleich beim „Sexarbeits-Kongress“ in Berlin Eva Högl entgegen gehalten, obwohl sie sich sehr für die Belange der Sex-Industrie stark gemacht hatte. Frau Högl war – im Gegensatz zu uns – dann doch getroffen und erstaunt darüber, wie in dieser Branche mit Frauen umgegangen wird, die nicht absolut auf Spur sind. Ansonsten bildet dieser Vorwurf den Kernpunkt von Norbert Holtz‘ Auseinandersetzung mit dem deutschen und internationalen Abolitionismus, gerne mit und über die Friedrich-Ebert-Stiftung verbreitet und auf den Seiten des BesD beworben. Das ist einfacher, als die 100 Jahre Geschichte dieser Bewegung zu betrachten. (2)

Aber gut.

Reden wir doch über Faschismus, das 3. Reich und die Ausläufer dieser Politik und der ihr zugrunde liegenden Mentalität im Zusammenhang mit der Prostitution.

Reden wir darüber, wie in der Sex-Industrie in Deutschland Frauen aus Osteuropa als Ware und als Material, als Rohstoff für billige Weiternutzung verwendet werden, als eine der Ressourcen Osteuropas, das ja ohnehin offenbar nur zur deutschen Ausbeutung existiert.

Reden wir doch über die Prostitution in Griechenland im Zusammenhang mit der deutschen Politik Griechenland gegenüber und dann über Prostitution im Zusammenhang mit den Gewinnen unseres Staates aus beidem.

Reden wir doch darüber, wie es deutschen SS-Offizieren egal war, „wie viele russische Weiber verrecken“, Hauptsache eine Straße wird fertig.

Auf die den europäischen Roma und Sinti zugedachten Rollen brauche ich wohl nicht hinzuweisen – die gegen sie gerichtete Vernichtungspolitik samt der Entscheidung, ein paar von ihnen leben zu lassen, um sie in einer Art Zirkus zum Genuss der Leute auszustellen.

Reden wir darüber, wie Frauen aus Osteuropa, Afrika, der Ukraine  quer durch Deutschland verfrachtet werden, und wie sie zurückgeworfen werden, wenn sie nicht mehr nützlich sind.

Reden wir über die Zustände hier.  Reden wir doch über eine Mentalität, die glaubt, Dinge müssten nur gut geregelt, gut verwaltet sein, und dann kann eine fette Menschenrechtsverletzung in der Mitte fein ignoriert werden.

Reden wir von einer Mentalität, die meint, es genügt die Feuerlöscher im Bordell zu zählen, um zu wissen, dass alles gut ist. Einer Mentalität, für die es genügt, wenn die Züge pünktlich fahren.

Oh – vermutlich möchten Sie mir jetzt sagen, dies seien unangemessene Vergleiche. Erstens: Nein. Die Vernichtungspolitik einem ganzen Volk gegenüber, die Shoa, den Holocaust, das kann ich mit nichts vergleichen. Die Mentalität, mit der zugesehen, dies hingenommen wurde, die dem zugrunde lag, schon. Zweitens – wie war der von Ihnen gedruckte und verbreitete Vorwurf an uns noch einmal?

Die Junge Welt hat sich wie viele oberflächlich „linke“ Blätter in der Prostitutionsfrage einem wirtschaftsfaschistischen System mit Coca-Cola-Deko verschrieben.  Reden wir doch einmal über Faschismus und Nazis im Zusammenhang mit dieser Industrie. Und gerne auch über Doppelmoral.


Zu den Regelungen des neuen Gesetzes, die Anlass der jüngsten Diffamierungskampagnen sind:

Die Kondompflicht. Ja, das Thema mit der Überprüfung. Sicher. Trotzdem ist es ein Fortschritt, wenn endlich statt untertänigem Bitten oder launig-lauschigen-sozialpädagogisierten Freierkampagnen, die nichts befördern als die Akzeptanz der Freier und ihres Tuns, endlich Verantwortung da landet, wo sie hingehört und inakzeptables Verhalten glasklar angesprochen wird. Wenn zum ersten Mal der Freier, derjenige, der sich den sexuellen Zugang zu anderen kauft, in den Blick kommt. Überprüfung? Die Frau könnte bei Nichtbenutzung, Abstreifen des Kondoms klagen, die Beweismittel hätte sie. Auch wenn das bei dem Machtgefälle so gut wie ausgeschlossen ist - Freier damit konfrontieren wäre möglich. Und wäre so ein Verhalten nicht eine Vergewaltigung? Viel schlimmer als eine Ordnungswidrigkeit? Ja, wäre es. Aber viel Spaß mit der deutschen Rechtslage, dem Rechtsverständnis des BGH, den Staatsanwaltschaften... diese Anzeige würde wenigstens weiterverfolgt. Das Gerede von dem, was die Frau doch wollte und was der Mann doch wusste, fällt unter den Tisch. Und die Öffentlichkeit eines solchen Verfahrens würde doch einen Gewalttäter bloß stellen. 

Die Registrierung. Sie bringt viele Schwierigkeiten mit sich, jeder regulative Versuch, die Probleme der Prostitution in den Griff zu bekommen, tut das, vor allem, weil der Zugriff fast immer nur über die Frauen, andere in der Prostitution erfolgt, so gut wie nie über den offenbar sakrosankten Freier aus der Mitte der Gesellschaft.

Dennoch hat sie zwei Vorteile. Da die Frauen registriert sind, können sie hoffentlich nicht so einfach verschwinden wie bisher. Dies kann zu ihrer Sicherheit beitragen. Vor allem aber können Frauen aus dem Ausland mit diesen Registrierungen nachweisen, wie lange sie schon in Deutschland sind. Bei Krankheiten, bei Ausstiegswünschen kann ihnen das helfen, an irgendwelche Leistungen hier zu kommen. Ich hoffe es und wünsche es ihnen. Einmal, weil es die Rechte der Frauen sind. Und zum anderen, weil vielleicht ein paar Leute doch noch aufwachen, wenn ihnen die Kosten der Prostitution auffallen, wenn sie einigen Kommunen auf die Füße fallen. Wenn die Gelder aller Steuerzahler, auch die der prostitutionsbefürwortenden JournalistInnen plötzlich für diese Frauen eingesetzt werden, weil die billige, menschenverachtende Rückschickung in deren Heimat dann nicht mehr so leicht funktioniert, nur weil sie kein Geld mehr haben.

Die Zuverlässigkeitsprüfung der Betreiber. Sicher – Strohfrauen, Strohmänner… aber sie trifft eben auch die ganzen Kleinbetreiberinnen, die von den einschlägigen Verbänden repräsentiert werden, und sie trifft dann auch Herrn und Frau Saubermann, die mal eben schnell Terminwohnungen zu horrenden Preisen direkt oder über Untermietsverträge an Zuhälter, Menschenhändler oder „Agenturen“ vermieten.

Hier könnten seitens der taz, der Jungen Welt etc.  übrigens auch interessante Recherchen betrieben werden. Das Dunkelfeld dürfte hier am größten sein. Übrigens: Das tatsächlich vorhandene Dunkelfeld in Deutschland, nicht das angebliche in Schweden.

Ein großer Teil der Medien war zum Thema Prostitution immer schon unterirdisch. Als müssten linke Männer irgendwo doch beweisen, dass sie „ganze Kerle“ sind und könnten das nur über die sexuelle Ausbeutung der Frau. Und das 2015.

Wie war das nochmal mit Faschismus? Männlichkeitsritualen? Frauenhass?

Reden wir doch darüber.

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Zur Geschichte des Abolitionismus und zur Prostitution in der Weimarer Republik und im Dritten Reich:
(Auswahl)

(1)

Ein sehr grober Überblick über den legalen Umgang mit Prostitution in der deutschen Geschichte gibt Romina Schmitter in einem von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Heft (Reihe APuZ, Aus Politik und Zeitgeschichte, ursprünglich vom deutschen Institut für Menschenrechte herausgegeben). Das Heft fällt durch mangelnde Kritik an Prostitution an sich auf, es findet sich nur eine einziger lediglich ansatzweise kritische Auseinandersetzung im letzten Kapitel, in dem sich Udo Gerheim mit Freiern befasst. Vermutlich wird deswegen so schnell über die Nazizeit hinweg gegangen, da die Einstellung des NS-Regimes zu Prostitution das - ich lehne mich sprachlich an die Befürworterinnen der aufgehübschten Sprache an - Narrativ der freien Sexarbeit, von finsteren Fehlern der Kaiserzeit bis zur befreiten Welt des permanenten sexuellen Zugriffs auf Frauen als Bestandteil unserer Freiheit stören würde.
Etwas genauer zum Thema sind die Ravensbrück Blätter, 27. Jahrgang, Heft 108 aus dem Jahr 2001. Die Autorin erwähnt sowohl die Repressionen gegen prostituierte Frauen und alle Frauen, deren Verhalten nicht in die Nazi-Ideologie passte, als auch die Verteidigung der Prostitution an sich.

(2)

Pressemitteilung Dona Carmen vom 11. Juli 2015
http://www.donacarmen.de/prostituiertenschutzgesetz-paranoia-grosse-koalition-profiliert-sich-als-stalker/

Junge Welt vom 20. Juli 2015
https://www.jungewelt.de/2015/07-20/010.php

http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopic.php?p=147950

Twitter / Eva Högl (nach dem SexarbeitsKongress: 24.-26. September 2014 in Berlin)
https://twitter.com/evahoegl/status/515789584589131776

Interessanterweise sind Informationen zur Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Neufassung des Gesetzes auf den Seiten des BesD (Berufsverband erotischer und sexueller Dientsleistungen) erheblich leichter zu finden und aufzurufen, als bei der FES selber.

http://berufsverband-sexarbeit.de/tag/friedrich-ebert-stiftung/

http://berufsverband-sexarbeit.de/wege-aus-der-grauzone-vii-die-aktuelle-entwicklung-der-prostitutionsgesetzgebung/

Programm - Prostitutionskritische Stimmen fehlen genau so wie die Stimmen ausgestiegener  Frauen:

http://www.fes-kommunales.de/_data/GrauzoneProgramm.pdf



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