Mittwoch, 27. November 2019

Körperliche Schäden der Prostitution - Bericht einer Frauenärztin aus der offenen Arbeit


Wikipeda CC BY-SA 4.0
Ein Beitrag von Liane Bissinger, Frauenärztin, München 2019. 
Ich bin Frauenärztin mit eigener Praxis in München. Von 1996 bis 2000 habe ich in Hamburg in der „Zentrale Beratungsstelle für Sexuell Übertragbare Erkrankungen", damals kurz „ZB" genannt, gearbeitet. Dies war in Zeiten vor dem Prostitutionsgesetz (2002) und dem Prostituiertenschutzgesetz (2017) ein vergleichsweise fortschrittliches Modell der Stadt Hamburg zur Beratung und Untersuchung für Menschen, überwiegend Frauen, in der Prostitution. Das Angebot war kostenlos, freiwillig und anonym.
Mein folgender Beitrag bezieht sich auf meine Arbeit und Erfahrung dort, wo ich sowohl aufsuchende Arbeit (Streetwork) als auch gynäkologische Arbeit in der „ZB" geleistet habe. Sowohl die Jahre als auch die beiden Gesetze haben aus meiner Sicht nichts geändert an den gesundheitlichen und körperlichen Schäden, die die Frauen erleiden mussten und müssen.
Die Auswirkungen für die Psyche, die Traumatisierung ist oft im Vergleich mit körperlichen Schäden noch tiefer, nachhaltiger und schwer therapierbar.
Die finalste Schädigung, die Ermordung von Frauen in der Prostitution, möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen; von 2002 bis 17. Oktober diesen Jahres wurden 91 „entdeckte" Morde an Frauen in der Prostitution dokumentiert.
Damals ging es natürlich bei aller „Fortschrittlichkeit" und dem Verzicht auf Zwangsuntersuchungen im Kern um den Schutz der Männer/Prostituierer vor Geschlechtskrankheiten. „Ohne Gummi" war immer schon gefordert. So lag der Hauptfokus unserer Arbeit auf den STI, sexually transmitted infections, die mit klassisch gynäkologischen Untersuchungen und Bluttests überprüft wurden.
Tripper, Chlamydien, Trichomonaden, Feigwarzen wurden regelmäßig diagnostiziert. Leider auch immer wieder Syphilis, Hepatitis und auch HIV. Überflüssig zu erwähnen, dass diese Diagnosen im Vergleich zur „Normal-Bevölkerung" häufiger waren. Bei diesen Untersuchungen zeigten sich aber auch noch viele andere Befunde am und im Unterleib der Frauen: durch zahllose Vaginal-Spülungen mit z.T. gefährlichen Substanzen zerstörte Vaginalflora, die somit bar jeglichen Immunschutzes pure Eintrittspforte für Infektionen und Entzündungen sind, und, wie man heute weiß, ein besonderes Risiko für Cervix-Carcinom (Gebärmutterhals-Krebs) bieten; Einrisse, Verletzungen, Fissuren durch Überdehnung oder gezielt beigefügte Verletzungen. Einrisse besonders am Anus (Schließmuskel) und im Enddarm.
Häufige Blasenentzündungen zählen fast schon zum Alltag, manche nahmen prophylaktisch Antibiotika (falls sie es sich leisten konnten).
Beckenboden-Schwäche. Es gab auch einige Fälle ganz junger Frauen, die bereits Probleme hatten, den Urin bzw. den Stuhlgang zu halten. Dies ist eigentlich ein Phänomen, das wir mit Geburten assoziieren. Aber der Beckenboden ist ein sehr vielschichtiges System aus Geweben und Nerven und die ständig wiederkehrende Überdehnungs- und auch Vergewaltigungs-Situation verursachen so z.T. irreversible Schäden in diesem Bereich.
Entzündungen im Unterbauch, z.B. Eileiter-Entzündungen mit stärksten Schmerzen machten Krankenhaus-Einweisungen notwendig (wir hatten damals behördliche Krankenscheine). Dies führt übrigens besonders häufig zu Unfruchtbarkeit.
Ungewollte Schwangerschaften. Meiner Erfahrung nach nahmen damals die meisten Frauen die Pille oder hatten die 3-Monats-Spritze. Trotzdem kam es mehrere Male zu Schwangerschaften. In einem Fall, den ich erinnere, war es schon so weit fortgeschritten (und verdrängt!) , dass die Schmerzen, mit denen die Frau kam, sofort in den Kreißsaal führten. Unvorstellbar, dass sie so bis dahin sich den Freiern aussetzten musste. Ihr weiteres Schicksal konnte ich nicht verfolgen. Andere Frauen mit früherer (und auch bemerkter) Schwangerschaft, hatten die allergrößten Schwierigkeiten – damals ohne legalen Status und Krankenversicherung – einen medizinisch akzeptablen Schwangerschaftsabbbruch zu bekommen.
Verhütung. Oft gab es Probleme mit der Regelmäßigkeit oder Verlässlichkeit der Verhütungsmaßnahmen. Z.B. führen Darmprobleme zu einer herabgesetzten Wirksamkeit der Pille. Das Risiko von Thrombosen schätze ich im Bereich der Lebenswelten der prostituierten Frauen als absolut erhöht ein. Zigarettenrauchen, mangelnde Bewegung, nicht erfasste sonstige Risikofaktoren.... Ich habe im Rahmen der ZB- Arbeit eine Thrombose mit Lungenembolie erlebt.
Zerstörte Darmflora (und ein damit geschwächtes Immunsystem) hatten viele Ursachen: häufige Einläufe, um den Stuhlgang (wegen analer Praktiken) zu kontrollieren, ein komplett entzündetes Magen-Darm-System aufgrund von häufigem Erbrechen durch Ekel, orale Praktiken, miserable Ernährungssituationen, Mangelernährung, Essstörungen, nervöse Störungen.
ZahnMundKiefer-Erkrankungen. Durch die fehlende Krankenversicherung, durch Selbstbetäubung, mangelnde Selbstfürsorge oder Verletzungen wurden regelmäßig Entzündungen in diesem Bereich verschleppt. Mit der Gefahr von Eiterherden, die wiederum das Gesamtsystem noch weiter schwächten.
Hautekzeme. Mangelnde Hygiene der Freier, der Einrichtungen, aber auch psychischer Ekel, der sich seinen Ausdruck in Ekzemen sucht.
Schmerzen. Eigentlich immer und überall. Kopfweh. Durch Schläge, Verspannung, insbesondere durch die Verkrampfung im Nacken und Kieferbereich bei unendlich sich wiederholenden oralen Praktiken („Blasen"). Halsweh. Schmerzen von „oben bis unten". Häufig wurde über Schmerzen in den Hüftgelenken geklagt (stundenlang die schweren Gewichte der Freier über ihnen mit den gewalttätigen Stößen).
„Unklare" Bauchschmerzen, unklar, weil sich die Schmerzen nicht auf einen bestimmtes Organ, einen bestimmten Auslöser lokalisieren lassen, sie aber so heftig sein können, dass an OP gedacht wird. Psychosomatisch nennt man das dann.
Schlafstörungen. Keine regelmäßigen Zeiten für Schlaf durch jederzeit zur Verfügung stehen müssen. Schlafen im gleichen Bett, wo vorher die Begegnung mit dem Freier stattgefunden hat, fehlender Tag/Nacht –Rhythmus mit fehlendem Tageslicht, immer Kunstlicht, Lärm. Dafür Schlafmittel.
Substanzmissbrauch. Nikotin, Alkohol, Drogen, Medikamente. Anders kann der Alltag nicht ertragen werden.
Zusammenfassend möchte ich nochmals zum Ausdruck bringen, dass es sich bei dem Dargestellten um meine Arbeitserfahrungen als Gynäkologin in dieser Hamburger Beratungsstelle handelt und keinen Anspruch auf statistische Signifikanz erhebt.
Ich bin mir jedoch sicher, dass die beschriebenen Probleme in den verschiedenen Bereichen der Prostitution und auch nach den 2 gesetzlichen Regelungen in den Jahren seither, sich in keiner Weise verändert haben. Wie auch? Das System der Prostitution ist frauen- und menschenverachtend, auf Ausbeutung und Grausamkeit aufgebaut und es geht vor allem um Machtausübung der Männer über die Frauen und um maximalen Profit.
Nur die Abschaffung dieses Systems kann die Lösung sein!
Liane Bissinger, Frauenärztin

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