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Mittwoch, 12. August 2015

Wie könnt ihr noch in den Spiegel sehen?


Lizenz: CC0 Public Domain
gefunden bei Pixabay
Amnesty International hat sich gestern, den 11. August 2015 mit einem Papier im besten Lobby-Stil für die vollständige Entkriminalisierung der Prostitution ausgesprochen, d. h. dass sich AI zukünftig auch für die Entkriminalisierung der Profiteure, Bordellbesitzer und Zuhälter sowie die Prostituenten stark machen möchte.

Rebecca Mott ist Aktivistin, Abolitionistin, Prostitutionsüberlebende und Bloggerin. Auf ihrem Blog erschien einen Tag vor Amnesty Internationals offizieller Positionierung ihr Artikel "How Do You Look In The Mirror?", den wir mit ihrer freundlichen Zustimmung ins Deutsche übertragen haben.


Ich habe eine Pause gemacht vom Schreiben und Arbeiten, um mir ein bisschen Zeit zum Ausspannen zu nehmen und darüber nachzudenken, welche und wieviele Veränderungen dieser Blog mir gebracht hat.

Aber darüber kann ich ein anderes Mal schreiben. Ich komme zurück auf die heilige Kuh der linksgerichten Menschenrechte – Amnesty International –, die die prostituierte Klasse ins Meer kippt.

Ich persönlich würde mir nichts mehr wünschen, als dass alle weiblichen Mitgliederinnen AI boykottieren, aus Solidarität mit ihren prostuierten Schwestern – aber das wird wohl nicht passieren.

Ich träume trotzdem weiter.

Ich wäre ein überzeugtes Mitglied von AI, wenn sie sich nicht erlaubt hätten, ihr Richtlinienpapier zu Prostitution von Zuhältern schreiben zu lassen, um damit der Sexhandels-Lobby volle Rückendeckung zu geben.

Ist die prostituierte Klasse nicht genug Mensch für das Recht auf alle Menschenrechte?

Sind die Ständer der Prostituenten wichtiger als die Lebensbedingungen prostituierter?

Wird AI von der Lobby der Sexhandels-Industrie dafür bezahlt, Lügen und Ängste zu verbreiten, um Abolitionistinnen zu silencen?

Mich als Ausgestiegene bringt das in Verzweiflung und maßlose Wut, weil die „Menschenrechte“ von Prostituenten und der Sexhandels-Profiteure von AI geschützt werden sollen und die  prostituierten als un(ter)menschliche Sexgüter ohne Menschenrechte zurückgelassen werden.

Freitag, 27. März 2015

Wie kommt's, dass du noch nicht tot bist?

Memories
"Memories" by broombesoom (Flickr)
Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0
Dieser Beitrag ist eine deutsch-sprachige Übersetzung des Artikels How Come You Ain’t Dead? von Rebecca Mott. Rebecca ist Prostitutions-Überlebende, Aktivistin, Abolitionistin und Bloggerin.

Meine Vergangenheit ist zersplittert, meine Vergangenheit besteht aus Löchern.

Wenn ich die vielen Jahre, die ich prostituiert wurde, streife, bleibt nur ein stiller Schrei des Schmerzes zurück.

Ich weiß, dass die Prostitution mir meine Jugend zerstört hat und meine 20er zu einem Grab gemacht hat.

Jetzt bin dabei, in meine 50er zu kommen und ich habe endlich gelernt zu akzeptieren, dass es immer große Strecken meines Lebens geben wird, die ich niemals kennen oder verstehen werde.

Was schmerzt, ist, dass die schönen Teile meiner Vergangenheit ebenfalls ausgelöscht sind, ich kann so tun, als ob ich mich erinnere, wenn ich von Leuten, die da sind, umgeben bin.

Aber Erinnern ist ein Akt, und zu oft stolpere ich über bekannte Details.

Ich möchte ein Hirn schaffen, das die Hölle der Prostitution so schmälert, dass es dafür reicht, zu wissen, was schlimm war, aber dass es nicht Tag für Tag in mein Leben eingreift - sodass Platz für schöne Erinnerungen bleibt.

Aber das ist keine Realität, das ist ein Traum.

Stattdessen hängt mein Hirn am Grauen fest, an dem Gefühl leer und verloren zu sein; der physische Schmerz, das war die Welt, aus der Prostitution gemacht ist.

Es sind keine eindeutigen Erinnerungen – keine schlüssigen Geschichten, an denen eine festhalten kann und die eine aussprechen kann, es gibt kein richtiges Gefühl von Raum und Zeit.

Ich erinnere viele Vergewaltigungen als eine Vergewaltigung.

An den Freiern sehe ich keine Gesichter, nur eine Art Hohlraum nicht endender Vergewaltigungen, endloses Einschlagen auf meinen Körper und meine Seele.

Ich erinnere meinen Körper, wie er nicht entrinnen kann – kein Teil meines Körpers war nicht durch Freier verseucht.

In meinen Ohren war eingepflanztes Sperma, meine Ohren wurden geschlagen, wenn ich mich angemessen entkleidet hatte.

Mein Kopf schmerzte permanent, weil ich versuchte, diese ganze Realität abzublocken.

Mein Mund und mein Rachen verlernten, wie man isst, weil mich der Geschmack von Hass erstickt hatte.

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Tanja Rahms Rede bei der Feminism in London Conference 2014

Shero Tanja Rahm
Tanja Rahm ist Prostitutions-Überlebende, Therapeutin, Aktivistin und Autorin. Bei der Feminism in London Conference 2014 (FiL) hielt sie diese Rede

Ich war sehr privilegiert, ein 20-jähriges Mädchen, das sich für die Prostitution entscheidet, wisst ihr, niemand hat mich gezwungen, ich hatte keinen Zuhälter, ich nahm keine Drogen und es war meine Entscheidung, meine ganz alleine.

Ich habe heute nicht vor, über freie Wahl zu sprechen, aber hätte ich es gemacht, dann hätte ich euch meine Geschichte erzählt, die Geschichte meiner Kindheit und euch hinterher gefragt, ob ihr immer noch an freie Wahl glaubt. Aber, darüber möchte ich hier heute nicht sprechen.

Worüber ich sprechen möchte, ist die Gewalt in der Prostitution. Ich glaubte, dass ich sowas wie eine Edel-Hure war, ich war nicht auf den Straßen, nahm keine Drogen, stattdessen arbeitete ich in Edel-Bordellen und als Escort. Aufgrund dieser Umstände habe ich mich nicht als Opfer gesehen. Solange nicht, bis ich Depressionen, Ängste bekam, mich nicht mehr raus traute und dann anfing, Drogen zu nehmen, alles, das mir half, auszuhalten, eine Prostituierte zu sein. Ich war nie depressiv gewesen oder hatte irgendwelche Arten von Ängsten, bevor ich in die Prostitution kam. Stattdessen entstanden die Depressionen, Ängste und die Kokain-Abhängigkeit aufgrund der Erfahrungen in der Prostitution.