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Dienstag, 14. Juni 2022

¡Felicitaciones a las feministas en España! Glückwunschschreiben an Feministinnen in Spanien:

Madrid, November 2015, Demonstration.

Kofra Munich (Centro de Comunicación para Mujeres), AK Stopp Sexkauf y Abolition 2014 están felices por su éxito en el voto en el Congreso de los Diputados para terminar con la prostitución y el tráfico de mujeres con fines de explotación sexual. ¡Han logrado ustedes una abrumadora mayoría!

Le deseamos éxito continuo en la votación en el Senado y en su trabajo para apoyar a las mujeres en la prostitución y su apoyo a la salida, para el trabajo en educación y prevención, que, al igual que el castigo de clientes, proxenetas y operadores de burdeles, son los pilares del enfoque sueco.  

Para nosotras en Alemania, su coraje, entusiasmo y arduo trabajo que todos tenemos que hacer para poner fin a esta explotación de las mujeres en particular son un gran modelo a seguir.


7000 feministas de 187 organizaciones que hicieron campaña en la última manifestación del 28 de mayo en Madrid por estos objetivos: acabar con la prostitución, apoyar a las mujeres, es una fuerza que habéis construido junto a las mujeres que han salido y supervivientes de la prostitución.

Ustedes estáis un ejemplo para nosotros y le deseamos de todo corazón que siga teniendo éxito.

 

Kofra (Kommunikationszentrum für Frauen zur Arbeits- und Lebenssituation), 

Arbeitskreis Stopp Sexkauf 

Abolition2014.

 

Glückwunschschreiben an Feministinnen in Spanien:

Felicitaciónes !

 

Kofra München (Kommunikationszentrum für Frauen), der AK Stopp Sexkauf und Abolition 2014 freuen sich über Euren Erfolg in der Abstimmung des Abgeordnetenhauses, Prostitution und Frauenhandel zur sexuellen Ausbeutung zu beenden. Ihr habt eine überwältigende Mehrheit erreicht!

Wir wünschen Euch weiterhin Erfolg auch in der Abstimmung im Senat und in Eurer Arbeit zur Unterstützung der Frauen in der Prostitution, der Ausstiegsbegleitung, der Arbeit an der Aufklärung und zur Prävention, die wie die Bestrafung der Freier, Zuhälter und Bordellbetreibenden zu den Säulen des schwedischen Ansatzes gehören.

Für uns in Deutschland sind Euer Mut, die Begeisterung und die harte Arbeit, die wir alle einbringen müssen um diese Ausbeutung vor allem von Frauen zu beenden, ein großes Vorbild.

7000 Feministinnen aus 187 Organisationen, die sich in der letzten Demonstration am 28. Mai in Madrid für diese Ziele: Beendigung der Prostitution, Unterstützung der Frauen eingesetzt haben, sind eine Kraft, die Ihr zusammen mit ausgestiegenen Frauen und Überlebenden der Prostitution aufgebaut habt.

Ihr seid für uns ein Beispiel und wir wünschen Euch von ganzem Herzen weiter viel Erfolg.

 

Kofra (Kommunikationszentrum für Frauen zur Arbeits- und Lebenssituation) 

Arbeitskreis Stopp Sexkauf

Abolition2014.

 

Sonntag, 22. Juli 2018

Wie das schwedische Prostitutionsgesetz die Schande von den Frauen auf die Freier verschoben hat

Simon Häggström im Gespräch mit Francine Sporenda über seine Arbeit als schwedischer Kriminalinspektor in der Prostitutionseinheit, die in Stockholm für die Umsetzung des Gesetzes zur Freierbestrafung verantwortlich ist. Er leitet inzwischen die Schwedische Menschenhandels-Einheit der Polizei, die Menschenhandels- und Zuhälternetzwerke verfolgt. Er ist Autor des Buchs „Shadow`s Law: The True Story of a Swedisch Detective Inspector Fighting Prostitution“

Das Interview erschien ursprünglich auf Französisch auf der Website von RévolutionFéministe. Übersetzung durch Manuela Schon und Inge Kleine von der englischen Version auf Nordic Model Now, mit freundlicher Erlaubnis durch Francine Sporenda und Nordic Model Now.


FS: Die Argumentation für das schwedische Prostitutionsgesetz ist die, dass Prostitution die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit negativ beeinflusst. Kannst du mir etwas darüber sagen und darüber, warum sie ein Magnet für alle möglichen Formen der Kriminalität ist?


SH: Es stimmt, dass Prostitution ein Magnet für alle möglichen Kriminellen ist, aber wenn wir sagen, dass Prostitution die gesamte Gesellschaft negativ beeinflusst, dann muss man nicht notwendigerweise zunächst eine kriminalistische Perspektive einnehmen, denn Prostitution verursacht Schäden, nicht nur an den Individuen, die darin involviert sind – insbesondere die Frauen, die Sex anbieten und die Freier – sondern in Bezug auf alle in der Gesellschaft.

Wenn es legal ist Sex zu kaufen, dann passiert etwas in Bezug auf die Art und Weise wie wir uns gegenseitig betrachten. Junge Männer werden mit einer Mentalität erzogen, nach der du nur dafür bezahlen musst, wenn du Sex haben willst. Natürlich beeinflusst das die Art und Weise, wie wir uns allgemein gegenseitig als Menschen wahrnehmen, und genauer, wie wir Frauen wahrnehmen – weil sie als Objekte angesehen werden, als Dinge, die man konsumieren kann. Deswegen glauben wir, dass Prostitution der gesamten Gesellschaft schadet.

FS: Was sagst du zu dem bekannten Pro-Prostitutions Argument, dass ein Gesetz, welches die Freier bestraft, Prostitution in den Untergrund abdrängt?

SH: Mich überrascht dieses Argument und ich höre es überall in der Welt, nur nicht in Schweden. Außerhalb Schwedens hält sich jede und jeder für einen Experten oder eine Expertin darüber, was mit einem solchen Gesetz passiert: „Oh, schau doch nur, was in Schweden passiert ist. Die Prostitution ist in den Untergrund gewandert und die Polizei kann die prostituierten Frauen nicht mehr finden.“

Meine Antwort darauf ist: „Hallo, ich bin Polizist. Ich war über 10 Jahre in der Prostitutionseinheit und Prostitution ist überhaupt nicht versteckt, wir können sie finden. Gib mir einfach ein Handy und ich zeige dir, wo sie ist.“

Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, woher dieses Argument kommt. Natürlich haben wir eine Verlagerung der Prostitutionsorte zu verzeichnen. In den 1990er Jahren war die Prostitution überwiegend draußen, auf den Straßen. Aber dann kam die Internet-Revolution und jetzt haben wir sie in den Hotelzimmern und Wohnungen, und da findet Prostitution überwiegend statt. Aber nur weil sie nicht unter den Augen der Öffentlichkeit stattfindet, heißt das nicht, dass sie im Untergrund ist. Wir haben unsere Methoden um sie zu finden und wenn die Freier diese Frauen in den Hotels und Wohnungen finden können, dann kann die Polizei das auch. Ich brauche nur ein Handy.

Im Grunde genommen handelt es sich bei diesem Argument um einen Mythos, wenn auch um einen sehr verbreiteten, und meine Antwort darauf ist: Glaub diese Mythen nicht, redet einfach mit uns, den Leuten die wirklich mit dem Gesetz arbeiten, denn wir wissen was Sache ist. Wir wissen, dass es sich dabei um eine Lüge handelt, die in der Welt ist – Prostitution zu finden ist wirklich kein Problem für uns. Wir brauchen nur ein paar Minuten um eine Wohnung aufzuspüren. in der Prostitution stattfindet.

FS: Ich fand das Argument immer schon absurd. Damit die Sexindustrie existieren kann, müssen die Freier in der Lage sein die prostituierten Frauen zu finden. Und wenn die Freier das können, dann kann die Polizei das auch. Das liegt doch auf der Hand.

SH: Genau und deshalb sage ich immer, dass die Prostitution sich nicht wirklich verstecken kann, denn die Menschenhändler und Zuhälter müssen die Frauen, die sie verkaufen, inserieren. Deshalb kann die Polizei in diesen Gebieten, und auf den Webseiten, in denen die Frauen inseriert werden, sie natürlich ebenso aufspüren. Das hängt mir langsam auch echt zum Hals raus, denn das Argument hat mit der Realität einfach nichts zu tun.

FS: Kannst du erklären inwiefern, anders als die GegnerInnen immer vorhergesehen haben, das schwedische Gesetz die Prostitution für die Frauen sicherer gemacht hat?
SH: Das ist wahrscheinlich die zweithäufigste Frage, die mir in anderen Ländern gestellt wird oder das am zweitmeisten verbreitete Argument: „Schau dir an was in Schweden passiert ist, wegen der Kriminalisierung der Freier hat die Gewalt gegenüber den Frauen in der Prostitution zugenommen.“ Ich höre das die ganze Zeit, ich denke du hast das auch schon zu hören bekommen?“

FS: Sehr oft!

SH: Mit Sicherheit. Aber wir können das kategorisch ausschließen. Unsere Regierung hat 2010 eine Evaluation durchführen lassen. Sie wurde von einer Spitzenjuristin, unserer Justizkanzlerin, Anna Skarhed, geleitet, und sie kam zu dem Ergebnis, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass die Gewalt gegen Frauen in der Prostitution zugenommen hat.

Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass die Frauen in der Prostitution in Schweden nicht auch Gewalt ausgesetzt sind – das sind sie, denn in der Prostitution zu sein ist gefährlich. Es macht keinen Unterschied wo du bist, wenn du prostituiert bist, dann bist du Vergewaltigung, Belästigung, Raub etc. ausgesetzt. Das liegt in der Sache an sich, an der Prostitution, es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass die Gewalt zugenommen haben soll.

Was ich angesichts zahlreicher Aussagen sagen kann, ist dass die Frauen in der Prostitution in Schweden in sogar sicherer sind, weil das Gesetz den Freier unter Druck setzt.

Man muss die schwedische Kultur und den Kontext verstehen, und den normativen Einfluss dieser Gesetzgebung. Das Gesetz ist jetzt seit 20 Jahren in Kraft und es hat die gesamte Gesellschaft beeinflusst. Sex zu kaufen ist heute eine der schambelastetsten Verbrechen, für die man verhaftet werden kann. Wenn das öffentlich wird, riskiert man alles zu verlieren: Job, Familie, das gesamte soziale Netzwerk.

Wenn die das Risiko eingehen, gegen das zu Gesetz verstoßen, wissen die Freier, dass diese Frauen kein Risiko einer Bestrafung eingehen, sie wissen, dass sie sich benehmen müssen, weil die Polizei nur einen Telefonanruf entfernt ist. Also setzt das Gesetz die Freier unter Druck sich zu benehmen, weil sie wissen, dass die Frauen die Polizei anrufen können ohne selbst ein Risiko einzugehen.

Die Freier wissen, dass sie sich benehmen müssen und das nicht in Sorge um die Frauen, sondern weil es in ihrem eigenen Interesse ist, weil sie sich um sich selbst sorgen. Und um sich selbst zu schützen, wissen sie, dass sie die Frauen gut behandeln müssen, ihnen das Geld zahlen und sich benehmen müssen. Sonst kommt die Polizei und nimmt sie fest. Und sie werden alles dafür tun um dies zu vermeiden.

FS: Ist Online-Prostitution in Schweden weit verbreitet? (In Frankreich umfasst sie heute etwa 70% der Prostitution und bringt den Prostitutionsseiten eine Menge Geld.) Was tut ihr dagegen?

SH: Viele davon sind internationale und keine schwedischen Seiten. Sie liegen in verschiedenen Ländern und werden einfach aufgerufen, indem auf die jeweilige Fahne des Landes geklickt wird, dann landet man bei Anzeigen aus diesen Ländern.

Der schwedischen Gesetzgebung nach sind diese Seiten illegal. Neben dem Sexkaufverbot haben wir auch eine sehr strenge Gesetzgebung in Bezug auf Zuhälterei und Menschenhandel, die jegliche Förderung der Prostitution unter Strafe stellt. Also ja, diese Seiten sind definitiv illegal, aber wir haben große Probleme sie zu schließen, weil es in Europa so viele verschiedene Sprachen, Gesetze und Sichtweisen in Bezug auf die Prostitution gibt. Wenn die Seiten sich auf Servern in Ländern befinden, in denen diese Aktivitäten nicht als Straftaten gelten, dann können wir nichts dagegen tun. Die Aktivitäten müssen in allen beiden Ländern rechtswidrig sein.

Es ist definitiv eine Herausforderung für uns und es bestärkt mich noch mehr in unserer Überzeugung, dass die Europäische Union diese Art Werbung als illegal betrachten muss. Aber in der EU gibt es eine Diskussion, die Zwangsprostitution und freiwillige Prostitution voneinander trennen. Es ist vermutlich eine der gefährlichsten Diskussionen, die wir dazu haben können, denn in der Realität kann man beides nicht voneinander trennen – Menschenhandel wird sich immer als freiwillige Prostitution darstellen und man kann nicht unterscheiden was was ist. Nur, weil eine Frau sagt, dass sie das freiwillig tut, bedeutet das nicht automatisch, dass dem auch so ist. Wir wissen, dass die Mehrheit der Frauen in der Prostitution aus Rumänien, Nigeria usw. kommt und wir wissen, dass sie Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution sind, und trotzdem haben wir diese Debatte in Europa, in der Leute behaupten, dass wir wegen „SexarbeiterInnenrechte“ regulierte Prostitution brauchen und zwischen freiwilliger und Zwangsprostitution unterscheiden sollten.

Aber was mich angeht, sind etwa 9 von 10 Frauen, die mir begegnen, in irgeneiner Form Opfer organisierter Prostitution. Und für uns ist die mit Bezug auf diese Escort-Seiten ein riesiges Problem, das bedeutet, dass wir unseren Job nicht so machen können, wie wir das wollen.

FS: Mir ist auch aufgefallen, dass die Seiten globalisiert sind. Ich habe von einen Typen gelesen, dem einige davon gehören. Er lebt in den USA, das Hauptquartier seiner Firma ist in Jersey und die Server sind ganz woanders. Das macht es so schwierig etwas dagegen zu tun, weil die Server von Land zu Land wandern.


SH: Genau. Das Internet, die digitale Revolution, haben fantastische Dinge für die Gesellschaft bewirkt. Aber es gibt auch eine Kehrseite davon, und wenn die Polizei all das schlechte Zeug, was da passiert beenden könnte – nicht nur die Prostitution, sondern auch Drogen, Terrorismus und solche Dinge – dann würde das der Gesellschaft natürlich sehr nützen. Aber wir können das nicht. Das ist die moderne Welt, wir müssen damit leben, aber würden alle Europäischen Länder Prostitution als das sehen, was sie wirklich ist, dass sie ein Teil männlicher Gewalt gegen Frauen und eine Form moderner Sklaverei ist, dann hätten wir eine sehr viel größere Chance dieses Verbrechen zu bekämpfen.

FS: Du sagst, dass die Freier gewöhnliche Typen sind, „Männer in Anzügen“, verheiratet, berufstätig und mit Kindern, und nicht arm und einsam. Sie haben Angst verhaftet zu werden und nennen dich sogar den „Todesengel“. Du berichtet von einem Mann, der dir im Supermarkt begegnet ist, als er mit seiner hübschen Frau und seinen Kindern einkaufte. Er hatte Angst dich zu sehen, da du ihn vor einiger Zeit verhaftet hattest, als er sich von einer 18-Jährigen auf einer Auto-Rückbank oral befriedigen ließ. Du sagst, dass eine Ehefrau das Recht hat zu wissen, ob ihr Ehemann ein Sexkäufer ist. Wenn Freier verhaftet werden, welche möglichen Konsequenzen blühen ihnen dann?
SH: Du musst daran denken, dass in Schweden das Verbot von Sexkauf nicht kontrovers ist, die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt die Gesetzgebung, aber mir ist klar, dass das, was für mich selbstverständlich ist, für Menschen aus anderen Ländern etwas sehr Anderes ist.

Wir müssen es von seinen Anfängen her betrachten. Diese Gesetzgebung wurde nicht über Nacht eingeführt. Sie kam erst nach einer hitzigen Debatte, die Mitte der 1970er Jahre begann und 30 Jahre lang andauerte. Als das Gesetz 1999 eingeführt wurde, stand es auf nationaler Ebene im Zentrum der Aufmerksamkeit und von Diskussionen.

Im Laufe der Jahre haben die Dinge sich verändert und heute haben wir einen politischen Konsens in Bezug auf das Gesetz. Alle politischen Parteien, auch die in der Opposition, stehen dahinter und die Mehrheit der Bevölkerung ist dafür, was bedeutet, dass es einen normativen Effekt auf die Bevölkerung hatte. Es hat die Menschen in die richtige Richtung beeinflusst und ich denke, dass die durchschnittlichen SchwedInnen heutzutage durchaus einiges über Prostitution wissen – insbesondere Frauen und das aus gutem Grund – denn junge Mädchen träumen nicht davon, wenn sie groß sind Sex zu verkaufen. So ist also das durchschnittliche Wissen über Prostitution in Schweden im Vergleich zu anderen Ländern recht hoch, und das wegen des Sexkaufgesetzes und weil es über so viele Jahre diskutiert worden ist.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf ist es mit Scham behaftet von der Polizei für Sexkauf, egal ob von einer Minderjährigen oder einer Erwachsenen, festgenommen zu werden. Ich weiß, dass in manchen südeuropäischen Ländern Sex zu kaufen genauso normal ist wie im Supermarkt einzukaufen…

FS: In Deutschland auch … Es ist total normalisiert.

SH: Ja, es ist normalisiert. Fussballmannschaften und ihre Fans feiern ihre Siege im Bordell. Es ist genau die entgegengesetzte Mentalität in Schweden. Hier ist das schambesetzt. Du prahlst davon auch nicht vor deinen Freunden. Wenn du damit anfangen würdest „Oh, ich hab gestern Sex gekauft“, sagen deine Freunde vermutlich „Hey, Mann, was ist dein Problem, kannst du nicht umsonst Sex haben?“ Es ist etwas was, das man nicht tut, und wenn man es doch tut, dann erzählt man definitiv niemanden davon. Also hat es Konsequenzen.

Wir haben das über Jahre hinweg sehr häufig beobachtet – diese Männer verlieren alles, wenn wir sie festnehmen. Um ehrlich zu sein, handelt es sich eher um ein vergleichsweise geringfügiges Vergehen, du wanderst dafür nicht in den Knast, du musst nur ein Bußgeld bezahlen. Aber es hat dennoch große Konsequenzen in Bezug auf das Leben der Freier. Sie riskieren alles zu verlieren, nicht nur ihre Ehe und ihre Familie, sondern auch ihr ganzes soziales Netzwerk.

Wir hatten Fälle, in denen Leute ihre Jobs verloren haben. ArbeitgeberInnen und Chefs sind der Meinung, dass jemand, der Sex kauft, Menschen nicht respektiert, und sagen „Wir wollen nicht, dass jemand, der unsere Firma repräsentiert, gleichzeitig jemand ist, der Menschen nicht wertschätzt und respektiert. Durch den Sexkauf zeigst du, dass du diese Grundsätze nicht erfüllst.“
Wir haben alle möglichen Leute festgenommen, wir haben Ärzte verhaftet, Priester inhaftiert, wir haben Polizisten, Staatsanwälte, Männer aus allen sozialen Schichten festgenommen und die Konsequenzen sind groß. Wenn du ein Vorsitzender bist, oder ein Unternehmenschef, eine berühmte Person, dann fällst du sehr tief.

Vor einigen Jahren wurde der Torhüter der schwedischen Nationalmannschaft festgenommen, weil er Sex von einer rumänischen Frau gekauft hat. Die Medien haben sehr breit darüber berichtet. Die Medien spielen eine große Rolle dabei, ein kritisches Bewusstsein zu schaffen, weil sie sehr viel über die Verhaftung von Freiern berichten. Wir haben kein Beschämungssystem wie in den USA, wo die Medien Namen und Fotos der festgenommenen Freier veröffentlichen – das haben wir nicht, aber wir haben eine breite Medienberichterstattung und das trägt definitiv zur öffentlichen Bewusstseinsbildung bei.

Eine Firma möchte einfach niemanden, der so wenig Respekt für einen Menschen zeigt, dass er Sex von ihm kauft. In Schweden ist das ganz normal, wir haben schon Politiker festgenommen und noch am selben Tag musste die ihren Posten räumen.

Es ist schwer zu verstehen, wenn jemand nicht in Schweden groß geworden bist, mit dem Wertesystem seit der Kindheit, dass wenn jemand Sex kauft, irgendwas falsch daran ist. Die Kinder heute wachsen so auf und sie haben gar keine Alternative, denn so lange sie sich erinnern können, war der Kauf von Sex illegal. Und natürlich hat die Gesetzgebung einen großen Einfluss auf die Gesellschaft. Ist es in deinem Land illegal bei Rot über die Ampel zu fahren?

FS: Natürlich

SH: Natürlich. Und es spielt keine Rolle, ob es in der Stadt ist, ob es 3 Uhr morgens ist und ob ein einziger Mensch in der Nähe ist. Du siehst kein anders Auto und trotzdem bleibst du stehen und wartest auf Grün. Warum? Weil vielleicht irgendwo ein Polizist versteckt auf der Lauer liegt, und wenn die Polizei mich dabei sieht, wie ich bei Rot über die Ampel fahre, verliere ich meinen Führerschein.

Und genauso ist es mit dem Sexkaufverbot. Das Gesetz selbst beeinflusst die Mehrheit der Bevölkerung. Natürlich fahren trotzdem noch Leute bei Rot über die Straße und es gibt immer noch Männer die Sex kaufen, und wir haben immer noch die Polizei. Aber man muss verstehen, dass diese Gesetzgebung wichtig ist und die Mehrheit der Bevölkerung sich daran hält. Und bei denen, die das nicht tun, kümmert sich die Polizei drum.

FS: Wenn sie verhaftet werden, dann protestieren die Freier lauthals: „Habt ihr nichts Besseres zu tun, als arme Männer zu belästigen, die nur harmlosen Sex wollen?“. Wie rechtfertigen diese Männer denn ihr Tun, wenn sie verhaftet werden?

SH: Da gibt es eine Menge unterschiedlicher Entschuldigungen. Wie ich dir schon vorhin sagte, haben die alle unterschiedliche Hintergründe und unterschiedliche Geschichten. Was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie alle denken, dass sie die Opfer hier sind. Wenn sie festgenommen werden, dann stellen sie keine Fragen zu den Frauen. Sie fragen nicht „Warum ist sie hier, ist sie ein Menschenhandelsopfer, wie geht es ihr, etc.?“ Es dreht sich alles nur um sie.

Und wir hören immer und immer wieder das Gleiche: Dass WIR ihr Leben ruiniert haben. Gerade vor zwei Wochen hatte ich so einen Mann: „Oh, wenn du nur wüsstest, wass du getan hast, du hast nicht nur mein Leben zerstört, sondern auch die Zukunft meiner Kinder, und meine erfolgreiche Ehe zerrüttet.“

Sie schieben die Schuld immer auf mich. Und das zeigt, worum es beim Sexkauf eigentlich geht: es ist 100% ego. Es geht nur um DICH. Es geht darum, dass Du Sex kriegst, dass Du sexuelle Wünsche erfüllt bekommst, es dreht sich alles um dich. Es geht nicht um etwas Gegenseitiges, eine beiderseitige Anziehung, es geht nicht um zwei menschliche Wesen, sondern um ein menschliches Wesen. Es geht darum, dass du bekommst, was du willst, und weil die andere Person das nicht will, musst du dafür bezahlen.

Du kannst dir ein anderes menschliches Wesen kaufen, welches nicht mal in deiner Nähe sein will. Um Sex mit der Frau zu haben – wenn sie Alternativen hätte oder keinen schwierigen Hintergund, dann könntest du dafür nicht zahlen. Prostitution ist eine Klassenfrage, die reichen beuten die armen Leute aus. Das wird so klar, wenn ich die Frauen treffe, und auch die Freier.

Diese reichen Schweden, sie bezahlen für Sex weil sie es können, weil sie es sich leisten können. Und diese armen Frauen, die aus Rumänien, Nigeria usw. kommen, die sind deshalb in der Situation, weil sie müssen, damit ihre Familien und ihre Kinder etwas zu Essen auf dem Tisch haben.

Aber natürlich haben die Männer alle unterschiedliche Entschuldigungen. Unter den Entschuldigungen, die wir gehört haben, waren welche, wie: „Ach, meine Freundin ist gerade schwanger, wir haben kein geregeltes Sexleben. Ich tu das nur um Sex zu haben, weil sie das gerade nicht wirklich liefern kann.“ Oder: „Es läuft grad schlecht mit meiner Freundin, wir haben heute gestritten, sie war sehr böse zu mir, also dachte ich mir, ich müsste etwas anderes tun, jemand anderen treffen.“

Es gibt Männer, die sagen, dass sie ihre Freundin nicht betrügen wollen und deshalb stattdessen Sex kaufen. Was für ein verrücktes Argument. Die glauben wenn sie Sex kaufen, dann sei das nur mechanischer Sex, und deshalb betrügen sie nicht wirklich, weil sie ja nur den Sex wollen und sonst nichts. Wenn sie einen One-Night-Stand haben oder eine Affäre mit jemanden aus dem Büro, dann sehen sie das als Betrügen, weil es eine gegenseitige Anziehung gibt. Aber wenn sie nur Sex kaufen, dann sind da keine Gefühle, keine Emotionen, es ist nur mechanisch, und sie versuchen sich selbst davon zu überzeugen, dass das kein Betrug ist, es handelt sich nur um Durckablassen.

Eine weitere Begründung lautet „Ich habe Fantasien, die ich nicht ausleben kann und als ich meiner Freundin davon erzählt habe, hat die mir gesagt ich soll meine Sachen packen, also gehe ich zu einer Frau, die ich dafür bezahlen kann:“ Es gibt eine Menge verschiedener Ausreden, aber alle Entschuldigungen haben eine Sache gemeinsam: 100prozentigen Egoismus.

FS: Glaubst du nicht, dass diese Männer auch eine grundsätzliche Verachtung für Frauen gemeinsam haben?

SH: Auf jeden Fall. Die große Mehrheit der Männer in Schweden kauft keinen Sex, also muss man sich fragen was es ist, was die Sexkäufer vereint – und ich denke es ist eine Missachtung von Menschen im Allgemeinen und gegenüber Frauen im speziellen. Sie achten menschliches Leben nicht und sie schätzen Frauen nicht als gleichberechtigt. Sie glauben, dass Frauen etwas sind, dass man konsumieren kann.

FS: Gibt es Freierschulen in Schweden und was hältst Du davon?


SH: Nein, wir haben keine Freierschulen in Schweden, dieses Konzept wie in den Vereinigten Staaten gibt es bei uns nicht. Wir haben das BOSS-Projekt (BOSS steht für Buyers of Sexual Services / Käufer sexueller Leistungen). Es ist in die sozialen Angebote integriert, wo es auch TherapeutInnen, SozialarbeiterInnen und Beratung für die Männer, die von der Polizei aufgegriffen wurden, gibt und für die, die sich selbst gemeldet haben, weil sie gemerkt haben, dass sie ein Problem haben. Es gibt eine ganze Reihe an Männern, die dieses Programm durchlaufen, aber sie melden sich freiwillig, anders als in den USA, in denen sie dahin geschickt werden können – so wird das in Schweden nicht gehandhabt.

Man kann dieses Programm machen, wenn man dazu motiviert ist und selber erkannt hat: „Ich habe ein Problem mit Sexsüchtigkeit, ich kann mich nicht ganz alleine davon lösen, ich muss mir Hilfe holen.“ Oder wenn jemand von der Polizei erwischt wird und merkt, dass sein ganzes Leben dadurch zerfällt, dann kann er das BOSS Programm machen. Aber wenn ich jemanden auf der Straße festnehme und ihm vom BOSS Programm erzähle und der sagt „Nein danke, kein Interesse, ich will nur meine Strafe zahlen“, dann hab ich keinerlei Möglichkeit ihn in dieses Programm zu stecken.

Aber Freierschulen sind auf jeden Fall etwas, dass ich hier gerne hätte. Ich will, dass die Männer nicht nur Strafen bekommen, sondern auch in diese Schulen geschickt werden. Das wäre toll. Nicht nur nur zur Strafe – aber weil sie da eine Woche lang bleiben und Überlebenden zuhören müssen, müssen sie dazu auch etwas lernen. Ich denke wirklich, das wäre eine gute Sache.

FH: Manchen prostituierten Frauen zufolge, machen zwei Dinge es deutlich schwerer, in der Prostitution zu sein: Pornographie und Freierforen. Kannst du dazu etwas sagen?

SH: Pornographie ist etwas, über das wir hier in Schweden viel zu wenig reden. Wir sprechen über Prostitution und haben das über viele Jahre getan. Aber wie Prostitution beeinflusst die Pornographie die gesamte Gesellschaft auf eine Weise, wie wir es uns kaum vorstellen können. Das Durchschnittsalter, in dem in Schweden mit dem Pornokonsum angefangen wird, liegt zwischen 11 und 12 Jahren. Ich bin 36 und ich erinnere mich, dass als ich 15 war, die Kids schon Porno schauten, aber die Pornographie ist seither so viel schlimmer geworden.

Wenn ich heute mit den Kids im College rede, dann sage ich denen: „Als ich in eurem Alter war, sagten mir meine Eltern, dass Pornographie schlecht ist.“ Heute sage ich das Gleiche, aber Pornographie ist noch tausend Mal schlimmer als früher, als ich ein Teenager war.

Ich bin überzeugt davon, dass es sich für die jungen Menschen, die heute aufwachsen, um eine Gefährdung der öffentlichen Gesundheit handelt und das wird nicht so angegangen, wie es das sollte. Du kannst mit jedem und jeder PolizeiermittlerIn sprechen, der/die sich nicht nur auf Prostitution, sondern auf Sexualverbrechen spezialisiert hat. Wir sagen alle das Gleiche: Wenn wir uns die Computer der Täter anschauen, dann sehen wir Pornographie, Pornographie, Pornographie. Immer. Natürlich beeinflusst dich das und die gesamte Gesellschaft, wenn die Pornographie den Standard dafür setzt, was normale Sexualität ist.

Was geschieht in einer Gesellschaft, in der LehrerInnen und die Schulen aufgegeben haben, weil sie nicht wissen, wie sie den Sexualkundeunterricht gestalten sollen? Pornographie wurde zu dem Forum, in dem junge Menschen sich selbst fortbilden wollen. Das ist eine Tragödie und natürlich hat das direkte Auswirkungen auf die gesamte Prostitution.

Wir können das schon sehen, wenn wir uns die Werbung für Prostitution ansehen. Wie werden diese prostituierten Frauen inseriert? Sie werden wie Pornostars inseriert, weil die Menschenhändler und Zuhälter wissen, dass 100% der Freier täglich Pornos schauen. Und was für Botschaften verbreiten sie? „Komm zu uns, dann schaust du dir nicht nur diese Filme an, sondern kannst all die Dinge selbst tun, die du darin siehst.“

Also stimme ich diesen Frauen absolut zu, die sagen, dass Pornographie ein Alptraum ist, wenn du in der Prostitution bist, dann wir sehen das die ganze Zeit. Eine durchschnittliche Prostitutionsbegegnung heute ist direkt aus einem Porno übernommen. Wenn du all diese Dinge tun willst, die du da siehst, wohin gehst du dann? Doch zu denen, die es sich nicht leisten können, nein zu sagen. Denn eine andere Frau kann ja sagen, sie kann aber auch nein sagen. Das Problem in der Prostitution ist, dass wir Tausende von Frauen haben, die nicht nein sagen können. Sie dürfen das nicht, weil sie überleben müssen, sie Verantwortung für ihre Familie haben.

In Bezug auf die Pornographie sind wir noch ganz am Anfang und ich muss leider sagen, dass ich eine rabenschwarze Zukunft für uns sehe, weil die Generation, die mit Hardcore-Filmen auf ihren Handys aufgewachsen ist, jetzt erwachsen wird, und ich denke, diese pornifizierte Generation wird eine Menge schlechter Dinge hervorbringen.

Sonntag, 13. Mai 2018

Schweden: Polizist wegen Prostitutionsnutzung suspendiert

By Riggwelter [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], from Wikimedia Commons
Fast 20 Jahre nach Einführung der Freierbestrafung gibt es auch in Schweden immer noch Männer, die glauben, dass sie ungestraft Prostitution nutzen können, man werde sie schon nicht erwischen.
In der Vergangenheit haben sich in dieser Frage bereits Staatsanwälte und Fussball-Nationlatorhüter schwer getäuscht. Gegenüber des Verlustes des Jobs und der gesellschaftlichen Ächtung des unethischen Verhaltens ist das (zu geringe) Bußgeld wohl eher das kleinere Problem.

Aktuell hat es einen Polizisten aus Umeå erwischt. Wie die Zeitung Aftonbladet berichtet, soll der 30-Jährige im Oktober 2017 Escort-Prostitution genutzt haben. Die 25 Jahre alte Frau fand er über ein bekanntes Internet Forum (den viel beschworenen Prostitutions-Untergrund in Schweden findet man nämlich dort). Die gefundenen Beweise - eine Verabredung via einer Konversation auf seinem Handy - erklärt der Mann damit, dass er das Handy seinem Bruder geliehen habe. Dumm für ihn, dass die Frau ihn an den Tattoos eindeutig identifizieren konnte und auch eine zeitlich und vom Betrag her passende Bank-Abhebung von 3000 SEK (knapp 300 Euro) gegen seine Version spricht.

Sollte der Polizist für den Sexkauf bestraft werden, wonach derzeit alles aussieht, dann wird ihn das vermutlich seinen Job kosten. Eine Entscheidung ist auf den 29. Mai terminiert. Es ist sehr konsequent und spricht für die schwedische Polizei, wenn sie mit einer Null-Toleranz-Linie in den eigenen Reihen agiert.

Und in Deutschland? Hier ist es nach wie vor kein Problem, wenn Polizisten Freier oder gar Zuhälter sind, indem sie zum Beispiel ein Bordell betreiben oder Frauen das Prostitutionsgeschäft "erklären" und "ihren Anteil" abzwacken. Mir ist ein Fall eines Polizisten bekannt, der im Streifenwagen vorfuhr um die Tagesmiete einzukassieren. Was wir uns für sie wünschen ist nicht weniger als schwedische Gardinen.

Donnerstag, 3. November 2016

Gemeinsame Eingabe an UN Frauen durch Abolition 2014, Kofra und die Initiative Stop Sexkauf.


UN Frauen arbeitet an einer gemeinsamen Position zum Thema Prostitution. In diesem Zusammenhang erging weltweit ein Aufruf, Stellungnahmen einzureichen.

Hier unsere gemeinsame Eingabe mit Kofra (München) und dem Bündnis Stop Sexkauf. 


Deutsche Übersetzung des Aufrufs auf banishea







Kofra – Kommunikationszentrum für Frauen ist eine Anlaufstelle für Frauen. Stop Sexkauf und Abolition 2014 sind säkular und feministisch und fordern die Abschaffung der Prostitution über die sinnvolle Unterstützung der Frauen in der Prostitution und die Bestrafung der Käufer, da sie diejenigen sind, die diese Industrie erhalten. Deutschland ist zu einem Paradebeispiel für die Umsetzung der Forderungen der Sexindustrie geworden – während einige Kommunen sich einige Regulierungen vorbehielten, entschieden sich Städte wie Berlin für die vollständige Entkriminalisierung – und bietet einen düsteren Ausblick auf die Zukunft einer ungehinderten Sexindustrie.

Samstag, 5. September 2015

Entkriminalisierung, Regulierung … die Debatten. Oder: Was die "Entkriminalisierung aller Aspekte" (Amnesty) bedeutet.

Fußschellen
CC BY-SA 3.0
Wikimedia Commons
Im Zusammenhang mit dem sehr umstrittenen Entschluss seitens Amnesty Internationals vom 11. August 2015, die Entkriminalisierung zahlreicher Aspekte der Prostitution zu fordern bzw. die "full decriminalization of all aspects of consensual sex work", sehen wir wieder Artikel, die das hohe Lied einer von rechtlichen Beschränkungen weitgehend befreiten „Sexarbeit“ singen und die dabei die angebliche Sicherheit und die angeblichen Chancen der Frauen, Menschen in der Prostitution ins Feld führen, eine Sicherheit, die ausgerechnet in einem Wegfall von Bestimmungen zum Thema liegen soll.

Deutschland experimentiert seit 2002 in den verschiedenen Städten mit verschiedenen Modellen der Legalisierung (Reglementierung) und völligen Entkriminalisierung des Prostitutionsgewerbes. Keiner der Ansätze hat die Situation derjenigen in der Prostitution, überwiegend Frauen, verbessert, im Gegenteil. Entstigmatisiert wurden nur Freier und Bordellbetreibende, die wirtschaftliche Situation der Frauen selbst hat sich verschlechtert und sie haben kaum Möglichkeiten, irgendwelche Rechte einzuklagen, da fast alle Praktiken innerhalb des riesigen Geschäfts Prostitution mit entkriminalisiert wurden. Dies gilt schon für Zuhälterei und betrifft z.T. sogar Menschenhandel (bei über 21-Jährigen), die beide nur noch dann als strafbar gelten, wenn "Ausbeutung" vorliegt; alles andere wurde in Zuge des Gesetzes von 2002 entkriminalisiert.


Samstag, 23. August 2014

Prostitution und Abolition – (M)eine Historie und ein Standpunkt



Aksel Waldemar Johannessen -
Forced into Prostitution
[Public Domain, Wiki Commons]
Vor einigen Jahren begann relativ unvorhergesehen meine “feministische Sozialisation”. Ich las “Mädchenmannschaft”, zahlreiche Blogs von feministischen Einzelpersonen, abonnierte die Zeitschriften “Missy Magazin”, “an.schläge” und “Wir Frauen”, kaufte den Unrast-und den Orlanda-Verlag leer und eignete mir sukzessive Wissen an.

In meiner Familie spielten Frauenthemen und Feminismus keine oder eine sehr untergeordnete Rolle. Ganz im Gegenteil wurde ich sehr geschlechtsspezifisch sozialisiert, meine Familie hielt trotz aller Bemühungen an alten und tradierten Rollenbildern fest und war insgesamt sehr konservativ. Wir Mädchen mussten putzen, die Jungs mussten das nicht. Uns Mädchen wurde bestenfalls ein Job in der Care-Arbeit1 zugetraut, die Jungs wurden schon früh auf Wissenschaftswettbewerben für Jugendliche und auf dem Gymnasium gesehen. Mein Großvater war strikter Gegner der gesetzlichen Änderung, dass Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde und propagierte dies entsprechend, meine Mutter übernahm diese Haltung und negierte, dass Vergewaltigungen in der Ehe überhaupt stattfinden. Zugang zu einer akademischen Laufbahn für mich: diese Möglichkeit fand niemals Erwähnung.


Es ist wichtig für mich, diesen Hintergrund zu erwähnen, weil er deutlich macht, dass das feministische Netz und diese “jungen” Medien mein Nährboden waren und ich als sozusagen Spät-Feministin keineswegs selbstverständlich (durch Familie/soziales Umfeld und/oder anderweitiges Empowerment) in diesen Themenkomplex reinwuchs und ganz im Gegenteil viel Auseinandersetzung und Aneignung von Wissen über feministische Bewegungen und Kämpfe nachholen musste.

Zur “EMMA” hatte ich kein Verhältnis (erst vor einigen Wochen habe ich mir mein erstes Exemplar als eMagazin gekauft). Das liegt einerseits daran, dass die “EMMA” und Alice Schwarzer in der feministischen Netz-Community weitgehend als “Geht-Garnicht-Feminismus” gehandelt werden (und ich das unkritisch übernommen habe), andererseits aber auch daran, dass ich mit einem Teil ihrer Herangehensweisen an bestimmte Themenschwerpunkte nicht d’accord gehe. Es spielt in diesem Artikel keine Rolle, worum es dabei geht.

Montag, 18. August 2014

Und ... Action!

Feminism is spoken here
gaelx -Feminism is spoken here (Flickr)
(CC BY-SA 2.0)

Können wir jetzt endlich mit der restlichen Arbeit anfangen, oder wie?

Pressemitteilung der norwegischen Gruppe Kvinnefronten zur Evaluation des norwegischen Sexkaufverbots, übersetzt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Das Recht, über den eigenen Körper zu entscheiden, ist ein Menschenrecht. Aber das Recht, über den eigenen Körper zu entscheiden, existiert nicht, wenn ein kollektives „Wir“ nicht fähig ist, auf die Strukturen in der Gesellschaft hinzuweisen, die Bedürfnisse Einzelner über die Schwächsten stellt, die ein Recht auf Schutz haben. Es ist unsere Verantwortung, die Welt als Ganzes zu sehen und nicht Individuen heraus zu greifen, die die Ausnahme zu den herrschenden Strukturen repräsentieren. Daher begrüßt die norwegische Frauenbewegung ausdrücklich die am Montag herausgegebene Evaluation des Gesetzes zum Sexkaufverbot. Die Evaluation sieht den Rückgang im Prostitutionsmarkt um etwa 25%, ohne das Sexkaufverbot wäre dieser Markt nach Schätzungen um 45% im Verhältnis zur heutigen Situation gestiegen. Darüber hinaus kommt die Evaluation zu dem Schluss, dass das Gesetz wichtige Pull-Faktoren, also Anziehungskräfte, beeinflusst hat und daher wahrscheinlich das Ausmaß des Menschenhandels nach Norwegen reduziert hat. Die Polizei in Bergen geht davon aus, dass das Sexkaufverbot die beste Waffe gegen Menschenhandel ist. Die Osloer Polizei berichtet, dass ihr noch nie ein Käufer begegnet ist, der zugegeben hat, dass ihm klar war, dass er den Sex von Menschenhandelsopfern gekauft hat. Keine der Polizeistationen berichtet, der Markt sei „in den Untergrund“ gegangen.

"Prostituierte müssen für die Kunden sichtbar sein. Die Annahme eines Untergrunds ist daher falsch."

 

Nun, einige Tage später, sieht es so aus, als würde die „Venstre“ Partei (liberale Partei) schwanken. Wir sind nicht sicher, was die beiden Regierungsparteien (die Konservativen und die Fortschrittspartei) in der Koalition vorhaben. Das einzige, das ich dazu finden konnte, war das Statement des Pressesprechers der Fortschrittspartei bei der Präsentation der Evaluation. Der Link zu dem Video wurde entfernt, aber es war in etwa dies: „Ja, es (das Gesetz) funktioniert, wenn damit gemeint ist, dass ein Marktrückgang gewünscht ist.“ Wirklich? Was würden wir denn sonst wollen? Meiner Ansicht nach wäre es sehr kurzsichtig seitens der Fortschrittspartei und der Konservativen, wenn sie sich jetzt für eine Lösung entscheiden, die ihnen noch einmal die letztjährige Demonstration zum 8. März auf den Hals hetzt. Wir haben dieses Sexkaufverbot in Norwegen erst seit fünf Jahren, so dass das Evaluationsteam nur eine dünne Ausgangslage hatte. Wenn daher diese Evaluation auch nur eine Tendenz in Richtung „funktionierendes“ Gesetz gezeigt hätte, so sollte doch dies allein schon für einen längeren Zeitraum mit diesem Gesetz ausreichen. Wenn jetzt, trotz dieser Ausgangslage, die Aussagen dazu so eindeutig sind, gehört schon eine ziemliche Portion Dummheit dazu, dies nicht wahrzunehmen. Es scheint, dass Teile der Konservativen Partei (darunter der Osloer Bürgermeister Fabian Stang) diesen Punkt bereits verstanden haben, und wir begrüßen Fabian Stang im Kreis derer, die das Gesetz beibehalten und weiterführen wollen.

Mittwoch, 13. August 2014

Wissenschaftliche Freiheit, Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst. Zur Prostitutionsdebatte.

Enlightenment Room, British Museum
mendhak- Enlightenment Room, British Museum,
(CC BY-SA 2.0)
Drei wichtige Freiheiten, Errungenschaften der Aufklärung. Nur sollten sie nicht verwechselt werden. Wissenschaftliche Freiheit zum Beispiel bedeutet Freiheit der Forschung, nicht Freiheit der Kreativität im Umgang mit Ergebnissen.

Unter „Debatte Prostitution“ erschien heute bei taz-online eine Replik auf einen prostitutionskritischen Artikel der Bloggerin und Journalistin Mira Sigel, die sich mit dem Thema bei der LINKEN auseinandersetzte. Diese Replik enthielt wieder bekannte Mythen und populäre Unwahrheiten.

Danke an die Mitstreiterin, die uns folgende Klarstellungen übermittelt hat.

Sonntag, 10. August 2014

Amnesty International und der Kampf für die Menschenrechte

– für das Recht, Sex zu verkaufen und zu kaufen.

 

 
Protestplakat gegen Amnesty International:
"Schützt den männlichen Orgasmus?!"

Original von Savy Boxer (@angryboxer bei Twitter), auf http://thinkoutsidetheboxer.wordpress.com/2014/07/21/amnesty-international-defend-les-droits-de-lhomme-celui-sacheter-du-sexe/. Vielen Dank!

Kürzlich erklärte Amnesty International in einem internen Dokument, das sehr schnell an die Öffentlichkeit gelangte, dass AI sich als Vertreter des Freierrechts auf Sexkauf versteht. Dabei handelt es sich keineswegs um einen harmlosen Entwurf. Es handelt sich um ein internes Grundsatzpapier, bei dem es darum geht, über die weltweite strategische Position Amnestys zum Thema Prostitution zu entscheiden.

Dies ist so ernst, dass der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter diese Politik ineinem offenen Brief verurteilte, da dieser Ansatz die jahrelangen Fortschritte im Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung zerstört, während sich Amnesty Schweden und Amnesty Australien [sowie Amnesty Israel] öffentlich von dieser Politik distanzierten.

Das Dokument erklärt unter anderem, dass jede Kriminalisierung von Freiern ein Angriff auf das Privatleben und die freien Entscheidungen des Einzelnen ist und vor allem erklärt es den Zugang zur Prostitution zum grundlegenden Menschenrecht.

Genau dies.

Dass Amnesty, eine anerkannte Organisation, die sich für die Rechte politischer Gefangener einsetzt, die gegen Zwangsehen, gegen Massenexekutionen und Ähnliches kämpft, jetzt für das Recht von Männern eintritt, sich ihnen unterlegene Menschen zu leisten, wirkt ekelhaft, eiskalt und unverständlich. In Frankreich, wo sich der Senat gerade weigert, die Kriminalisierung von Freiern zu bestätigen, ist es entscheidend, diese Empfehlungen zu analysieren und die Auswirkungen einer solchen Politik zu verstehen, vor allem wenn sie von einer Organisation mit einer solchen Reichweite vertreten werden, die Vertrauen und Bewunderung erweckt.

Ob nun aus abolitionistischer, prohibitionistischer oder legalisierender Sicht – ob wir die Kriminalisierung des Sexkaufs wollen, ein völliges Verbot der Prostitution oder ihre Legalisierung … ob nun das Recht auf freie Entscheidung zur Prostitution verteidigt verteidgt wird durch die Weigerung, die prostituierten Menschen zu „viktimisieren“ – können wir es hinnehmen, dass eine so anerkannte Organisation das „Recht“ der Freier und der Zuhälter verteidigt?

12 Punkte zeigen uns, dass:
  1. Amnesty bewusst die völlig verschiedenen Interessen der prostiuierten Frauen und der Freier vermischt,
  2. Amnesty den Umfang des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung verleugnet,
  3. Amnesty Untersuchungen über Prostitution ignoriert um sie uns als freie, autonome und legitime Entscheidung aufzudrängen,
  4. Amnesty die Legalisierung befürwortet – obwohl sie Deutschland zum Bordel Europas gemacht hat,
  5. Amnesty findet, dass es die Übernahme eigener Verantwortung ist, wenn sich Menschen, die von 2,5 $ am Tag leben, für die Prostitution entscheiden,
  6. und 
  7. Amnesty uns die Sexarbeit als Lustparty verkauft,
  8. Amnesty alle Arten von Pornos im Namen der Meinungs- und Pressefreiheit als Kunst verteidigt,
  9. Amnesty Zuhälterei als eine Form der „Unterstützung“ verteidigt,
  10. Amnesty das Recht auf Prostitution als neues Menschenrecht darstellt,
  11. Amnesty über den Inhalt der von Amnesty zitierten internationalen Texte und Verträge lügt,
  12. Amnesty uns daran erinnert, dass – #notallmen – nicht verallgemeinert werden darf.
Wollen Sie (abschließend) eventuell wissen, warum Amnesty diese Politik verfolgt? Eine mehr als überraschende Antwort …