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Donnerstag, 17. Juli 2014

“Mit Vollendung?”

Telefon Tel Aviv
Niccolò Caranti - Telefon Tel Aviv (Flickr)
[CC BY-NC 2.0]
Wie Politiker in das Geschäft mit Frauenhandel verquickt sind, zeigt der dritte und letzte Artikel Florian Klenks zu den Telefonprotokollen der Menschenhändler.
Politiker, die offiziell für Frauenschutz eintreten und inoffiziell Minderjährige "bestellen", geringe Strafen für Menschenhändler, wiedereröffnete "Escort-Agenturen" durch ebendiese: die Frage bleibt, ob überhaupt ein politischer Wille da ist, die jungen Mädchen und Frauen vor diesen Gewaltverbrechen zu schützen. Denn die Situation, wie sie für Österreich dargestellt wird, ist auf Deutschland übertragbar. Verurteilte Menschenhändler können auch hier Bordelle betreiben. . Nur öffentlicher Druck kann Änderung in Gang bringen. Der Artikel erschien zuerst hier.

Die Callgirlaffäre erreicht das Parlament. Der Sprecher von Andreas Khol outet sich. Er habe die Mädchenhändler nur "zur Recherche" kontaktiert. Telefonprotokolle lassen Zweifel an dieser Version aufkommen.


Für die ÖVP ist Gerhard Roder ein “Mann mit Erfahrung im Politik- und Medienbereich”. Vor drei Jahren kandidierte er für den niederösterreichischen Landtag. Sein Spezialgebiet: “Frauenschutz”. Im September 2003, Roder war zum persönlichen Pressesprecher von Nationalratspräsident Andreas Khol avanciert, gründete er eine Bürgerinitiative gegen Kindesmissbrauch. Medienwirksam überreichte Roder seinem Chef 40.000 Unterschriften und bat den Nationalrat im Namen der Unterzeichner um härtere Strafen für Sexualverbrecher. Der Strafrahmen für Sexualdelikte und sexuelle Ausbeutung sollte verdoppelt werden. Täter sollten erst dann freikommen, “wenn Gutachter garantieren, dass die Täter vollständig geheilt sind”. Roder erkannte damals: “Kriminelle Banden verdienen Millionen mit ihrem schmutzigen Geschäft.”

Im Jahr 2004 ermittelten Schwechater Kriminalisten der Gruppe Menschenhandel genau gegen so eine “kriminelle Bande”. Die Fahnder überwachten die Telefonate eines nobel auftretenden Wiener Escortservice, dessen Betreiber später wegen sexueller Ausbeutung Minderjähriger zu dreißig Monaten Haft verurteilt wurden (der Falter berichtete). Die Täter, so stellte das Landesgericht Korneuburg rechtskräftig fest, lieferten auch Minderjährige an betuchte Kunden und drohten, unwilligen Mädchen die Beine zu brechen. Ein Mitglied der Bande wurde wegen des Besitzes von Kinderpornos verurteilt.

Im Zuge des Lauschangriffs auf den Callgirlring hörte die Polizei nicht nur interessierte Anwälte, Diplomaten und Manager ab, sondern auch einen Anrufer aus der Parlamentsdirektion. Der Anrufer wurde als “männliche Person, unbekannt” geführt. Seit der Falter von diesem Telefonat berichtete, rätselt das Publikum über die Identität des “Freiers aus dem Parlament” (ORF). In einer ersten öffentlichen Stellungnahme gab sich die Parlamentsdirektion ahnungslos. Es sei bei Tausenden Telefonklappen unmöglich, den Anrufer zu identifizieren.

Am Montag – nach einem Gespräch mit dem Falter – trat dann der “Unbekannte” die Flucht nach vorne an und übermittelte eine Sachverhaltsdarstellung ans Justizministerium und an die Austria Presse Agentur.

Der Parlamentsmitarbeiter, den die Polizei belauschte, ist ausgerechnet Khols Pressesprecher Gerhard Roder. Er arbeitet heute in der Presseabteilung der ÖVP. Am Montag wurde er von dieser Funktion suspendiert.

Wie rechtfertigt Roder seinen Anruf bei den Frauenhändlern? Er habe in den letzten drei Jahren nur “in Sachen Kinderhandel recherchiert” und ermittelt, ob auch Kinder für Sex angeboten würden. Die Frauenhändler hätten aber bei der Frage “den Hörer aufgeknallt”.

In dem – im Gerichtsverfahren öffentlich verlesenen – Telefonprotokoll (das dem Falter vorliegt) ist davon nichts zu lesen.

Die Fakten laut Gerichtsakte:


Dienstag, 15. Juli 2014

„Ich speib mich an“

Altes Telefon OB 05
André Zehetbauer - Altes Telefon OB 05 (Flickr)
[CC BY-SA 2.0]
Hier nun der zweite in der 3er-Reihe der Artikel von Florian Klenk zu abgehörten Telefonaten von Menschenhändlern, die wir veröffentlichen dürfen (ursprünglich im Jahre 2005 hier erschienen). In erster Linie sind es eigentlich Mädchenhändler. Aber wie in diesem Protokoll zu lesen ist, war auch ein Junge darunter. Man beachte das ungewohnte Mitleid, das dieser beim "Händler" erweckt.

Weitere Abhörprotokolle eines noblen Wiener Escortservice im O-Ton. Wie sich Mädchenhändler, Lieferanten, Opfer und ihre vornehme Kundschaft am Telefon unterhalten – und wie die Justiz betuchte Freier schonte, obwohl sie ausdrücklich minderjährige Mädchen bestellten.

Vergangene Woche veröffentlichte der Falter Auszüge aus richterlichen Abhörprotokollen aus dem noblen Rotlichtmilieu. Ein exklusiver Wiener Escortservice belieferte reiche Kunden, darunter Manager, Diplomaten, Werbeleute und Anwälte mit litauischen Mädchen. Manche der Frauen waren minderjährig, einige wurden mit dem Umbringen und Verstümmeln bedroht.

Die Veröffentlichung der Dokumente zieht nun erste parlamentarische Reaktionen nach sich. Die Grünen sowie die SPÖ-Abgeordnete Bettina Stadlbauer bringen diese Woche parlamentarische Anfragen an Justiz- und Innenministerin ein. Stadlbauer will vor allem wissen, wieso ein prominenter US-Anwalt von den Behörden mit Samthandschuhen angefasst wurde. Die Staatsanwaltschaft Korneuburg hält in ihrer Anklage ausdrücklich fest, dass der US-Anwalt im Hotel Intercontinental mit einem 17-jährigen Mädchen beliefert wurde. Falls er vom jugendlichen Alter des Mädchens gewusst haben sollte, wäre das strafbar. Doch Polizei und Justiz gingen dieser Frage nicht nach. Die Behörden haben den Anwalt weder als Beschuldigten noch als Zeugen einvernommen. Die Rechtfertigung dafür: „Er war für uns nicht greifbar“, so der in der Sache ermittelnde Korneuburger Staatsanwalt Friedrich Köhl auf Anfrage.

Auch ein prominenter Wiener Anwalt wurde nicht einvernommen, obwohl sich nach dem Lauschangriff der Verdacht ergibt, dass er Staatsanwälte auf Prostituierte eingeladen haben könnte. Nachdem der Rechtsanwalt seine Bestellung aufgegeben hatte, sagt sein Frauenhändler am Telefon: „Die Anwälte ficken. Die Anwälte und die Staatsanwälte!“ Wenn der Anwalt wirklich Einladungen ausgesprochen haben soll, was hat er sich dann davon erwartet? Die Justiz zeigt sich auch hier merkwürdig ahnungslos: „Ich weiß gar nicht, dass ein Anwalt in den Akten vorkommt“, sagt Staatsanwalt Köhl.

Im Justizministerium wurde der Fall nun zur Chefsache erklärt. „Wir lassen uns jetzt den Akt kommen und werden da einmal ordentlich hineinstechen“, verspricht ein Vertrauter der Justizministerin. Durch eine Strafgesetznovelle sei doch Sex mit minderjährigen Prostituierten erst kürzlich unter Strafe gestellt worden, die Behörden müssten diese Gesetze ernst nehmen. Staatsanwalt Köhl sagt: „Wenn die Freier beteuern, vom jungen Alter nichts gewusst zu haben, müssen wir den Fall einstellen.“ Hat die Staatsanwaltschaft eine Beweiswürdigung vorgenommen, bevor sie noch die Beweise sammelte?

Dem Falter wurden vergangene Woche weitere Lauschprotokolle zugespielt, die hier im Originalton veröffentlicht werden. Die Veröffentlichung solcher Dokumente ist – solange die Anonymität der überwachten Personen geschützt wird – rechtlich zulässig. Die Protokolle waren auch Teil eines öffentlichen Gerichtsverfahrens. Die Dialoge geben Einblick, wie Wiens gehobene Gesellschaft von der sexuellen Ausbeutung litauischer Schülerinnen profitierte.

Freitag, 11. Juli 2014

"Einfach hinklatschen"

Abhörstation Teufelsberg
abbilder - Abhörstation Teufelsberg (Flickr)
[CC BY 2.0]
Wir veröffentlichen in den nächsten Tagen drei Artikel über abgehörte Telefonate von Menschenhändlern. Veröffentlicht wurden sie von Florian Klenk im Jahr 2005 im Wiener "Falter". Freundlicherweise hat er uns das Crossposting genehmigt. Dieser Artikel erschien zuerst hier.

Erst drohen sie, ihnen die Beine zu brechen, dann vermitteln sie minderjährige Mädchen als "Penthouse Pets" an Staranwälte, Manager und Diplomaten. Ein Lauschangriff auf eine noble Wiener Begleitagentur zeigt, wie osteuropäische Mädchen in die Betten betuchter Herren geliefert werden.


Der prominente US-Anwalt zum Beispiel. Beklagte tagsüber vor Journalisten und Politikern das Unrecht dieser Welt. Abends ließ er sich und seinem prominenten Mandanten ein paar Mädchen ins Intercontinental liefern. An die Zimmertür klopft Inga. Schülerin aus Litauen, 17 Jahre alt.

Oder der Mann von McKinsey. Er rief an, weil er eine „süße, kleine Stute“ suchte. Um „einfach Spaß zu haben und einfach mal hinzuklatschen“, wie er es nennt.

Ein Uniprofessor aus den USA meldete sich, weil er eine „Jungfrau“ in Anwesenheit ihrer Schwester „richtig durchficken“ wollte. 15 Jahre sollte sie alt sein. 4000 Euro würde er dafür bezahlen.

Ein Mitarbeiter der saudiarabischen Botschaft in Wien begehrte eine 19-jährige Jungfrau zu „buchen“. „Die hab ich zum Versteigern unten“, bedauerte der Mann am anderen Ende der Leitung. Unten, in den Emiraten.

Ein Geschäftsmann aus Paris erkundigt sich nach der kleinen Laura und erfährt: „Die hat einen Makel, das sage ich gleich dazu, sie hat noch bis September eine Zahnspange.“

Abends ein Anruf aus der Parlamentsdirektion: „Wie ist denn die Julia so vom Charakter? Macht sie auch Vollendung in den Mund?“

Ein PR-Berater aus der Innenstadt stellt sich am Telefon als „brutale Sau“ vor und will einem siebzehnjährigen „Ferkilein“ einmal alle „Löcher stopfen“. Bekommt er.

„Die freut sich, sie muss nämlich eine Meniskusoperation machen und braucht 500 Euro“, sagt der Frauenhändler.

„Oh je! Da muss sie aber viel pudern“, antwortet der Werbemann und sagt: „Ich hab schon einen Steifen.“

Ein prominenter Wiener Anwalt drängt: „Ich brauche drei Mädels. Zum Schmusen und Arschficken.“

Ein Mitarbeiter der „Begleitagentur“ freut sich später am Telefon übers gute Geschäft: „Ich bin ausgebucht heute. Die Anwälte ficken! Die Anwälte und die Staatsanwälte!“

Sein Gesprächspartner sagt: „Die hast du alle auf deiner Seite.“

Diese Gespräche wurden im Rahmen eines Lauschangriffes auf eine noble Wiener Begleitagentur geführt. Die Polizei zeichnete die Telefonate auf. Die Protokolle sind von öffentlichem Interesse – nicht deshalb, weil vornehme Männer Prostituierte in Anspruch nehmen. Sondern weil sie Einblick in die Abgründe eines Wiener Frauenhändlerringes geben. Sie zeigen die Nöte osteuropäischer Frauen, aber auch minderjähriger Schülerinnen, die auf der Webpage dieses Mariahilfer Callgirlrings als „genuine Fashion Models“, als „Penthouse Pets“ oder „Beauty Queens“ angeboten werden. Wiens „High Class Gentlemen“ konnten Minderjährige um ein paar hundert Euro buchen, von einem Chauffeur zustellen und nach einer Nacht wieder abholen lassen. Sie wussten offenbar auch von den Zwangslagen der Frauen. Der Lauschangriff auf die gehobene Wiener Rotlichtszene gab der Justiz Einblicke, wie Frauenhandel heute funktioniert. Betuchte „Kunden“ bestellen übers Internet, nach genau bestimmten Tarifen und „Aktionspreisen“. Sie dürfen Mädchen in bestimmter Kleidung und Unterwäsche ordern, sie legen am Telefon Wert darauf, dass sie nicht wie „billige Prostituierte erscheinen“ und dass sie „zu intelligenter Konversation fähig“ sind. Es werden Mädchen zugestellt, „die wirklich küssen“, und solche, die „das nicht so schmuddelig angehen, wie Billigrussinnen“. Der Markt habe sich verändert, sagt ein Wiener Frauenhändler, „nichts ist unmöglich. Das Internet beflügelt die Fantasie unserer Klienten, und wir erfüllen jeden Wunsch.“

Montag, 12. Mai 2014

Buchrezension: Sklavenmarkt Europa von Michael Jürgs


cover.do
Quelle: Randomhouse
Es ist ein Milliardengeschäft, das von der Globalisierung ebenso profitiert wie andere Geschäftsbereiche: Menschenhandel. Michael Jürgs hat sich auf die Fährten der Menschenhändler kreuz und quer durch Europa begeben, er hat EUROPOL und andere Ermittler bei ihrem Kampf gegen dieses Verbrechen begleitet und zeigt in seinem Buch “Sklavenmarkt Europa – das Milliardengeschäft mit der Ware Mensch”, dass der Kapitalismus eben vor nichts Halt macht, auch nicht davor Menschen zu Waren zu machen. Mehr als die Hälfte der Opfer von Menschenhandel werden zur Prostitution gezwungen – hier, mitten unter uns. Der andere Teil wird als Arbeitssklaven, Organspender oder von Pädophilen missbraucht.

Im ersten Kapitel “Rohstoff Mensch: Leidtragende” wirft Michael Jürgs einen Blick zurück in die Geschichte, als ehrbare Kaufleute und ganze Städte wie Liverpool reich wurden durch Sklavenhandel. Nicht nur die USA, alle Kolonialherren beteiligten sich am Geschäft mit den Sklaven, auch Brandenburg-Preußen. Ein bislang kaum beleuchtetes Feld ist die arabische Sklaverei.

Das zweite Kapitel “Global Player: Menschenhändler” beleuchtet die Gegenwart. Freihandelszonen gelten nicht nur für die legale Wirtschaft, sondern auch für den Menschenhandel, dem Trafficking in Human Beings, wie der internationale Polizeibegriff dafür lautet. Sklavenmärkte gehören keineswegs der Vergangenheit an, auch heute finden sie sich mitten in Europa.
"58 Prozent des im Menschenhandel erzielten Gewinns werden auf dem internationalen Sexmarkt erzielt. Dahinter rangieren Erlöse aus Zwangsarbeit, wozu auch wie Sklaven gehaltene Dienstboten gerechnet, mit 36 Prozent  seit der weltweiten Finanzkrise ab 2007/2008 hat sich deren Zahl verdoppelt – dann folgen fürs Betteln und für Diebstahl von ihren Sippschaften an Banden verkaufte Kinder für einen Marktanteil von 1,5 Prozent."
Die Ware Frau verspricht große Einnahmen. Europaweit werden damit jedes Jahr 12,7 Milliarden Euro erwirtschaftet. Die Herkunftsländer der Frauen sind die ärmsten Länder Europas, wie zum Beispiel Moldawien, wo ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung das Land verlassen hat.
"Die Mädchen werden rücksichtslos ausgebeutet, und falls sie sich wehren, falls sie mehr als die lächerlichen paar Euro verlangen, die ihnen vielleicht bleiben, so lange missbraucht, bis sie jeglichen Widerstand aufgeben. Sobald sie nach Einschätzung ihrer Besitzer im Bordellbetrieb verbraucht sind, per Flatrate nicht mehr an den Mann zu bringen, werden sie entweder auf die unterste Stufe des Sexmarktes abgeschoben, die Straßenstriche in einem der Länder, aus denen sie einst voller Hoffnung auf ein besseres Leben aufgeborchen sind. Oder aber in die Freiheit entlassen, die sie sich aber selten leisten können, weil sie von dem , was sie angeschafft haben, kaum etwas abbekommen haben."
Obwohl es zum Beispiel bei EUROPOL verschiedene Initiativen zur Bekämpfung des Menschenhandels gibt, sind doch die Ressourcen der Ermittler endlich – die der Menschenhändler hingegen unerschöpflich. Gleichzeitig hängt es oft noch am Informationsaustausch, an Übersetzern, an grenzübergreifenden Gesetzen, an der Korruption von Beamten vor Ort, die mit den Menschenhändlern gemeinsame Sache machen.
"Menschenhändler müssten wie internationale Terroristen bekämpft werden, mit allen erlaubten Mitteln, und angesichts der Not ihrer Opfer manchmal wohl auch mit den unerlaubten."
Die Methoden der Menschenhändler sind unterschiedlich, sie arbeiten mit Gewalt, mit Tarnfirmen, sie haben Folterspezialisten, die die Mädchen auf dem Weg in ihre Zielländer gefügig machen. Seit 2009 sind die Ermittlungen von EUROPOL im Bereich Zwangsprostitution um das Achtfache gestiegen.