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Mittwoch, 12. August 2015

Wie könnt ihr noch in den Spiegel sehen?


Lizenz: CC0 Public Domain
gefunden bei Pixabay
Amnesty International hat sich gestern, den 11. August 2015 mit einem Papier im besten Lobby-Stil für die vollständige Entkriminalisierung der Prostitution ausgesprochen, d. h. dass sich AI zukünftig auch für die Entkriminalisierung der Profiteure, Bordellbesitzer und Zuhälter sowie die Prostituenten stark machen möchte.

Rebecca Mott ist Aktivistin, Abolitionistin, Prostitutionsüberlebende und Bloggerin. Auf ihrem Blog erschien einen Tag vor Amnesty Internationals offizieller Positionierung ihr Artikel "How Do You Look In The Mirror?", den wir mit ihrer freundlichen Zustimmung ins Deutsche übertragen haben.


Ich habe eine Pause gemacht vom Schreiben und Arbeiten, um mir ein bisschen Zeit zum Ausspannen zu nehmen und darüber nachzudenken, welche und wieviele Veränderungen dieser Blog mir gebracht hat.

Aber darüber kann ich ein anderes Mal schreiben. Ich komme zurück auf die heilige Kuh der linksgerichten Menschenrechte – Amnesty International –, die die prostituierte Klasse ins Meer kippt.

Ich persönlich würde mir nichts mehr wünschen, als dass alle weiblichen Mitgliederinnen AI boykottieren, aus Solidarität mit ihren prostuierten Schwestern – aber das wird wohl nicht passieren.

Ich träume trotzdem weiter.

Ich wäre ein überzeugtes Mitglied von AI, wenn sie sich nicht erlaubt hätten, ihr Richtlinienpapier zu Prostitution von Zuhältern schreiben zu lassen, um damit der Sexhandels-Lobby volle Rückendeckung zu geben.

Ist die prostituierte Klasse nicht genug Mensch für das Recht auf alle Menschenrechte?

Sind die Ständer der Prostituenten wichtiger als die Lebensbedingungen prostituierter?

Wird AI von der Lobby der Sexhandels-Industrie dafür bezahlt, Lügen und Ängste zu verbreiten, um Abolitionistinnen zu silencen?

Mich als Ausgestiegene bringt das in Verzweiflung und maßlose Wut, weil die „Menschenrechte“ von Prostituenten und der Sexhandels-Profiteure von AI geschützt werden sollen und die  prostituierten als un(ter)menschliche Sexgüter ohne Menschenrechte zurückgelassen werden.

Montag, 22. Juni 2015

Vielleicht wache ich bald auf

at sunset
Picture Credits: majownik (Flickr)
(CC BY 2.0)
Rebecca Mott ist Aktivistin, Abolitionistin, Prostitutionsüberlebende und Bloggerin. Auf ihrem Blog erschien am 17. Juni 2015 ihr Artikel "Maybe I Will Wake Up Soon", den wir mit ihrer freundlichen Zustimmung ins Deutsche übertragen haben.
Ich war neulich als Touristin in Stockholm und habe mich mit Abolitionistinnen getroffen.

Ich versuche immer noch zu begreifen, ob es real wahr war und ob ich nicht irgendwann aus einem Traum aufwache und feststelle, dass alle Länder dieser Erde das Mindestmögliche dafür tun, prostituierte Menschen als vollwertige Menschen anzuerkennen.

Ich weiß, ich müsste zufrieden sein – ich müsste mit dem Gefühl der Befreiung umgehen können – ich müsste in der Lage sein zu wissen, dass es einen Sinn ergibt, dass Schweden und andere Länder schlussendlich sagen, dass Männer für die Zerstörung der prostituierten Klasse zur Verantwortung gezogen werden.

Ich kann über meinen Trip nach Stockholm schreiben und sagen: Es war surreal für mich und es hat Schmerzen aus der Magengrube hervorgeholt und Körpererinnerungen bis auf ein unerträgliches Maß anschwellen lassen.

Ich muss sagen, es hat viele Suizidgedanken angetriggert. Gefühle wie, dass mein Selbst wenig oder garnichts bedeutet, weil andere Abolitionistinnen mental stärker sind als ich.

Ich werde mich niemals umbringen – aber ich habe immer diesen Schatten, der mir damit folgt, dass ich bedeutungslos bin.

Freitag, 27. März 2015

Wie kommt's, dass du noch nicht tot bist?

Memories
"Memories" by broombesoom (Flickr)
Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0
Dieser Beitrag ist eine deutsch-sprachige Übersetzung des Artikels How Come You Ain’t Dead? von Rebecca Mott. Rebecca ist Prostitutions-Überlebende, Aktivistin, Abolitionistin und Bloggerin.

Meine Vergangenheit ist zersplittert, meine Vergangenheit besteht aus Löchern.

Wenn ich die vielen Jahre, die ich prostituiert wurde, streife, bleibt nur ein stiller Schrei des Schmerzes zurück.

Ich weiß, dass die Prostitution mir meine Jugend zerstört hat und meine 20er zu einem Grab gemacht hat.

Jetzt bin dabei, in meine 50er zu kommen und ich habe endlich gelernt zu akzeptieren, dass es immer große Strecken meines Lebens geben wird, die ich niemals kennen oder verstehen werde.

Was schmerzt, ist, dass die schönen Teile meiner Vergangenheit ebenfalls ausgelöscht sind, ich kann so tun, als ob ich mich erinnere, wenn ich von Leuten, die da sind, umgeben bin.

Aber Erinnern ist ein Akt, und zu oft stolpere ich über bekannte Details.

Ich möchte ein Hirn schaffen, das die Hölle der Prostitution so schmälert, dass es dafür reicht, zu wissen, was schlimm war, aber dass es nicht Tag für Tag in mein Leben eingreift - sodass Platz für schöne Erinnerungen bleibt.

Aber das ist keine Realität, das ist ein Traum.

Stattdessen hängt mein Hirn am Grauen fest, an dem Gefühl leer und verloren zu sein; der physische Schmerz, das war die Welt, aus der Prostitution gemacht ist.

Es sind keine eindeutigen Erinnerungen – keine schlüssigen Geschichten, an denen eine festhalten kann und die eine aussprechen kann, es gibt kein richtiges Gefühl von Raum und Zeit.

Ich erinnere viele Vergewaltigungen als eine Vergewaltigung.

An den Freiern sehe ich keine Gesichter, nur eine Art Hohlraum nicht endender Vergewaltigungen, endloses Einschlagen auf meinen Körper und meine Seele.

Ich erinnere meinen Körper, wie er nicht entrinnen kann – kein Teil meines Körpers war nicht durch Freier verseucht.

In meinen Ohren war eingepflanztes Sperma, meine Ohren wurden geschlagen, wenn ich mich angemessen entkleidet hatte.

Mein Kopf schmerzte permanent, weil ich versuchte, diese ganze Realität abzublocken.

Mein Mund und mein Rachen verlernten, wie man isst, weil mich der Geschmack von Hass erstickt hatte.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Tanja Rahm über Gewalt, Traumata und Dissoziation in der Prostitution

Tanja Rahm
Rede von Tanja Rahm auf dem Kongress Stop Sexkauf, 4. bis 6. Dezember 2014 in München, Rede im Workshop "Traumata und Prostitution: Erfahrungen und Forderungen".

Vor 10 Jahren wurde ich aus Frustration Therapeutin. Diese Frustration rührte aus meiner eigenen Erfahrung mit einer Psychologin, zu der ich ging nach einem zweiten sexuellen Übergriff, als ich 12 Jahre alt war. Diese Psychologin hatte keine Ahnung, was ich durchmachte. Diese Frau hatte an der Universität studiert. Sie hatte eine mindestens 7-jährige Ausbildung hinter sich. Und trotzdem hatte sie keine Ahnung, wie sie einem 12-jährigen Mädchen, welches von einem Mann in einem Hauseingang sexueller Gewalt ausgesetzt worden war, helfen konnte. Sie konnte mir fast nicht in die Augen sehen. Ich erinnere mich, dass ich da in ihrem Sofa saß, während sie sich Notizen machte. Ich fühlte mich unwohl dabei, so analysiert zu werden, um in das Schema zu passen, in welches ihre Ausbildung sie gelehrt hatte, mich hineinzupressen. Ich war nur ein paar Mal dort, denn es war eine Verschwendung des Geldes meiner Mutter. - Wenn es ihr gelungen wäre, mir zu helfen, dann hätte mein Leben anders verlaufen können.

Stattdessen wurde ich mit 16 Jahren in die Psychiatrie eingewiesen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits 3 Selbstmordversuche hinter mir. Nicht einmal die ÄrztInnen oder PsychiaterInnen waren in der Lage, mir zu helfen - alles was sie taten, war zu prüfen, ob sie mich in ihr akademisches Schema einordnen konnten.

Nach zahlreichen sexuellen Übergriffen kontaktiere ich einen Fotografen, als ich 17 Jahre alt war. Ich wurde ein Nacktmodel, bis er mich im Wald sexuell belästigte. Als ich anfing zu weinen, sagte er mir, dass ich nutzlos und weichlich sei und dass er mich nicht mehr als Model gebrauchen könne.

Das ist es, was die "Groomer" machen. Das ist jetzt nichts Neues. Aber: Was hätte diese Psychologin tun können, womit sie mich dazu bringt, mir selbst zu vertrauen? Was hätte sie tun können, um mir beizubringen, dass ich das Recht habe, nicht als Sexobjekt angesehen zu werden? Wie hätte sie mir beibringen können, meine eigenen Grenzen zu setzen?

Was wäre passiert, wenn diese Psychologin in ihrer Jacke auf mich gewartet hätte, um mir zu sagen, dass wir spazieren gehen? Was wäre passiert, wenn sie von ihren Schemata und Notizen aufgesehen hätte und mich gesehen hätte? Was wäre passiert, wenn sie sich einfach ganz normal mit mir unterhalten hätte, ohne jegliches akademisches Vokabular.

Dienstag, 9. Dezember 2014

Tanja Rahm: Wir wurden viel zu lange zum Schweigen gebracht

Tanja Rahm
Rede von Tanja Rahm auf dem Kongress Stop Sexkauf, 4. bis 6. Dezember 2014 in München, Rede im Workshop "Die Realität der Prostitution: Aussteigerinnen berichten"

In der erstem 6 Monaten in 2014 wurden 29 Menschen als Menschenhandelsopfer zur sexuellen Ausbeutung in Dänemark identifiziert. Und dennoch scheint sich niemand für die 70 nigerianischen Frauen, die die ganze Nacht in einer Kopenhagener Straße stehen, zu interessieren. Genauso wenig interessieren die osteuropäischen Frauen, die dort tagsüber stehen. Und das ist nur die eine Straße in Kopenhagen. Wir haben viele solcher Straßen in Dänemark und wir haben Innenprostitution. Ich denke, jede die heute hier ist, weiß, dass sehr viele dieser gehandelten Frauen auch in den Terminwohnungen, Häusern und Wohnwagen versteckt werden.

Es schockiert mich, dass sich niemand für diese Frauen zu interessieren scheint. Sie sind in ein fremdes Land gereist, vielleicht aus freien Stücken, vielleicht auch nicht. Sie sind da draußen auf den Straßen und werden von fremden Männern aufgegabelt, mit denen sie nicht kommunizieren können. Sie fahren in dunkle Gassen und befriedigen Männer sexuell, die es nicht interessiert, ob diese Frauen in die Prostitution gezwungen wurden oder nicht. Frauen aus der ganzen Welt haben erzählt, dass sie Käufer um Hilfe gebeten haben, aber das hat diese nicht interessiert. In Dänemark interessiert es jeden siebten Sexkäufer nicht, ob die Frau, die er kauft, gehandelt wurde - Sie sagen es interessiert sie nicht, wer das Geld bekommt. Wenn sie da ist und er zahlt, dann ist es ihr Ding, was sie mit dem Geld tut. Diese Männer haben keinerlei Empathie.

Kein Mann hat mich jemals gefragt, ob ich aus freiem Willen in der Prostitution bin. Es hat sie überhaupt nicht interessiert. Sie zeigten ihre Begeisterung, wenn sie sahen, dass ich viel jünger als 20 Jahre aussah. Sie sagten: "Du siehst aus wie 17", und dann lächelten sie. Sie lächelten ... Selbst dann, wenn sie über 70 waren, besonders, wenn sie über 70 waren.

Manchmal erinnere ich mich selbst daran, wie viel Glück ich doch habe. Ich hatte die Möglichkeit, aus der Prostitution herauszukommen. Ich hatte eine Familie, die da war, um mir zu helfen. Ich sprach die Sprache und ich wusste, wohin ich gehen konnte, um Hilfe zu bekommen. Ich weiß, dass viele dieser Frauen in die Prostitution gezwungen werden durch Druck aus ihrer Familie, weil sie gehandelt werden, aufgrund von Armut oder weil man sie anlügt, wenn sie von einem besseren Leben in Europa oder Skandinavien träumen.

Ich weiß auch, dass manche Menschen sagen, dass es besser ist, wenn sie sich prostituieren, um ihre Kinder ernähren zu können. Dass Prostitution besser ist als Armut. Ich stimme dem nicht zu - Nicht weil ich finde, dass Menschen in Armut leben sollen, denn niemand sollte das. Aber nicht einmal Armut gibt Männern das Recht Frauen zu benutzen, arme und verzweifelte Frauen.

Montag, 8. Dezember 2014

Tanja Rahm: Solange Frauen in der Prostitution leiden, werde ich sprechen

Tanja Rahm
Rede von Tanja Rahm auf dem Kongress Stop Sexkauf, 4. bis 6. Dezember 2014 in München - Freitag

In diesem Jahr wurden in Dänemark mehr als 20 Frauen ermordet, von Männern, in vielen Fällen von ihrem Partner oder Ex-Partner. Nur drei Männer wurden von Frauen ermordet. 29.000 Frauen in Dänemark sind jedes Jahr geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt. 8.000 Männer erleben Gewalt, meistens durch andere Männer. Warum glauben Männer, sie können Menschen und insbesondere Frauen so behandeln?

Ich denke die australische Soziologin Raewyn Connell kann eine Antwort auf diese Frage liefern, lasst mich sie zitieren:
"In vielen Teilen dieser Welt glauben manche Menschen, dass sie Frauen, die von ihnen abhängig sind, besitzen - die sie wegwerfen können, wenn sie wollen, oder auch töten, wenn es sein muss."
Ich kenne eine Frau aus Dänemark, die in die Prostitution gezwungen wurde. Sie musste das ganze Geld ihrem Partner geben, der ihr nur einen kleinen Teil für Essen ließ. Er drohte ihr, dass sie ihre Kinder niemals wiedersehen würde, wenn sie sich nicht prostituieren würde.

Eine andere Frau musste aus ihrem Heimatland fliehen. Sie ging nach Dänemark, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie traf eine brasilianische Frau in Dänemark, die sagte sie würde ihr helfen, aber sie stattdessen in die Prostitution zwang.

Eine andere Frau entschloss sich selbst zur Prostitution. Ihr Vater hatte sie als Kind gefoltert, vergewaltigt und ihre Vagina und ihren Anus verletzt, indem er verschiedene Dinge in sie hinein steckte.

Eine andere dänische Frau wurde von ihrem Großvater vergewaltigt, als sie ein kleines Mädchen war. Als sie erwachsen war, ging sie in die Sexindustrie und wurde in Filmen, die sie nie wieder verschwinden lassen kann, benutzt und missbraucht.

Eine andere Frau hatte viele Jahre mit einem gewalttätigen Ehemann zusammengelebt. Als sie sich endlich von ihm trennte, brach sie zusammen. Sie war 50 Jahre, als sie in die Prostitution verwickelt wurde. Sie stand auf den Straßen und fühlte sich wertvoll, wenn Männer sie anderen Frauen auf der Straße vorzogen. Sie wurde mehrfach in den Autos der Sexkäufer vergewaltigt, aber dennoch war sie so gebrochen, dass sie dachte sie sei etwas wert, weil die Männer sie ausgewählt hatten.

Montag, 27. Oktober 2014

Rebecca Mott : Denkt immer daran, dass Freier niemals auch nur irgendeine Menschlichkeit der prostituierten Menschen sehen


Shero Rebecca Mott
Rebecca Mott ist eine Aussteigerin und Überlebende der Prostitution. Dies ist ihre Rede anlässlich der Gründung von End Demand. End demand for sexual exploitation – Beendet die Nachfrage nach sexueller Ausbeutung – ist eine neue Kampagne in Großbritannien, die sich für die Verabschiedung des Sex Buyer Law einsetzt, das den Verkauf von Sex entkriminalisiert, den Kauf von Sex unter Strafe stellt und das Unterstützungs- und Ausstiegshilfen bereitstellt.

«Es ist mir eine große Ehre, Teil dieser Gründung zu sein. Ich habe, wie die Mehrheit derjenigen, die aus der Prostitution ausgestiegen sind, diesen Traum gehabt, dass wir in einer Welt leben könnten, in der keine Form von Sexhandel existiert. Ich sehe die Beendigung und das Ansetzen an der Nachfrage nach Prostitution als einen unerlässlichen ersten Schritt zur Abolition.

Ich werde vom persönlichen Standpunkt aus sprechen, aber nur, damit es als Beispiel für die Schäden durch die Prostitution herangezogen wird, nur, um einige Mythen rund um Prostitution platzen zu lassen und nur in dem Bewusstsein, wie viel Glück ich hatte, den Sexhandel verlassen zu haben, ohne durch ihn zerstört worden zu sein. Ich spreche nicht um Mitleid zu bekommen oder um zu schockieren – ich spreche als Zeugin des täglichen Massenmordes an der prostituierten Klasse. Eine der Schädigungen, die ich habe – und viel zu viele, die aus der Prostitution ausgestiegen sind – ist die extremen Traumata, die wir erlitten haben und die uns gebrochene, fragmentierte Erinnerungen zurückgelassen haben. Das ist der Hauptgrund, warum ich nicht nur aus meiner persönlichen Perspektive sprechen kann und will – weil das Persönliche durch die Gewalt und den Hass, der Sexhandel genannt wird, zerstört wurde. Ich kann von den Augenblicken sprechen, an die ich mich erinnere – wissend, dass sich diese zu meinem Leben zwischen 14 und 27 summieren.

Ich kann über vielfache Vergewaltigungen sprechen, ich kann dazu sprechen, was es heißt, physische, psychische und sexuelle Folter zu kennen, ich kann zu den prostituierten Frauen und Mädchen sprechen, die um mich herum verschwunden sind. Aber ich kann nicht wissen, in welchem Alter ich war, wie viele Männer mich verbraucht haben, wo die Räume waren, in denen ich war. Alles, was ich weiß, ist, dass ich nur in der Indoor-Prostitution war, wie zum Beispiel Escorting, ein „Girlfriend-Material“ zu sein, in Clubs zu arbeiten – und nie Sicherheit, Würde und die Erinnerung daran, was es heißt ein vollwertiger Mensch zu sein, zu kennen.

Donnerstag, 11. September 2014

"Ich habe die Kraft des Abolitionismus gesehen"

Rachel Moran
Zunächst einmal möchte ich ein wenig darüber sprechen, was Radikaler Feminismus für mich bedeutet; im Kontext meiner aktivistischen Arbeit als Abolitionistin und auch, im gefühlsmäßigen Sinne als Sexhandels-Überlebende. Vor 3 Jahren, als ich anonyme Zeitungsartikel schrieb und unter dem Pseudonym FreeIrishWoman bloggte, bemerkte ich ziemlich schnell, dass meine Worte von einer bestimmten Gruppe Feministinnen geteilt und verbreitet wurden: Radikal-Feministinnen. Angesichts dessen, dass die Erinnerungen, die ich beschrieb, die Erfahrungen eines wohnungslosen, sozial verstoßenen prostituierten 15-jährigen Mädchens waren, hatte ich Unterstützung von der ganzen feministischen Community von überall her erwartet. Nun gut, ich war nicht ganz unwissend in Bezug auf die Spaltungen zwischen denen, die sich als Feministinnen bezeichnen, ansonsten wäre es vermutlich ein Schock gewesen zu erfahren, dass während meine Worte und Erfahrungen von Radikalen Feministinnen anerkannt und geteilt wurden, diese gleichzeitig von jenen lächerlich gemacht und permanent in ihrer Authentizität in Frage gestellt wurden, die sich selbst als Liberale Feministinnen verstehen.

Liberaler Feminismus - der behauptet, dass alles, was eine Frau tut, empowernd sein kann, solange sie es ohne ein Gewehr an ihrer Schläfe tut - hörte sich ohnehin für mich immer wie ein Haufen Mist an, sodass ich nicht sagen könnte, dass ich furchtbar enttäuscht gewesen wäre. Aber: Ich war verletzt und ich war vor allem sauer. Es ist sowohl verletzend als auch verärgernd für mich, von einer ganzen Truppe weißer, sozial privilegierter, junger Frauen in ihren 20ern da draußen zu wissen, die über Prostitution spricht, als wäre sie der Inbegriff weiblichen Empowerments. Dass sie zu dieser Einschätzung einer Erfahrung kommen, die sie selbst nie gemacht haben – während sie selbst natürlich Jahre in Bildung und Ausbildung verbrachten, in dem Bemühen, bloß nicht selbst zur sozialen Klasse jener zu gehören, die am meisten diese Erfahrung machen muss -; dass sie sie für harmlos erklärt, obwohl es diesen Tsunami an Beweisen gibt, der ihren Schaden bestätigt, das ist für mich die widerwärtigste Form von Heuchelei.

Sonntag, 24. August 2014

Manifest der Prostitutions- und Menschenhandelsüberlebenden

"Wer repräsentiert Frauen in der Prostitution", Pressekonferenz – Europäisches Parlament. 17. Oktober 2005


Wir, die Überlebenden von Prostitution und Menschenhandel, die heute zu dieser Konferenz zusammengekommen sind, erklären, dass Prostitution Gewalt gegen Frauen ist.

Frauen in der Prostitution wachen nicht eines Tages auf und „entscheiden sich“ Prostituierte zu sein. Es wird für uns entschieden durch Armut, erlebte sexuelle Gewalt in der Vergangenheit, durch Zuhälter, die unsere Gefährdungen ausnutzen, und durch die Männer, die uns für den Sex der Prostitution kaufen.

Prostitution ist sexuelle Ausbeutung, eine der schlimmsten Formen der Ungleichheit der Frau, und eine Verletzung der Menschenrechte.

Viele Frauen in der Prostitution wurden in der Prostitution schwer geschädigt, einige sind gestorben, und einige wurden von ihren Zuhältern oder Kunden ermordet.

Physische Gewalt, Vergewaltigung und Demütigung werden uns oft von Kunden, Zuhältern, Anwerbern, der Polizei oder anderen, die durch Prostitution einen Gewinn erzielen, zugefügt. Die Bevölkerung verurteilt uns entweder als „Huren“ oder denkt, wir verdienen eine Menge Geld.

Der Zustand von Frauen in der Prostitution wird verschlechtert durch Gesetze und Politiken, die uns als Kriminelle und als Abschaum der Gesellschaft behandeln, während Kunden, Zuhälter_Innen, Manager_Innen und Bordellbetreiber_Innen nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Unser Zustand wird ebenfalls verschlechtert durch die Vergabe von Lizenzen an Prostitutionsbetriebe und legalen Schutz für Zuhälter, Kunden und die Sexindustrie.

Die meisten Frauen werden in einem sehr frühen Alter in die Prostitution gezogen. Das weltweite Durchschnittseinstiegsalter liegt bei 13 Jahren.

Opfer von Prostitution und Menschenhandel haben kaum Möglichkeiten für einen Ausstieg. Programme, die Frauen in der Prostitution eine Alternative bieten, sind sehr rar.

Frauen in der Prostitution träumen von einem Leben frei von Unterdrückung, einem Leben, das sicher ist und einem Leben, in dem wir als Bürgerinnen partizipieren können, und in dem wir unsere Rechte als menschliche Wesen, nicht als „Sexarbeiterinnen“, ausüben können,

Wir, Überlebende aus Belgien, Dänemark, Korea, Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika, erklären:

  1. Prostitution muss beseitigt werden. Daher sollte sie nicht legalisiert oder gefördert werden.
  2. Gehandelte und prostituierte Frauen brauchen Unterstützungsangebote, die ihnen dabei helfen sich eine Zukunft außerhalb der Prostitution aufzubauen, dazu gehören rechtliche und finanzielle Amnestie, finanzielle Unterstützung, Praktika, Arbeit, Unterkunft, Gesundheitsversorgung, rechtliche Vertretung, Bleiberechte und kulturelle Mediator_Innen und Sprachschulung für Opfer des internationalen Menschenhandels.
  3. Frauen in der Prostitution brauchen Regierungen, die Menschenhändler_Innen, Zuhälter_Innen und Männer, die Frauen in der Prostitution kaufen, bestrafen und die Sicherheit und Schutz vor denen bieten, die ihnen schaden wollen.
  4. Hört endlich auf, Frauen festzunehmen und nehmt die Täter des Menschenhandels und der Prostitution fest.
  5. Stoppt die Polizeischikanen gegen die Frauen in der Prostitution und die Abschiebung gehandelter Frauen.
  6. Prostitution ist nicht „Sexarbeit“ und Menschenhandel ist nicht „Migration für Sexarbeit“. Regierungen sollten aufhören, die Sexindustrie zu legalisieren und zu entkriminalisieren und den Zuhältern und Käufern die Erlaubnis zur Ausnutzung der Frauen in der Prostitution zu geben.
Als Überlebende von Prostitution und Menschenhandel werden wir unsere vereinten Kräfte weiterhin stärker bündeln und unseren Zusammenschluss ausbauen, jede Frau beim Ausstieg aus der Prostitution unterstützen, und mit unseren Verbündeten zusammenarbeiten, um die Menschenrechte der Opfer von Menschenhandel und Prostitution voranzubringen.



Quelle: Coalition Against Trafficking in Women

Sonntag, 10. August 2014

Warum sich mir beim Artikel von Jim dem "John"* die Zehennägel hochrollen

CC BY-SA 3.0
Ralf Roletschek

[Wiki Commons]

Von Rachel Moran

Ich glaube kaum, dass ich jemandem etwas Neues beibringen würde, wenn ich diesen Artikel mit der Feststellung beginnen würde, dass Sucht zerstörerisch wirkt. Wir alle wissen das. Es ist allgemein anerkannt, dass die Sucht nach einer bestimmten Substanz oder einem bestimmten Verhalten zerstörerische Wirkungen auf den/die Süchtige_n, und diejenigen, mit denen er/sie in Kontakt kommt, hat.

Wegen des entmenschlichten Status von Frauen im Allgemeinen und prostituierten Frauen im Besonderen, wird dieses Wissen jedoch verdrängt, wenn es um sexsüchtige Männer und den Schaden geht, den sie prostituierten Frauen antun, die sie zur Befriedigung ihrer sexuellen Impulse benutzen, wie im Fall des Artikels von Jim Norton, einem bekennenden Sexsüchtigen und Käufer von Frauenkörpern.

Die meisten Männer, die Frauen prostituieren sind nicht sexsüchtig, aber sie teilen sicherlich die menschenverachtenden Ansichten Nortons. Als jemand, deren Körper über einen Zeitraum von sieben Jahren, von der Adoleszenz bis zum frühen Erwachsenenalter, von Männern wie Norton benutzt wurde, kann ich sagen, dass  ein erstaunlicher Anteil von Täuschung und Verleugnung die Gedanken und Einstellungen des durchschnittlichen "John"*, also Freiers, bestimmt; und dies passt zu der lässigen Frauenfeindlichkeit, die ihnen das Benutzen der Körper von Frauen und Mädchen möglich macht, die in erster Linie als Waren betrachtet werden. Dies wird an mehreren Stellen in Nortons Text deutlich, zum Beispiel in seiner Annahme, dass dort wo Prostitution legal ist, die Vergewaltigungsquote gegenüber der nichtprostituierten weiblichen Bevölkerung sinkt. Mal abgesehen davon, dass dies nicht belegt ist, selbst wenn es wahr wäre, würde dies ja bedeuten, dass prostituierte Frauen und Mädchen als menschliche Schutzschilde gegen Männer, die sexuell gewalttätig sind, eingesetzt werden.  Jeder, der nahe legt, es sollte eine Klasse von Frauen geben, die männliche sexuelle Aggression absorbieren, vertritt per definitionem eine frauenfeindliche Ansicht. Wo ist  die Forderung an Männer, damit aufzuhören Frauen zu vergewaltigen? Und WARUM geben wir uns damit zufrieden in einer Welt zu leben, wo stattdessen eine Klasse von Frauen dazu auserkoren wird, vergewaltigt zu werden?

Montag, 21. Juli 2014

Die Kunden abschaffen

Veröffentlicht am 17. Juli 2014 von Rosen Hicher
Übersetzt und veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung der Autorin

Rosen Hicher ist eine französische Prostitutionsüberlebende. Beim vorliegenden Text handelt es sich um eine Stellungnahme, die sie in der französischen Tageszeitung Libération veröffentlichen ließ, während eine Gruppe französischer Senatoren versucht, ein neues Gesetz zu Fall zu bringen, das auf dem Nordischen Modell beruht und “Sexkäufer” (zahlende Vergewaltiger) zur Verantwortung ziehen würde.

Zu dem Zeitpunkt, als der französische Senat die Kunden schützt (1), werde ich, ehemalige Prostituierte, Ihnen sagen, warum ich will, dass Frankreich alles tut, um denjenigen Männern Einhalt zu gebieten, die zwanzig Jahre lang mein Leben zerstört haben. Ich habe die Kraft gefunden, es auszurechnen. Hören Sie gut zu. Ich hatte in meiner Karriere als Prostituierte mehr als 30.000 Kunden, was im Durchschnitt vier am Tag entspricht.

Über 30.000 Mal Geschlechtsverkehr, von denen ich keines wollte, gegen die sich mein ganzer Körper verweigerte. 30.000 Mal das Gefühl, missachtet zu werden, zu einem Nichts reduziert zu werden, eine Robotterfrau zu sein. 30.000 Mal ließ ich diese gleichgültigen Männer über mich ergehen, die sich so gewiss waren, dass dies ihr gutes Recht sei – in irgendeiner Ecke einer Hotessenbar, in schmuddeligen Salons, umgeben vom Geruch von auf Bänken verschüttetem Champagner und kopflosem Sex.

Freitag, 6. Juni 2014

Eingabe einer australischen indigenen Frau für alle Frauen

Representative flag of Indigenous Australians
(gemeinfrei)

Indigene Völker gehören zu den ausgebeutetsten Völkern der Erde.


Aus diesem Grund gibt es viele Gruppen indigener Frauen, die sich entschieden gegen die Normalisierung und Verherrlichung der Prostitution wenden.

Wir bitten um Unterstützung folgender Petition:


Hier die deutsche Übersetzung.

Im Anschluss findet Ihr, finden Sie weitere Petitionen und Links zum Thema.

Liebe Schwestern, Überlebende und UnterstützerInnen,

ich spreche als Aussteigerin aus der Prostitution und als Enkelin einer Latje-Latje indigenen Frau in Australien. Wie viele von Euch bereits wissen, hat Amnesty International ein Themenpapier entworfen, das die völlige Entkriminalisierung der Prostitution vorschlägt. Amnesty International richtet sich damit aktiv gegen das Nordische Modell, das die Prostituierten vor Strafverfolgung schützt und das die Nachfrage senkt, und befürwortet statt dessen eine Vorgehensweise, die maßgeblich von den Interessen der Sexindustrie und eines bekannten Zuhälters bzw. Bordellbesitzers geleitet sind.

Indigene Völker sind die ausgebeutetsten Völker der Erde.

Die Richtlinie Amnesty Internationals zur Prostitution soll sicherstellen, dass der Kauf und Verkauf von (vor allem) Frauen als unausweichlich und als Beruf wie jeder andere angesehen wird. „Sex worker“ Verbände, die von sich behaupten, dass sie Prostituierten Frauen helfen, bewerben gezielt diese von Amnesty International eingeschlagene Richtung um sicherzustellen, dass auch sie von unserer Versklavung profitieren.

Viele von Euch haben Briefe als Überlebende der Prostitution und als Einzelne geschrieben oder mitunterzeichnet.

Diese Briefe sind unschätzbare Quellen und Unterstützung.

Hier in Australien hat eine kleine und entschiedene Gruppe die Amnesty Gruppen vor Ort gezielt angesprochen. Wir waren damit teilweise erfolgreich und zwei Amnesty Zweige unterstützen jetzt das Nordische Modell während sich einer für die Verschiebung der Entscheidung über die Richtlinie ausgesprochen hat, bis die Aussagen der Aussteigerinnen aus der Prostitution gehört wurden.

Wir werden dies bald der landesweiten Amnesty Versammlung vorlegen und bitten dazu um Eure Unterstützung.

Ich möchte einen Brief vorlegen, der von indigenen Frauen aus der ganzen Welt unterzeichnet wurde.

Prostitution ist nicht unausweichlich. Frauen sind keine Ware.

Ich bitte darum, dass Ihr Euren Name, als Überlebende oder Unterstützerin, unter meinem Namen unter den folgenden Brief setzt. Das landesweite Treffen in Australien wird vom 5.-6. Juli stattfinden, also haben wir nur noch wenig Zeit, um Unterschriften zu sammeln.

Mit aufrichtigem Respekt bitte ich Euch, uns in dieser bedeutenden Zeit des Wandels für Frauen zu Unterstützen.

In Solidarität und als Eure Schwester,

Simone Watson