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Mittwoch, 9. September 2015

Kajsa Ekis Ekman: EU-Projekt wurde von der Prostitutionslobby gekapert

Foto: Kajsa Ekis Ekman
Wir dokumentieren nachfolgend eine Übersetzung des Textes "EU-projekt kuppat av prostitutionslobbyn" von Kajsa Ekis Ekman mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Kajsa ist Journalistin, Autorin ("Being and being bought. Prostitution, Surrogacy and the Split Self") und Aktivistin aus Schweden.

Zuerst die gute Nachricht: Das schwedische Modell gewinnt an Boden. In den letzten Jahren haben Norwegen, Island, Kanada, Nordirland und Frankreich für Sexkaufverbote votiert und weitere Länder die Entscheidung getroffen, sich auf die Nachfrage zu fokussieren - das bedeutet, die Männer, die Sex kaufen, in die Verantwortung zu nehmen.

Im letzten Jahr hat das Europäische Parlament einen Bericht verabschiedet, der zu dem Ergebnis kam, dass das schwedische Modell am effektivsten gegen Menschenhandel wirkt und hat ein Forschungsprojekt für 2,5 Millionen ausgeschrieben, um die Nachfrage nach Prostitution zu untersuchen.

Das führte auch dazu, dass die ProstitutionsbefürworterInnen ihre Taktik geändert haben. Sie betreiben weniger sichtbare Agitation, schreiben weniger Blogs und zeigen weniger Präsenz in feministischen Kreisen und LBGT-Bewegungen. Dafür betreiben sie Lobbyismus in Institutionen, konzentrieren sich auf die EU, Regierungen und auf Organisationen wie Amnesty International oder die ILO. Außerdem gründen sie eigene Organisationen mit ähnlichen Namen wie Anti-Menschenhandelsorganisationen (zum Beispiel GAATW, eine Prostitutionslobbygruppe, die sich sechs Jahre nach CATW, einer feministischen Anti-Menschenhandelsorganisation, gründete).

Nun zu den schlechten Nachrichten: Genau eine solche Gruppe hat das EU-Projekt zur Nachfrage an Land gezogen. Das Projekt DemandAT erfüllt auf den ersten Blick die Kriterien: Es "wird die Nachfrage nach Menschenhandel untersuchen", sie schreiben, dass "den Käufern selbst bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde" und dass es die Absicht ist "eine gründliche empirische Analyse der Nachfrage nach Menschenhandel" vorzunehmen.

Schaut man sich die ForscherInnen näher an, deckt man etwas irgendwie Mysteriöses auf. Hier sitzen nämlich Europas größte LegalisierungsfürsprecherInnen aus der Sexindustrie. Zum Beispiel die niederländische Politikerin und Lobbyistin Marieke von Doorninck. Sie war bereits in fast allen Vorständen von niederländischen Sexindustrieorganisationen, darunter auch die bekannte De Graaf Stichting und gründete Organisationen, die sich selbst als "Gruppen für die Rechte von SexarbeiterInnen" ausgeben wie zum Beispiel ICRSE - natürlich ohne sich selbst jemals prostituiert zu. Außerdem eine Repräsentantin von La Strada: eine NGO niederländischen Ursprungs, die auf die Legalisierung der Prostitution in Osteuropa hinarbeitet unter dem Vorwand, Menschenhandel minimieren zu wollen.

Auch Schweden hat eine Repräsentantin: Eine Doktorandin der Universität von Lund. Sie ist noch nicht fertig mit ihrer Abhandlung und hat auch noch keinen einzigen von Experten begutachteten Fachartikel zu diesem Thema veröffentlicht oder in einer wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert. Sie hat noch keine Studie über Menschenhandel oder die Nachfrage nach Sexkauf durchgeführt: die Themen, um die es in diesem Projekt gehen soll. Wie kommt es also, dass sie für dieses Projekt ausgewählt wurde? Nun, ihr Name ist Petra Östergren und sie ist die lauteste Kritikerin des schwedischen Sexkaufgesetzes der letzten fünfzehn Jahre. Sie ist außerdem die einzige Anthropologin in Schweden, deren Doktorarbeit von der Ax-son Johnsons Stiftung gefördert wurde.

Östergren hat nun 300.000 Euro erhalten, um das schwedische Team zu leiten. Zusammen mit bekannten ProstitutionslobbyistInnen und WissenschaftlerInnen ohne Fachkompetenz in diesem Gebiet soll sie Maßnahmen gegen Menschenhandel evaluieren - wie zum Beispiel das schwedische Sexkaufgesetz. Gibt es irgendjemanden der/die glaubt, dass das Resultat objektiv sein wird?

Ich habe Alfred Kraler, den Initiator des Projektes, angemailt. Ich habe gefragt, nach welchen Verdiensten die ForscherInnen ausgesucht wurden. Er antwortete, sie wurden ausgesucht auf der Grundlage früherer Studien. Als ich ihn fragte, ob er mir die Studien zeigen könne und ob irgendeineR der Partizipierenden jemals eine Studie über Männer, die Sex kaufen, durchgeführt habe, schrieb er "wir sind nicht in erster Linie interessiert daran zu verstehen, warum Männer Sex kaufen. Wir erforschen die Prostitution nicht empirisch. Wir wollen vielmehr die Auswirkungen verschiedener Gesetze, die Prostitution regulieren, untersuchen.

Er ergänzte außerdem, dass Östergren in der schwedischen Gruppe nicht alleine sei. Es gibt jemanden, der ihr hilft - Don Kulick. Nur dass dieser Mann dafür bekannt ist, Sexkäufer als "die queeresten Menschen hierzulande in Schweden" zu bezeichnen und der das Recht von 400.000 schwedischen Männern, Sex zu kaufen, verteidigt und jüngst Männern mit Behinderung applaudierte, die nach Thailand flogen, um Sex zu kaufen.

Dass diese Gruppe bekannter Lobbyistinnen von der EU eingesetzt wurde, um Menschenhandel zu untersuchen, ist ein schlechter Scherz. Die besten europäischen ForscherInnen zu diesem Thema, Julia O'Connell Davidson und Sven-Axel Månsson, mit mehr als 30 Jahren Forschungserfahrung zur Nachfrage, werden völlig übergangen. Die anderen ForscherInnen der DemandAT-Gruppe haben in der Regel niemals zu Prostitution geforscht, sondern in Richtung Migration, Fischerei, Landwirtschaft und Grenzpolitik - Dinge, die ganz anderen Mechanismen unterliegen als das männliche Interesse, Sex zu kaufen. Und wer soll nun dieses Projekt überwachen? Niemand geringeres als die NGO der Sexindustrie: GAATW.

Ist der schwedischen Regierung bewusst, dass Schweden von Menschen repräsentiert wird, die nicht nur die schwedische Position bezüglich Prostitution ablehnen, sondern denen auch die notwendigen Kompetenzen fehlen?

Ist den verantwortlichen EU-KommissarInnen bewusst, dass die Steuergelder, die für eine Studie zur Nachfrage gedacht waren, nun in ein Loch unserer skrupellosesten LobbyistInnen fallen?

Montag, 19. Mai 2014

Gedanken über wissenschaftliche Glaubwürdigkeit

By Manfred Brückels (Own work)
[CC-BY-SA-3.0],
via Wikimedia Commons
Wenn es um das Nordische Modell geht begegnet einem in Deutschland immer wieder der Name Susanne Dodillet. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass ihr von schwedischen Wissenschaftler_innen der Vorwurf gemacht wird, in ihrer Arbeit nicht wissenschaftlich gearbeitet zu haben. Warum dies im Einzelnen so ist, wird im Folgenden deutlich.

Sven-Axel Månsson: Gedanken über wissenschaftliche Glaubwürdigkeit nach der Lektüre von Susanne Dodillets Buch "Ist Sex Arbeit?"

(Der Autor ist Professor für Soziale Arbeit an der Universität von Göteborg – es handelt sich um eine Übersetzung vom Schwedischen ins Deutsche. Kleine Abweichungen vom Originalwortlaut sind deshalb nicht ausgeschlossen.)

Der Gegenstand des Buches, bei dem es sich um eine Dissertation in den Geisteswissenschaften handelt, ist der Vergleich der deutschen und schwedischen Gesetzgebung seit den 70er Jahren. Der Hintergrund ist, dass diese beiden Länder verschiedene Wege beschritten haben. Deutschland hat eine aktive Legalisierung der Prostitution implementiert. 2001 beschloss das Parlament ein Gesetz, dessen Ziel es war Prostitution in die Gesellschaft zu integrieren. Das Gesetz regelt die Prostitution in Bezug auf zahlreiche Bereiche. Vereinfacht könnte man sagen, Prostitution wird wie ein Beruf wie jeder andere behandelt. Die Gesetzgebung in Schweden verlief anders. Um die Prostitution zurückzudrängen wurde deshalb u.a. beschlossen den Kauf von sexuellen Leistungen zu verbieten.

Die Verfasserin argumentiert in der Einleitung ihrer Dissertation, dass es nicht ihr Ziel ist irgendeines der Gesetze abzulehnen, ohne verstanden zu haben warum die jeweiligen Regierungen zu solch unterschiedlichen Verfahrensweisen gegriffen haben. Trotz dieser Versicherung merkt der Leser/die Leserin ganz schnell wo die persönliche Sympathie liegt. Eine der Haupt-Behauptungen von Dodillet ist, dass die schwedische Gesetzgebung über die Köpfe der Betroffenen, denen es helfen soll, der Prostituierten, hinweg eingeführt wurde. Die deutsche Gesetzgebung hingegen sei auf der anderen Seite das Ergebnis der Inspiration und der Wünsche der Betroffenen selbst.

Meine Kritik setzt nun da an, wie die Autorin diese Behauptung zu unterlegen versucht. Ich bin der Meinung, dass es ernsthafte Zweifel an der Akribie, Sorgfalt und Glaubwürdigkeit gibt. Vielleicht wird diese Arbeit nicht anerkannt werden; Ich komme zu diesem Punkt später zurück. Darüberhinaus muss man sagen, dass meine Kritik besonderen Bedingungen unterliegt. Denn ich bin eine der Personen, deren Bücher auf diesem Gebiet in dem Text durchleuchtet werden. Das ist eine merkwürdige Situation, denn ich muss bei der Lektüre angesichts der starken Verdrehungen und tendenziösen Darstellungen meine Emotionen zurückhalten. (Eigentlich ist das eine Stärke? - Samtidigt är det en styrka) Ich finde meine eigenen Texte in dem Buch, sie sind leicht zu finden, und erkenne sie angesichts der manipulativen Selektivität kaum mehr selbst wieder.

In Dodillets Arbeit geht es auch um die schwedische Prostitutionspolitik, die auf einem großangelegten wissenschaftlichen und sozialen Programm, welches in Schweden in den 70er und 80er Jahren aufgelegt wurde, beruht. Das Problem ist nur dass sie behauptet die Wissenschaftler_innen hätten Prostituierten nicht zugehört. Darüber hinaus wären sie abgeneigt gewesen "positive Prostitutionserlebnisse" in die Forschung mit einzubeziehen. Die Bücher und Forschungspapiere dieser Zeit malten ein zu düsteres Bild der Prostitution. Außerdem, glaubt sie, hätten die Sozialarbeiter_innen, die seinerzeit im Prostitutionsumfeld arbeiteten, den eigenen Willen der Prostituierten nicht respektiert. Die Freude und das Verlangen nach dieser Arbeit seien weder beschrieben, noch anerkannt worden durch die Forscher_innen und Sozialarbeiter_innen, so Dodillet weiter.

Samstag, 19. April 2014

Sollte wirklich ein Zuhälter über Vergewaltigungsfälle urteilen?

Der folgende Artikel erschien am 27. März in der schwedischen Tageszeitung ETC, eine Übersetzung aus dem Schwedischen

Kajsa Ekis Ekman
Ein Mann steht auf:
"Ich habe zweimal in meinem Leben Sex gekauft, aber nach dieser Veranstaltung werde ich das nie wieder tun. Ich könnte nicht mehr in den Spiegel schauen"
Wiesbaden ist eine kleine Stadt in der Nähe von Frankfurt mit knapp 300.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Im 19. Jahrhundert war es ein "Kurort", in dem die europäische Oberschicht ein und ausging, um sich zu entspannen und in den heißen Quellen zu baden. Heute ist sie bekannt für seine amerikanische Militärbasis. Etwa 30.000 amerikanische Soldaten sind hier stationiert. Die meisten werden in Afghanistan eingesetzt. Es ist schon passiert, erzählt eine junge Frau mir, dass Soldaten alles tun würden um ihrem nächsten Kampfeinsatz zu entgehen. Zum Beispiel jemandem in einer Kneipe zusammenschlagen. Sie werden nicht von einem deutschen, sondern vom amerikanischen Militärgericht verurteilt. Oft sind die Strafen sehr moderat, aber sie müssen nicht zurück in den Einsatz. Es kommt auch vor, dass Soldaten sich mit einheimischen Frauen einlassen, eine Familie gründen und in der Stadt bleiben. Oder, dass sie einfach zurück in die USA gehen und Kinder in Wiesbaden zurücklassen wenn ihr Einsatz vorbei ist.

Wie auch in anderen deutschen Städten ist Prostitution allgegenwärtig. Wiesbaden hat etwa 70 "Modellwohnungen" , in der Innenstadt war früher ein Rotlichtbezirk und ein langjähriger Bordellbetreiber wurde gerade in die städtische Gerichtsbarkeit (Schöffengericht) berufen. Dort werden auch Vergewaltigungsfälle verhandelt. Dagegen kann man nichts tun, denn Zuhälter ist genauso ein anerkannter Beruf wie andere Berufe auch.  In dieser Stadt entschieden sich etwa zehn Frauen, dass sie genug davon haben und dass sie den Kampf dagegen aufnehmen sollten. Mit ihrer feministischen Gruppe LISA nahmen sie am 8. März mit Plakaten gegen die Sexindustrie an einer Demonstration zum Internationalen Frauentag teil. Sie wurden eingekesselt und mit Farbe attackiert. Das hält sie jedoch nicht ab und es gelang ihnen sogar noch mehr Frauen für die Arbeit zu gewinnen.

Donnerstag, 17. April 2014

Sein und gekauft sein: Ein Interview mit Kajsa Ekis Ekman

Von Meghan Murphy, 20. Januar 2014, erschienen auf rabble.ca, übersetzt und veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Shero Kajsa Ekis Ekman
Die Schwedin Kajsa Ekis Ekman ist Journalistin und Autorin von „Varat och varan : prostitution, surrogatmödraskap och den delade människan“, das kürzlich auf Französisch und mit dem Titel „Being and Being Bought: Prostitution, Surrogacy and the Split Self“ auf Englisch übersetzt wurde. Am Telefon unterhielt ich mich mit ihr, als sie in Stockholm war.

Meghan Murphy: Was hat Sie dazu bewegt, ein Buch über Prostitution zu schreiben?

Kajsa Ekis Ekman: Zwei Dinge: Praxis und Theorie. Es ist ergiebig, sich einem Thema von zwei Blickwinkeln her zu nähern und es ist sogar notwendig, wenn man sich vornimmt, über so etwas wie Prostitution zu schreiben. Man muss sich die Realität ansehen und außerdem über das theoretische Werkzeug verfügen.

2006, als ich anfing, an dem Buch zu schreiben, kam die Debatte über Sexarbeit hier in Schweden gerade in Gang. Das Gesetz über sexuelle Dienstleistungen trat 1999 in Kraft und damals fand kaum eine Debatte darüber statt. Als die Debatte dann doch aufkam, und zwar scheinbar wie aus dem Nichts, war sie sofort riesengroß und hitzig – auf einmal sagten die Leute Dinge wie: „Das ist doch nur ein Job, dieses Gesetz ist moralisierend, jeder hat das Recht zu tun, was er will“ usw. Ich sah, wie FeministInnen und Leute aus linken Bewegungen auf den Zug sprangen und ihre Meinung änderten, was ich verwirrend fand.

In dieser Zeit lebte ich in Barcelona und teilte mir eine Wohnung mit einer Frau, die sich selbst auf der Umgehungsstraße außerhalb der Stadt verkaufte. Ich sah also alles, was vor sich ging, aus erster Hand. Sie lebte mit ihrem Freund zusammen, der so etwas wie ein Zuhälter war und der am Anfang behauptet hatte, er würde von Banküberfällen leben, wo ich mir schon dachte, dass das nicht stimmen konnte, da er nie vor die Tür ging – er war immer zuhause, hockte vor dem Computer oder brachte sie zur Umgehungsstraße und wieder zurück. Mir wurde schnell klar, dass er auf ihre Kosten lebte.

Ich sah die Realität dieses Lebens und auch, wie andere in ihrem Umfeld in das Geschäft mit dem Sexverkauf hineingerieten. Die meisten von ihnen waren nicht aus Europa – sie selbst kam aus Russland und es waren auch einige Frauen aus Südamerika dabei. Sie behaupteten, sie würden viel Geld verdienen, aber das war ganz eindeutig nicht der Fall. Wissen Sie, sie verdienten 10 bis 20 Euro die Nacht, kamen nach Hause, beamten sich mit Alkohol ins Koma und am nächsten Tag ging alles von vorn los.

Die Wirklichkeit der Situation passte nicht zu dem, was in der Debatte um „Sexarbeit“ gesagt wurde – es waren zwei verschiedene Welten. Also begann ich, darüber zu schreiben.