In der Reihe von Pro-Prostitutions-Artikeln, die derzeit auf dem Böllblog unter den
Stichworten "differenziert" und "Debatte" veröffentlicht werden, war vorgestern
Gesine Agena dran. Sie ist frauenpolitische Sprecherin der Grünen. Wieder mal werden aus den Handlungsüberlegungen alle diejenigen ausgeblendet, die nicht dem Ideal der "selbstbestimmten Sexarbeiterin" entsprechen. Hier meine Entgegnung, die ich zuerst als Kommentar gepostet hatte, der aber (noch) nicht freigeschaltet worden ist.
Sehr geehrte Gesine Agena,
hiermit haben Sie Recht: “Der Tatsache, dass es Prostitution
gibt, und dass Frauen sich entscheiden in diesem Bereich zu arbeiten,
kann man nicht begegnen, indem man diese Frauen stigmatisiert,
kriminalisiert oder sie zu fremdbestimmten Opfern macht und ihnen die
Entscheidungsfähigkeit abspricht.” Deswegen bedeutet die Einführung des Nordischen Modells genau
das: die Frauen können selbst entscheiden, was sie wollen. Sie
bekommen aber auch Möglichkeiten auszusteigen. Ausstiegsprogramme
gibt es derzeit nämlich lächerlich wenige. Die einzigen, die
bestraft werden sollen, sind die Freier. Denn sie schaffen mit ihrer
Nachfrage einen Markt, der auf Gewalt aufbaut.
Deswegen verstehe ich nicht, warum sie einerseits die Gewalt
anerkennen (“Es geht nicht darum zu leugnen, dass die psychischen
und physischen Belastungen in diesem Berufsfeld hoch sind und das
Umfeld oft von Gewalt geprägt ist.”), andererseits aber dafür
plädieren, die Frauen in einem solchen Umfeld zu halten.
Insbesondere, wenn sie zuvor für die bessere Förderung von
Frauenhäusern plädieren. Beides mal parallel gesetzt, würde das
bedeuten, dass sie stattdessen für misshandelte Frauen eine bessere
Stärkung und Verbleib in der gewalttätigen Partnerschaft fordern
müssen. Weil es ja vom Partner mißhandelte Frauen gibt, die bei dem
Partner bleiben.
Die anderen, die, die rauswollen, bleiben in ihrer Rechnung
ohnehin außen vor. Wie bei sämtlichen Pro-Prostitutionsbeiträgen
Usus, wird sich auch hier nur auf die Frauen fokussiert, die in dem
System bleiben wollen. Was ist mit all denen, die es NICHT wollen?
Müssten sie nicht in das Zentrum der Debatte rücken? Warum werden
sie bestenfalls in einem Halbsatz erwähnt, nie aber zum Maßstab für
Handlungsüberlegungen genommen? Mit welcher empathischen Blindheit
sind Sie geschlagen?
Erzwungener Sex ist Vergewaltigung. Ob das durch Drohungen,
Gewalt, Erpressung, Manipulation oder strukturelle Zwänge ist. Und
bei Prostitution soll das plötzlich nicht mehr gelten? Für Frauen
in der Prostitution soll plötzlich ein anderer Maßstab gelten?
Damit bricht sich durch die Hintertür der Selbstbestimmungsrhetorik
zutiefst bigotte bürgerliche Hurenabwertung: letzteren werden in der
hochakademischen und zugleich ent-empathisierten Pro-Prost-Debatte
nicht dieselben moralischen Rechte zugesprochen, wie den weißen
Akademikerinnen, die hier in gedankenfauler Sattheit ein System
verteidigen, das sie meilenweit entfernt von ihrer Lebenswirklichkeit
wissen. Aber die Bequemlichkeit zahlt sich aus, denn so ist man bei
den Grünen auf Parteilinie. Alles nachvollziehbar. Aber hören Sie
doch bitte auf, das als Haltung zu verkaufen.
Und ich hätte gerne noch erklärt bekommen, was “moralisierend”
ist. Worauf bauen gesellschaftliche Handlungsmaßstäbe Ihrer Meinung
nach auf, wenn nicht auf moralischen Überlegungen?