Donnerstag, 16. Oktober 2014

Ist die Prostitution wirklich als Therapieansatz zu betrachten?

Utagawa Kuniyoshi
[Public domain],
via Wikimedia Commons
von Lora Crohain und Edouard Quentin

Die Sexindustrie passt sich immer wieder an und findet ständig neue Rechtfertigungen für die Prostitution, sobald die vorherigen in der öffentlichen Meinung an Glaubwürdigkeit verlieren.

So war beispielsweise lange Zeit von den unbändigen sexuellen Bedürfnissen der Männer die Rede oder auch von der Unvermeidlichkeit des Systems. Diese Behauptungen sind durch mehrere Nachbarländer untergraben worden, die sich auf einen abolitionistischen Ansatz zubewegen – mit überzeugenden Ergebnissen, die kürzlich bestätigt wurden: Die Männer fielen weder tot um noch litten sie an Dekompensation aufgrund eines Mangels an Sex; darüber hinaus meiden die kriminellen Netzwerke diese für jenen Markt nicht mehr lukrativen Länder.

Der neueste Versuch einer Rechtfertigung erhebt Anspruch auf eine psycho-soziale Rolle der Prostituierten, die Kunden würden ja auch für Zuwendung und ein offenes Ohr zahlen.
Und manchmal sogar ausschließlich dafür, sich jemandem anzuvertrauen zu können und Zärtlichkeit zu erfahren.

Dies impliziert, dass der «Kunde» ein Mann sei, dem es an Liebe mangele oder der von den Frauen schlecht behandelt werde, ein Opfer (seiner Lebenspartnerin, der Gesellschaft) … Dabei lässt sich eine Umkehrung der sonstigen Stereotype beobachten. Die Prostituierte wird definiert als die «gute» Frau, die Männern über den Schaden hinweghilft, der ihnen von den «bösen» Frauen zugefügt wurde, von den Nichtprostituierten, den Selbstsüchtigen, die Männer am liebsten kastrieren würden.

So wird aus der prostituierten Frau die Vertraute und Psychologin (oder gar die Sexualtherapeutin oder Eheberaterin). Doch dieser Anspruch hält einer objektiven und unvoreingenommenen Analyse nicht stand.

Zweifellos ließe sie sich lieber dafür bezahlen, so zu tun, als kümmere sie sich um die Seelennöte der Kunden, anstatt deren Körperkontakt und sexuelle Fantasien über sich ergehen zu lassen. Nur leider ist die Wahrscheinlichkeit, von diesen Männern beleidigt oder vergewaltigt zu werden, ins Unermessliche höher. Sie zahlen für ihre sexuelle Befriedigung, für die Bestätigung ihrer Männlichkeit, und, vielleicht noch vor allem anderen, um für eine Weile den Rausch der absoluten Macht zu genießen – aber mitnichten, um sich einer auf ein Lustobjekt reduzierten Frau anzuvertrauen.


Für einige kann die Prostituierte nur «eventuell» auch diesem Zweck dienlich sein. Diese Ausflucht ermöglicht es ihnen, die Gewalt des Sexkaufs auszublenden und sich selbst über die Realität ihrer Handlungen zu täuschen. Diese Klienten treiben die Abspaltung von ihrem rücksichtslosen Verhalten sowie die Leugnung dessen auf die Spitze.

Ein Verrichtungsbett ist nicht die Couch eines Psychoanalytikers, es ist auch nicht die Praxis eines Psychotherapeuten für kognitive Verhaltenstherapie oder dergleichen, und die prostituierte Frau kann keinen Therapeuten ersetzen.

Eine Psychotherapie basiert auf einer Beziehung von Psyche zu Psyche. Der/die TherapeutIn stellt nur seine/ihre physische Präsenz zur Verfügung, jedoch nie seinen/ihren Körper selbst.

Das Ziel der Psychotherapie ist, mittel- bis langfristig, ein schrittweises Erlangen von Selbständigkeit des Patienten. Die psychische Aufarbeitung wird zwischen den Therapiesitzungen durch den Patienten weitergeführt; während dieser Zwischenräume kann der Patient die in den Sitzungen gemachten Erfahrungen nachhaltig verarbeiten und assimilieren. Die Auswirkungen therapeutischer Vorgänge entfalten sich erst im Nachhinein. Wenn es auch zu einer unmittelbaren Erleichterung führen kann, so liegt sein eigentlicher Wert doch in der «Retardwirkung».

Von Sitzung zu Sitzung und mit fortschreitender Wiederherstellung des Selbst seines/ihres Patienten muss der/die PsychotherapeutIn seine/ihre eigene Präsenz immer weniger notwendig werden lassen. Gemeinsam erkennen sie dann den Zeitpunkt für die Beendigung der Therapie, weil keine weitere Hilfe benötigt wird.

Dagegen versucht die prostituierte Frau, ihre «guten» Kunden an sich zu binden, jene, die ruhig sind und weniger verstiegene Forderungen äußern, indem sie sie in dem Glauben an eine ganz besondere und privilegierte Beziehung zu ihr lässt. Es handelt sich daher in diesem Fall nicht um eine Therapie, sondern um eine Täuschung.

Die Psychotherapie lässt dem Raum, was den Menschen zum Menschen macht, aber oft verdrängt wird. Dies erlaubt den Impulsen, sich anders auszudrücken als im ausschließlichen und sofortigen körperlichen Vergnügen, welches lediglich auf die Beseitigung der Anspannung der Begierde abzielt. Dieser zwanghafte Genuss auf rein körperlicher Ebene, das unkontrollierte Ausleben der Fantasievorstellungen durch jene Männer, die die Kunden der Prostitution darstellen, definiert den Prostitutionsakt an sich. Dadurch erübrigt sich die bereichernde Suche nach dem/der anderen, das gegenseitige Kommunizieren der Erregung von Körper und Geist in der Verführung und im symbolischen Sich-Öffnen.

Mit anderen Worten, die Prostitution beruht auf einer Logik, die der einer Psychotherapie genau entgegengesetzt ist; denn was sich im Prostitutionsakt abspielt, ist ein Kontakt zwischen Körpern, dessen Bedeutung nicht über diese kurze Begegnung hinausgeht. Der Akt der Prostitution dient der Beseitigung einer sexuellen Spannung auf Seiten des Käufers über die Mechanik der Körper, deren Ziel darin besteht, den Käufer zur Ejakulation zu bringen.

Die Prostitution bietet keinen psychologischen Raum für die Hinterfragung des Fortbestehens dieser sexuellen Spannung, noch des Kontextes, der diese verschärft… Sie stellt nicht die Rechtmäßigkeit dessen in Frage, dass die Prostitutionskunden ihre Fantasien ausleben oder die Tatsache, dass diese auf der Missachttung anderer (zumeist Frauen) beruhen; sie stellt ebenso wenig in Frage, dass jene Fantasien auf dem Willen beruhen, diese zu unterwerfen, wenn nicht gar zu zerstören.

Beim Kunden wird im Anschluss an den Prostitutionsakt auch nicht der Wunsch nach einer Veränderung wachgerufen. Die Wirkungsweise des Prostitutionsakts besteht ausschließlich im sofortigen Druckabbau, der von Neuem erstrebt wird, sobald die sexuelle Spannung wieder drängender wird, verstärkt durch die genannten, immer gleichen und immer wiederkehrenden Fantasien.

Er fühlt sich somit bestätigt und legitimiert in seinem guten Recht auf ein Ausleben seiner Fantasien sowie darin, den anderen als sexuelles Ventil für seine seelischen und körperlichen Störungen zu benutzen. Jeder Besuch entfremdet ihn ein wenig mehr in seiner entmenschlichten Welt, der er praktisch (heuchlerisch… zynisch) den Anstrich hedonistischer Freiheit gibt. In jedem Fall ist es ihm egal, welche Spuren seine sexuelle Entladung auf dem Körper der prostituierten Frau, auf ihrem eigenen Körperbild und in ihrer Psyche zurücklässt.

Nein, der Kunde hat nichts von einem Patienten; er will sich nicht behandeln lassen, er will konsumieren. Die prostituierte Frau dagegen hat nichts von einer Psychotherapeutin; sie wird benutzt und zum Objekt gemacht, und ein ums andere Mal ist sie es, die von jenen beleidigt wird, die das Gegenteil behaupten.

Wärmstens empfehlen wir die Geschichte von Inès (Französisch), die mit analytischer Präzision unter anderem über ihre Erfahrungen in der Prostitution spricht und über jene Kunden, die sich von einer Prostituierten gehört und verstanden wähnen.


Originalquelle: Faut-il vraiment considérer la prostitution comme une activité thérapeutique?

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